Predigt im Rahmen der Fastenpredigten in der Pfarrei Heilige Familie Langen/Egelsbach/Erzhausen 08.03.2026

Christus schafft Augenhöhe – und warum die Begegnungen Gottes mit Frauen mehr sind als Frauengeschichten

predigt_langen (c) Stephanie Rieth
Datum:
So. 8. März 2026
Von:
Stephanie Rieth

Predigt der Bevollmächtigten des Generalvikars, Stephanie Rieth, am 3. Fastensonntag und Weltfrauentag in der Albertus Magnus Kirche in Langen: „Jesus sieht diese Frau. Und diese Begegnung ist in ihrer Aussage weit mehr als eine biblische Frauengeschichte. Denn vielleicht beginnt Heilung genau dort: wo Menschen endlich gesehen werden. Wo ihre Geschichte ernst genommen wird. Wo ihre Würde wieder sichtbar wird.“

Ich habe heute etwas mitgebracht, liebe Gemeinde, was mir bei der Auslegung dieses so bemerkenswerten Evangeliums helfen soll und ich möchte darin auch etwas über meinen persönlichen Zugang verraten – also ein Glaubenszeugnis geben.

Dieses Bild hier hängt in meinem Arbeitszimmer zu Hause – es ist ein Kunstdruck eines Bildes von Lucas Cranach, dem Älteren und zeigt Christus und Maria Magdalena. Datiert wird es auf 1508. Lucas Cranach war ein Maler der Renaissance und Freund Martin Luthers. Er hat viele Frauengestalten der Bibel gemalt und damit Frauen zu einer Sichtbarkeit verholfen, die für die damalige Zeit besonders war.

Eine etwas kleinere Version von diesem Bild hängt in meinem Arbeitszimmer im Generalvikariat. Warum dieses Bild und warum gleich zweimal?

Nun – ab und an brauche ich dieses Bild: Manchmal macht es mir Mut, dass sich meine Arbeit lohnt und wir auf einem guten Weg sind, manchmal, wenn da Rückschläge und Tiefschläge kommen, schenkt es mir Trost. Und es lädt mich zum Gespräch mit Christus ein.

Warum dieses Bild? Weil es für mich eine Vision darstellt, weil es für mich darstellt, was ich zutiefst glaube und wovon ich überzeugt bin: Christus schafft Augenhöhe!

Ja, vielleicht ist das ein mittlerweile abgedroschener Begriff aus dieser Zeit, der schnell zur Worthülse wird, wenn man ihn nicht füllt. Das Auffällige an diesem Bild ist: Die beiden Christus und Maria Magdalena schauen nicht einander an. Maria schaut nicht unterwürfig zu Jesus auf. Sie stehen nebeneinander, partnerschaftlich, vertraut miteinander, sie können sich aufeinander verlassen und blicken in die gleiche Richtung - gemeinsam nach vorne, in eine ungewisse Zukunft, die nicht nur rosig sein wird.

Für mich ist das ein starkes Bild von Kirche, dem ich mich verpflichtet weiß: Menschen, die gemeinsam auf Christus schauen, gemeinsam unterwegs sind – Männer und Frauen. Und für mich ist dieses Bild auch ein guter Schlüssel für das Evangelium dieses Sonntags: die Begegnung Jesu mit der Samariterin am Jakobsbrunnen.

Die Szene ist einfach erzählt:

Jesus ist auf dem Weg von Judäa in seine Heimat nach Galiläa. Er muss dabei durch feindliches Gebiet und macht Rast am Jakobsbrunnen, einem symbolträchtigen Ort für den Streit zwischen den Samaritern und den Juden zur Zeit Jesu. Es ist Mittag. Eine Frau kommt, um Wasser zu schöpfen. Und Jesus sagt zu ihr: „Gib mir zu trinken.“

Allein dieser Satz beinhaltet mehrere Überraschungen, die bei genauerem Hinsehen bahnbrechend sind. Ein jüdischer Mann spricht öffentlich eine Frau an – noch dazu eine Samariterin. In der damaligen Welt überschreitet Jesus damit gleich mehrere Grenzen: religiöse, kulturelle und soziale.

Aber er beginnt nicht mit einer Belehrung.

Er beginnt mit einer Bitte.

Er macht sich abhängig von dieser Frau.

Das ist der erste Schritt dieser Begegnung.

Das Gespräch, das sich daraus entwickelt, gehört zu den längsten theologischen Gesprächen im Johannesevangelium und deswegen – sehen Sie es mir bitte nach – mussten oder durften Sie diesen Text heute in der gesamten Länge hören. Wie so oft bei Johannes bewegt sich das Gespräch auf zwei Ebenen: Es geht um Wasser, um das Lebensmittel – und zugleich um das „lebendige Wasser“, das den ganz anderen Durst des Menschen stillt.

Doch es gibt einen weiteren Grund, weshalb ich heute möchte, dass Sie alle die Langfassung hören können. Annette Jantzen – eine Theologin und Autorin, die einen wunderbaren Blog betreibt „Gotteswort weiblich“ – ich empfehle ihn unbedingt – macht etwas vergleichbares mit den biblischen Texten, was auch Lucas Cranach mit seinen Bildern getan hat: Sie macht Frauen sichtbar und sie macht sichtbar, wo und auf welche Weise in der Verwendung und Auswahl biblischer Texte durch die Kirche Frauen unsichtbar gemacht wurden und bis heute werden. Sie macht dies sehr klug und professionell, ohne Vorwurf oder Groll gegen „die“ Männer. Sie transportiert aber eben auch auf authentische Weise, was es mit Frauen macht, wenn sie nicht gesehen werden.

Das was in der Kurzfassung des heutigen Textes wegbleiben würde, ist nach Annette Jantzen so wichtig, um die Erzählung richtig zu verstehen.

Denn wie geht es später weiter:

Mitten im Gespräch über die theologische Bedeutung des Wassers und als die Frau erkennt und um das Wasser bittet, das nur Jesus ihr zu geben vermag, sagt Jesus plötzlich zu der Samariterin:

„Hol deinen Mann.“

Viele haben diese Stelle lange moralisch gedeutet: als Hinweis auf das mutmaßlich sündige Leben dieser Frau. Fünf Männer habe sie gehabt, heißt es, und der jetzige sei nicht ihr Mann.

Annette Jantzen schlägt eine andere Lesart vor – eine, die historisch sehr viel plausibler ist: Die vielen Ehen dieser Frau sind wahrscheinlich kein moralisches Problem der Frauen, sondern ein Zeichen ihrer Armut und Rechtlosigkeit. Frauen konnten damals kaum eigenständig für ihren Lebensunterhalt sorgen. Sie waren rechtlich auf Männer angewiesen. Mehrfach hintereinander zu heiraten, bedeutete oft schlicht: zu überleben. Und der Mann, mit dem sie jetzt lebt, gibt ihr nicht einmal den Schutz einer Ehe.

Jesus deckt hier also kein moralisches Vergehen der Frau auf, sondern er sieht sie: in der Realität ihres Lebens. Und Annette Jantzen verbindet diese Szene mit einer anderen Frau der Bibel: mit Hagar in der Wüste. Hagar nennt Gott einmal in einer für sie existentiellen Situation „El-Roi“, was übersetzt heißt: Gott schaut auf mich. Eine Geschichte übrigens, die in der Leseordnung der Katholischen Kirche als Auswahlerzählung auf einen Wochentag in der 12. Woche im Jahreskreis platziert ist und in dem diese entscheidende Deutung durch Hagar fehlt – wir haben sie eben gehört: „Da nannte sie den Namen des HERRN, der zu ihr gesprochen hatte: Du bist El-Roi – Gott schaut auf mich -. Denn sie sagte: Gewiss habe ich dem nachgeschaut, der auf mich schaut!“ Diese wunderbare theologische Deutung durch eine biblische Frau wird in der Leseordnung einfach herausgeschnitten.

Gott schaut auf mich: Genau das geschieht auch im Evangelium.

Diese Frau wird gesehen.

Nicht reduziert auf ihre Lebensgeschichte.

Nicht beschämt.

Nicht moralisch abgeurteilt.

Sondern gesehen.

Und genau daraus wächst der Glaube der Samariterin: sie erkennt, wem sie da begegnet.

Heute ist der 8. März – der Internationale Frauentag der Vereinten Nationen.

In diesem Jahr steht er unter dem Motto: „Rights. Justice. Action.“ – Rechte. Gerechtigkeit. Handeln. Die Botschaft dahinter ist schlicht und zugleich radikal: Gleiche Rechte und Gerechtigkeit für alle Frauen und Mädchen sind ein grundlegendes Menschenrecht. Wenn wir das Evangelium heute hören, merken wir: Die Begegnung Jesu mit der Samariterin hat genau mit diesen Themen zu tun.

Es geht um eine Frau, deren Rechte begrenzt sind.

Um eine Frau, deren Leben von Abhängigkeiten geprägt ist.

Um eine Frau, die im gesellschaftlichen Gefüge kaum Sicherheit hat.

Und Jesus begegnet ihr nicht von oben herab. Er begegnet ihr im Gespräch – auf Augenhöhe. Er, der Sohn Gottes, traut ihr Theologie zu, über Gott zu sprechen, denn nichts anderes heißt Theologie in seiner Wortbedeutung: Reden von Gott. Er führt mit ihr ein theologisches Gespräch, wie er sie sonst nur mit seinen Jüngern führt.

Und am Ende passiert etwas Bemerkenswertes: Diese Frau wird zur Verkünderin.

Sie geht zurück in ihre Stadt und erzählt von ihrer Begegnung mit Jesus. Und das Johannesevangelium sagt ausdrücklich in Vers 39: Aus jener Stadt kamen viele Samariter zum Glauben an Jesus auf das Wort der Frau hin…“

In der Kurzfassung wird genau dieser entscheidende Hinweis herausgeschnitten. In der Kurzfassung heißt es nur: „Aus jener Stadt kamen viele Samariter zum Glauben an Jesus.“ Es wird unterschlagen, dass diese Frau zur ersten Missionarin in Samaria wird. Dieser Gedanke berührt mich persönlich sehr.

Ich stehe heute hier als eine privilegierte Frau. Ich habe Bildung erfahren dürfen. Ich konnte studieren. Ich habe berufliche Anerkennung. Ich verdiene so viel wie mein Mann und wie meine Kollegen. Und ich habe das höchste Amt erreicht, das Frauen in der katholischen Kirche in Deutschland derzeit erreichen können.

Das ist ein Privileg. Und gleichzeitig ist diese Pionierarbeit oft unglaublich anstrengend.

Denn vieles, was eigentlich selbstverständlich sein sollte, ist es noch nicht. Wenn Frauen predigen, so wie ich heute, dann darf es offiziell nicht „Predigt“ heißen. Dann wird daraus eine „Ansprache“, eine „Katechese“, ein Dialog oder eben ein Glaubenszeugnis.

Das mag nach einer kleinen sprachlichen Nuance klingen. Aber es zeigt auch, wo wir kirchlich noch stehen. Ich sage das nicht, um zu klagen. Sondern weil der heutige Evangelientext zeigt: Jesus selbst ist Frauen anders begegnet.

Er hat ihnen zugehört.

Er hat mit Ihnen über Gott gesprochen.

Und er hat sie zu Zeuginnen gemacht.

In meiner Arbeit – auch im Bistum – beschäftige ich mich viel mit Themen von Machtmissbrauch und sexualisierter Gewalt. Viele Betroffene sind Frauen. Aber unabhängig vom Geschlecht haben Betroffene lange erlebt, dass ihre Stimmen nicht gehört wurden. Auch das gehört zur Realität unserer Kirche. Gerade deshalb berührt mich diese Begegnung am Brunnen so sehr: Jesus sieht diese Frau. Und diese Begegnung ist in ihrer Aussage weit mehr als eine biblische Frauengeschichte. Denn vielleicht beginnt Heilung genau dort: wo Menschen endlich gesehen werden. Wo ihre Geschichte ernst genommen wird. Wo ihre Würde wieder sichtbar wird.

Diesen Gedanken greift auch der sogenannte Weltgebetstag der Frauen auf, der immer am ersten Freitag im März also in zeitlicher Nähe zum Weltfrauentag ökumenisch gefeiert wird. In diesem Jahr wurde die Lebenswirklichkeit von Frauen in Nigeria in den Mittelpunkt gestellt und damit sichtbar gemacht. Jahr für Jahr kommen Frauen mit ganz unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten zu Wort. Ihre Stimmen werden gehört. Ihre Erfahrungen werden ins Gebet der Weltkirche hineingetragen. In gewisser Weise geschieht dort etwas Ähnliches wie im heutigen Evangelium: Eine Frau erzählt von ihrer Erfahrung mit Gott – und andere hören zu. Und wir tun dies, im Glauben, dass Gott sie immer schon sieht.

Noch einmal Lucas Cranach: Christus und Maria Magdalena stehen so nebeneinander, weil Gott Maria längst angeschaut und gesehen hat, mit allem, was zu ihr gehört, mit ihrer ganzen Geschichte. Und das ermöglicht, dass sie in die gleiche Richtung schauen können.

Für mich ist das ein hoffnungsvolles Bild. Es sagt: Nachfolge Jesu bedeutet nicht übereinander zu hinwegzuschauen oder überhaupt wegzuschauen. Nachfolge Jesu bedeutet, gemeinsam mit Christus und den Brüdern und Schwestern auf das Leben und in die Zukunft zu schauen. Damit Menschen gesehen werden. Damit Würde und Gerechtigkeit und Frieden wachsen.

Und dass wir alle – so wie die Samariterin am Jakobsbrunnen, so wie Hagar in der Wüste – irgendwann sagen können: Ich habe jemanden getroffen, der mich wirklich gesehen hat.