Architektur

Der Mainzer Dom ist Ergebnis der regen Bautätigkeit der Mainzer Erzbischöfe und Domherren über Jahrhunderte hinweg. Trotz vieler Umbauten, Erweiterungen und Zerstörungen prägen die ursprüngliche Bauidee, die alten Grundmaße und der romanische Baustil das Gesamtbauwerk bis heute. Von Anfang an war der Dom als Pfeilerbasilika mit zwei Chören konzipiert. Der liturgische Schwerpunkt lag stets im Westen.

Bauidee

Die beiden Chorbauten des Doms unterschieden sich früher durch ihre liturgische Nutzung. Während der Ostchor seit der Fertigstellung im 13. Jahrhundert von der Dompfarrei für den Gottesdienst genutzt wurde (ebenso die Liebfrauenkirche), blieb der Westchor dem Bischof und dem hohen Klerus vorbehalten. Diese Trennung gibt es heute nicht mehr: Seit dem frühen 19. Jahrhundert ist der Hauptaltar im Westen der Platz für die Messfeier, der Ostchor in erster Linie Ort für das Stundengebet.

Manche Kunsthistoriker sahen hingegen in der Doppelchor-Form den mittelalterlichen Reichsgedanken architektonisch umgesetzt: Danach gehörten zur Verwirklichung des christlichen Imperiums Kirche und Reich untrennbar zusammen. Geistliche und weltliche Macht galten als gemeinsame Beschützer des gläubigen Volks. Diesen Herrschaftsgedanken verkörpere der Mainzer Dom mit dem Westchor als Sitz des Bischofs und dem Ostchor als kaiserlichem Bereich. Diese Deutung wird heute jedoch nicht mehr vertreten.

Mit dem Bau des Doms wollte Erzbischof Willigis (975-1011) seine herausragende Stellung im Reich und in der Kirche zum Ausdruck bringen: Entgegen der üblichen Kirchengestaltung befindet sich der Hauptaltar des Doms nicht im Osten, sondern im Westen. Diese Ausrichtung kopiert die besondere Aufstellung des römischen Papstaltars in St. Peter. Der Anspruch des Heiligen Stuhls von Mainz als ein "Zweites Rom" wurde dadurch ebenso unmissverständlich demonstriert wie durch die gewaltigen Ausmaße der Kathedrale.

Maße und Zahlen (c) Dombauamt Bistum Mainz

Baustile

Bereits der Urbau des Doms wurde unter Erzbischof Willigis (975-1011) im Stil der Romanik ausgeführt. Auch bei späteren Veränderungen behielt man den Stil bei, sogar über die eigentliche Kunstepoche hinaus. Deshalb ist Entwicklung der romanischen Architektur am Mainzer Dom deutlich ablesbar: So steht die frühe schlicht-monumentale Bauweise aus der ottonischen und salischen Kaiserzeit der reich gegliederten, spätromanischen Architektur der Stauferzeit gegenüber.

Die ältesten sichtbaren Bauteile sind die unteren vier Geschosse der beiden seitlichen Treppentürme der Ostgruppe sowie Wandteile des nördlichen Querbaus. Sie stammen aus der Phase der Domgründung (um 1000).

Nach dem Dombrand von 1081 wurden im 12. Jahrhundert die monumentale Ostgruppe mit der halbrunden Apsis und der Zwerchgalerie sowie das dreischiffige Langhaus mit den wuchtigen Pfeilern gebaut. Die romanische Ostkrypta wurde entweder nicht fertig gestellt oder nach 1200 bis auf die Umfassungsmauern beseitigt. Als Privatkapelle des Erzbischofs entstand 1137 die Gotthard-Kapelle.

Rund einhundert Jahre später wurde der Aufbau der Westgruppe im formenreichen spätromanischen Stil vollendet. Davon erhalten sind der Westchor, das große Querhaus sowie die unteren Stockwerke des Vierungsturms und der Seitentürme. Weiterhin stammt die Memorie aus dieser Bauphase.

Mit der Weihe am 4. Juli 1239 war der Aufbau des Mainzer Doms in seiner bis heute erhaltenen Grundform und wesentlichen Gestaltung vollendet.

Zeitgleich mit der Vollendung des romanischen Doms (1239) setzte sich die Gotik in Mainz durch. Als erstes Werk im Dom entstand um 1240 der Westlettner des bekannten "Naumburger Meisters". Von dieser im 17. Jahrhundert abgebrochenen Chorschranke blieben die Treppentürmchen erhalten; Fragmente des frühgotischen Skulpturenschmucks sind im Dom- und Diözesanmuseum ausgestellt.

Mit dem Anbau von gotischen Seitenkapellen zwischen 1279 und 1319 erfolgte der erste wesentliche Eingriff in die romanische Architektur des Doms: Die Außenwände des Langhauses wurden durchbrochen und der Bau an der Nord- und Südseite jeweils um eine Kapellenreihe erweitert.

Aus der formenreichen Spätgotik stammen der Kreuzgang und die anschließenden Kapitelsäle, die unterirdische Nassauer Kapelle, das Ägidienchörlein als Erweiterung der Memorie sowie die Memorienpforte und die Nikolauskapelle.

Auch die beiden Haupttürme wurden im gotischen Stil umgestaltet. Während das gotische Glockengeschoss des Westturms bis heute erhalten blieb, wurde die gotische Aufstockung des Ostturms 1870 abgebrochen und durch einen neoromanischen Turm ersetzt.

Glanzvoller Höhepunkt der späten Barockzeit sind die 1769-1774 von Ignaz Michael Neumann geschaffenen Turmhelme im Westen. Sie entstanden nach dem verheerenden Dombrand von 1767 und prägen bis heute das Bauwerk und das gesamte Stadtbild. Die charakteristischen Turmbekrönungen gelten als geniale Verschmelzung des Rokokostils mit den älteren, unteren Bauteilen.

Die kleinen Häuser an der Nordseite des Doms stammen aus der gleichen Zeit und dienen teilweise noch heute den Mitgliedern des Domkapitels als Wohnungen. In Mainz blieb die historische Domumbauung weitgehend erhalten. Noch heute überragt die Kathedrale daher das Häusermeer der Stadt wie ein steinernes Gebirge.

Der Mainzer Baumeister Johann Valentin Thomann gestaltete um 1770 die Vorhalle zum Hauptportal mit einem monumentalen Triumphbogen. Von der barocken Innenarchitektur zeugen noch die beiden Emporen seitlich des Hauptaltars (1683).

Die Bauarbeiten im 19. Jahrhundert galten vor allem der Sicherung und der historisierenden Erneuerung des Doms. 
Eine bedeutende Veränderung am äußeren Erscheinungsbild nahm der hessische Hofbaumeister Georg Moller vor: Nach der Zerstörung der östlichen Turmgruppe (1793) konstruierte er 1828 für den gotischen Mittelturm eine eiförmige Eisenkuppel als neuen Abschluss. Die spektakuläre "Moller-Kuppel" krönte jedoch nur für rund 40 Jahre den Ostturm. Aufgrund von vermuteten Statik-Problemen, aber auch wegen massiver Kritik an der außergewöhnlichen Kuppel, musste der gesamte Turm schließlich abgetragen werden.

1870-1879 erhielt die Ostgruppe ihr heute bekanntes Aussehen. Der achteckige Mittelturm wurde im neoromanischen Stil neu aufgebaut und erhielt einen spitzen Turmhelm in freier Anlehnung an das mittelalterliche Aussehen, jedoch erheblich höher. Gleichzeitig wurden die oberen Geschosse der Seitentürme im neoromanischen Stil rekonstruiert und erhielten passende Abschlüsse. Auch im Innern wurde der Ostchor des Doms nach dem Geschmack der Zeit umgestaltet.