Heute erinnere ich an seine Dankbarkeit und seine Freude am Leben

Predigt von Bischof Peter Kohlgraf beim Pontifikalrequiem für Monsignore, Geistlicher Rat, Pfarrer i. R. Klaus Mayer Mainz, Sankt Stephan, Freitag, 23. Dezember 2022, 10.00 Uhr

95. Geburtstag Mayer (c) Bistum Mainz / Blum
Datum:
Fr. 23. Dez. 2022
Von:
Bischof Peter Kohlgraf

Ich bin Klaus Mayer mehrere Male in meinen Jahren als Bischof begegnet. Und eines kann ich sicher sagen: Von ihm strahlte eine tiefe Dankbarkeit und positive Kraft aus. Wenn er von Dankbarkeit für sein Leben sprach, war dies kein bloßes Lippenbekenntnis. Wir bräuchten heute viele solche Menschen. Menschen, die die Wirklichkeit der Welt kennen, aber anderen Mut machen, etwas zu gestalten, zu verändern, dankbar zu bleiben

Sehr geehrte, liebe Frau Seelig, liebe Angehörige, liebe Trauergemeinde!

Wir verabschieden uns heute von einem wirklich herausragenden Menschen und Priester unserer Diözese. Kurz vor seinem 100. Geburtstag ist Msgr. Klaus Mayer verstorben. In diesen fast 100 Jahren ist viel geschehen, Licht und Dunkel prägten sein Leben und das Leben der Familie. Er hat als junger Mensch erfahren, was Antisemitismus, Krieg und Zerstörung bedeuten. Er hat jüdische und christliche Wurzeln, die für ihn später keinen Gegensatz, sondern eine Synthese bildeten. Seine Laufbahn als katholischer Priester war ihm nicht in die Wiege gelegt. Nicht nur Verfolgung hat er erlebt, auch die Kriegsfolgen in Mainz, den Verlust aller Habe. Er ist dann Priester geworden, 1950 ist er im Dom zu Mainz zum Priester geweiht worden. Nach verschiedenen Stellen hat er besonders hier in St. Stephan Herausragendes geleistet. Seinem Engagement verdanken wir die weltberühmten Fenster von Marc Chagall, ein unüberbietbares Zeugnis jüdisch-christlicher Freundschaft und eines gemeinsamen Fundaments. In den Jahren hat Klaus Mayer über 4000 Mal Menschen die Glaubensbotschaften der Fenster und der jüdisch-christlichen Tradition nahegebracht.

Als Bischof ist es mir ein Herzensanliegen, ihm meinen Respekt zu zollen und die Hoffnung auszudrücken, dass sein Erbe hier lebendig bleibt, und das nicht nur als museale Erinnerung. Sie, liebe Frau Seelig, haben Msgr. Mayer seit 1964 begleitet. Dafür darf ich Ihnen an dieser Stelle herzlich danken.

Der Blick auf die Lebensdaten bleibt ein Torso. Denn heute soll es um die Motivation gehen, die Msgr. Klaus Mayer angetrieben hat. Er hat auch mir gegenüber immer wieder die Dankbarkeit betont, die ihn bewegt in der Rückschau auf sein Leben und sein Wirken. Es ging ihm nicht darum, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Er sah eine Führung in seinem Leben, die er mit dem liebenden Gott des Judentums und des Christentums verband. Es war eine historische Fügung, dass er Marc Chagall für die Gestaltung der Fenster hier in Mainz gewinnen konnte. Der biographische und theologische Hintergrund von Klaus Mayer war sicher ein entscheidender Beweggrund für den großen jüdischen Künstler, sich dem Projekt zu stellen.

Ich bin Klaus Mayer mehrere Male in meinen Jahren als Bischof begegnet. Und eines kann ich sicher sagen: Von ihm strahlte eine tiefe Dankbarkeit und positive Kraft aus. Wenn er von Dankbarkeit für sein Leben sprach, war dies kein bloßes Lippenbekenntnis. Wir bräuchten heute viele solche Menschen. Menschen, die die Wirklichkeit der Welt kennen, aber anderen Mut machen, etwas zu gestalten, zu verändern, dankbar zu bleiben. In meinen Gesprächen habe ich von Klaus Mayer weder ein destruktives Wort, noch eine düstere Wahrnehmung der Gegenwart gehört, sondern viel Ermutigung auch für mich als Bischof und unsere Wege heute. Das wird mir in tiefer Erinnerung bleiben. Seine Lebenserfahrung war sicher ein entscheidender Grund dafür, dass er nicht goldenen Zeiten hinterher trauerte, sondern aufmerksam die Gegenwart und ihre Herausforderungen und Chancen verfolgte. Das tat er als Priester, als glaubender und hoffender Mensch. Und alles mit großem Realismus und tiefer Liebe zu Gott und den Menschen.

Ich habe ihn noch vor wenigen Tagen besuchen können. Er war sichtlich müde geworden, strahlte aber die besagte Dankbarkeit aus. Er vermochte loszulassen, und alles in Gottes Hände zu geben. Er hat mir dann drei Gedanken mitgegeben, die seine Zeitgenossenschaft und seine Aufmerksamkeit bis auf das Sterbebett zeigen. Damit hat er eigentlich diese Predigt vorgezeichnet. Drei Themen hat er benannt, die ihn bis zuletzt beschäftigt haben: Die Freundschaft zwischen Judentum und Christentum, die Rolle der Frau in der Kirche und die Frage, wie unsere Kirche wahrhaft „katholisch werden“ könne. Katholisch – das hieß für ihn inklusiv, einladend und eben nicht bewertend und ausgrenzend. Und „werden“ sagte er; das hieß für ihn: Es geht um ein Ziel, nicht um einen derzeitigen Zustand. Eine Aufgabe, nicht eine Wirklichkeit.

Ein Priester mit 99 Jahren darf deutlich den Finger in Wunden legen, Klaus Mayer hat dies getan, nicht nur mir gegenüber. Das Verhältnis zwischen Judentum und Christentum war ihm seit seiner Kindheit ein Lebensthema. Er hat erlebt, wie jüdische Menschen verfolgt und ermordet wurden. Es gab auch Traditionen der christlichen Theologie, die die Feindschaft vertieft hatten. Jesus aber war selbst Jude, die Kirche ist ohne die jüdischen Wurzeln nicht zu verstehen, der erste Teil der Bibel ist uns mit den jüdischen Geschwistern gemeinsam, er hat auch ohne den Glauben an Jesus als Sohn Gottes und Messias einen Eigenwert. Marc Chagall hat auch in den Mainzer Fenstern den untrennbaren Zusammenhang zwischen dem Juden Jesus, dem Glauben des Volkes Gottes und dem Schicksal des Judentums bis zur Schoah dargestellt. Diese Fenster sind ein unglaublicher Beitrag zur Versöhnung und zur Verständigung, weit über unsere Tage hinaus. Es versteht sich von selbst, dass wir an diesem Tag alle antisemitischen und antijüdischen Töne und auch Handlungen unserer Zeit scharf verurteilen. Für Klaus Mayer ging dieses Bemühen um Gemeinsamkeit und Freundschaft aber tiefer. Er stand auch für eine historische und theologische Reflexion der Beziehung zwischen den beiden Religionen. Seine biographische Herkunft steht dafür, dass es für ihn um eine existenzielle Frage ging. Wir haben in der christlichen Theologie viel nachzuholen im Nachdenken darüber, woher wir kommen, was es heißt, jüdische Wurzeln zu haben. Ich bin froh darüber, in Mainz Bischof zu sein mit jetzt guten Beziehungen zu unseren jüdischen Geschwistern. Ich halte es nicht für selbstverständlich, dass sie uns die Hände zur Versöhnung ausstrecken, eine Versöhnung, auf die wir als Christinnen und Christen keinen Anspruch haben. Die gute Beziehung darf sich nicht nur in Ritualen erschöpfen. Es wird immer darum gehen müssen, einander zu begegnen, zu verstehen, zu respektieren, ja, Ehrfurcht zu empfinden vor der langen und tiefen Glaubenstradition unserer Geschwister. Klaus Mayer hat hier einen unverzichtbaren Beitrag geleistet. Er bleibt mir und uns ein verpflichtendes Vermächtnis. Jede Feindschaft und Verachtung sollten wir als Kirche ächten und verhindern.

Klaus Mayer sprach die Bedeutung der Frauen in der Kirche an. In seinem Alter konnte er offen und kritisch die seit lange schwelenden schwierigen Themen ansprechen. Er war nahe an den Fragen der Zeit, verfolgte auch die Themen des Bistums mit großer Aufmerksamkeit. Ihm war mehr als manchem jungen Menschen die Notwendigkeit von Veränderung klar. Mir gegenüber hat er dies immer wieder ausgedrückt. Seit den 1960er Jahren hat Msgr. Mayer die Stagnation in manchen kirchlichen Themen wahrgenommen, auch bezüglich der sogenannten „Frauenfrage“. Wir hätten ihn vielleicht zum „Ad-limina-Besuch“ Rom vor einigen Wochen mitnehmen sollen. Offenbar wird die Frage nach der Weihe der Frau in einen sakramentalen Dienst in absehbarer Zeit keine für Msgr. Mayer zufriedenstellende Lösung finden, aber Leitungsaufgaben und die Ausgestaltung des sakramentalen Dienstes als Priester werden anders ausgestaltet werden müssen. Auch dieses Thema gibt er uns mit.

Wie kann die Kirche katholisch werden? Er verstand dieses Wort einladend. Das will ich mit großer Überzeugung ebenfalls als Auftrag annehmen. Überall dort, wo Menschen in der Kirche und durch die Kirche verletzt werden, ist sie nicht katholisch. Ich glaube nicht, dass Msgr. Mayer dies als Beliebigkeit gesehen hat, er stand für klare Wertmaßstäbe, aber er brannte für die Menschen, als Seelsorger und Priester. Das macht uns dann katholisch.

Heute erinnere ich an seine Dankbarkeit und seine Freude am Leben, an den Menschen und ihren Erfahrungen. Ich arbeite gerne mit vielen anderen an der Freundschaft zwischen Christentum und Judentum. Seine Mahnung bezüglich der verantwortlichen Beteiligung aller Geschlechter an den kirchlichen Diensten und Aufgaben nehme ich sehr ernst. Und wir müssen weiterkommen im wahren „katholisch-Sein“. Menschen wie Klaus Mayer haben unsere Welt verändert. Zur Gestaltung der Welt braucht es vielleicht keine Helden, aber dankbare, aufmerksame und liebevolle Menschen. Wir danken Klaus Mayer und verneigen uns vor seinem Leben, und wir danken Gott für diesen Menschen, der nun in Gottes Händen ruhen möge.

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