Predigt im Kaiserdom St. Bartholomäus in Frankfurt

anlässlich des 1200. Todestages von Karl dem Großen am 25. Januar 2014 („Karlsamt")

Datum:
Samstag, 25. Januar 2014

anlässlich des 1200. Todestages von Karl dem Großen am 25. Januar 2014 („Karlsamt")

Es gibt vielleicht nicht so viele führende Persönlichkeiten in der Weltgeschichte, die so umstritten sind wie Kaiser Karl der Große. Er gilt unbestritten als der mächtigste Kaiser des Mittelalters. Dies hindert andere nicht, das Übelste über diesen mittelalterlichen Herrscher auszusagen: Er gilt als dekadenter Unhold, vom „Sachsenschlächter" zu schweigen. Zugleich aber gilt er als Gründervater Deutschlands und Frankreichs, als wahrhafter Europäer. Manche sehen ihn zur Hölle fahren, zugleich wird er - freilich nicht ohne Widerspruch - in der Kirche heiliggesprochen, ohne jedoch in das offizielle Heiligenverzeichnis aufgenommen zu werden. Warum feiern wir ihn in diesen Tagen in Aachen und Frankfurt, in Ingelheim, Lorsch und Osnabrück, wenn wir am 28. Januar seinen 1200. Todestag in Erinnerung bringen?

Die Frage ist ernst. Die spärlichen verfügbaren Quellen sind nicht so ergiebig, manchmal sind sie auch schon von einer vielleicht allzu großen Verehrung eingefärbt. So quälen sich gerade besonders kenntnisreiche Forscher über dem überaus reizvollen Unterfangen, eine Biografie über Karl den Großen zu schreiben. In der Einleitung z. B. zum großen Buch des Frankfurter Mediävisten Johannes Fried kann man lesen: „Das folgende Buch ist kein Roman, dennoch eine Fiktion. Sie beschreibt das Bild, das sich der Autor von Karl dem Großen oder Charlemagne macht. Es ist subjektiv geformt und gefärbt, auch wenn es die Zeugnisse jener Zeit gebührend heranzieht. Die Tiefe eines Lebens vor 1200 Jahren ist heute nicht mehr auszuloten. So bleibt nur die eigene Imagination ... Eine objektive Darstellung des großen Karolingers ist schlechterdings nicht möglich."

Ich mache also trotzdem - und dies in einer Predigt und als ein Laie im Sinne des Nichtfachmanns auf dem Gebiet der Historie - den Versuch einer Würdigung. Denn wir dürfen das Bild dieses Kaisers nicht in einer unbestimmten Vielseitigkeit und Vieldeutigkeit völlig verschwimmen lassen. Stefan Weinfurter schlägt zu Recht vor, Karls große Leistung in einer „Vereindeutigung" möglichst vieler Lebensbereiche seiner Zeit zu sehen: „Es sind die ungewöhnliche Bündelung der Kräfte und die enorme Effizienzsteigerung auf allen Gebieten der Gesellschaft, Politik und Kultur, die von dieser Epoche ausgehen und jeden, der sich damit beschäftigt, in ihren Bann ziehen."

Nach dem Ende des Weströmischen Reiches und den Nachwirkungen der Völkerwanderung gab es wohl in der Mitte Europas ein fragiles, zerrissenes und widersprüchliches Spannungsgefüge von Völkern, Stämmen und Adelshäusern. Die Kultur schwächelte sehr. Es ist Kaiser Karl dem Großen gelungen, durch das Frankenreich eine neue Einheit und auch einen neuartigen Führungsstil zu schaffen. Es entstand, wenigstens in äußeren Umrissen, ein Großreich, welches nahezu das ganze christliche Europa auf dem Festland umfasste. Außerhalb blieben Spanien und die britischen Inseln. Es gab Eroberungen über den alten Bestand hinaus, z. B. Langobardien, Sachsen und andere Gebiete. Karl erschien als der Inbegriff eines erfolgreichen Herrschers. Viele mittelalterliche Könige und Kaiser versuchten ihn nachzuahmen.

Das neue Großreich besaß ein dominierendes politisches und militärisches Gewicht. „Nach aktuellen Schätzungen umfasste Karls Reich nach 800 etwa 1 Million qkm mit 180 Diözesen (ohne den sich bildenden Kirchenstaat), 700 Abteien, 750 Königsgutbezirken (fisci), in denen 150 Pfalzen mit 25 ausgebauten Residenzen lagen, 150 Gauen in Italien, 20 im fränkischen Spanien, 500 in Gallien und östlich des Rheins." (M. Becher) Heute sehen wir deutlicher, dass es in diesem Reich eine erhebliche Diskrepanz von Anspruch und Wirklichkeit gab. Karl wusste gerade gegen Ende seines Lebens um die Missstände. Vieles scheiterte an den Eigeninteressen der Adligen. Es ist eine tiefe Tragik, dass dieses Reich bald nach Karls Tod trotz der großen Leistungen bröckelte und zerfiel.

Es gibt aber auch Dinge, die Bestand hatten. Diese befinden sich nicht nur im kirchlichen und christlichen Bereich im engeren Sinne. So hat Karl durch die Sammlung des zerstreuten antiken und frühchristlichen Erbes, vor allem in den zahlreichen Abteien, viele Schätze der streckenweise fast schon vergessenen griechischen und römischen Kultur gerettet. Er hat dafür viele Ordensniederlassungen, Bibliotheken, Schulen gegründet und eine ausgesprochene Erneuerung der Bildung eingeleitet. Es kam auch zu einem Neuanfang in der Geschichtsschreibung. Karl hat in seiner Aachener Hofschule, fast so etwas wie eine „Akademie", die besten Gelehrten und Dichter herangezogen. Die Hofschule hatte ein „Bildungsniveau, das seinesgleichen in Europa nicht hatte" (K. Hauck); hier „konnte man für eine Zeitlang wohl am meisten lernen" (F. Brunhölzl). Ich brauche nur den Angelsachsen Alkuin und den aus dem Main-Gau bzw. dem Kloster Fulda stammenden Einhard zu nennen. Ihm verdanken wir ja auch die berühmte Schrift über das Leben Karls des Großen.

Ich möchte ein Detail nennen, das diese Erneuerung besonders aufzeigt. Es geht um eine neue Schriftlichkeit. Karl selbst konnte wohl nicht schreiben, aber lesen, wie es bei nicht wenigen Menschen seiner Zeit der Fall war. Dennoch hat er mit seiner Bildungsreform etwas Grundlegendes geschaffen, das zunächst in einer Schrifterneuerung bestand: Die berühmte karolingische „Minuskel", eine bereinigte Kleinschrift, beseitigte die „Nationalschriften". „Der karolingischen Schriftreform ist es zu danken, dass bis heute die Länder der sogenannten westlichen Welt eine gemeinsame Schrift schreiben." (A. Agenendt) Ich glaube, dass diese einheitsstiftende Maßnahme im Blick auf die Grundlagen des künftigen Europa oft nicht hoch genug eingeschätzt wird. Der Neuanfang resultierte gewiss auch aus den Erfordernissen des Großreiches. Darin gab es eben Gebiete ohne Schriftkultur und Länder mit einer schon bedeutenden Entwicklung des Schriftwesens. Die Schriftlichkeit und das Buchwesen nahmen einen großen Rang ein, „und dies genau in jenem Moment, da die Überlieferung der Antike gerade noch greifbar war. Abgesehen von der Bibel stammen im Westen für fast alle antiken Texte die ältesten Überlieferungszeugen aus der Karolingerzeit." (A. Angenendt)

Ich finde es deshalb nicht angemessen, sich heute manchmal fast dünkelhaft überlegen und allzu selbstsicher von einer Bezeichnung Karls des Großen als „Vater Europas" oder „Haupt Europas" zu distanzieren. Er und seine Zeit sind sicher kein Vorbild für das Europa von heute. Man muss ihn nicht im politischen Sinne zu einer Leitfigur oder einem Idealtypus hochstilisieren. Wir wissen auch, wie sehr das „Dritte Reich" Karl den Großen in völlig falscher Weise verklärt und vernutzt hat. Aber damit ist doch die kulturelle Grundlegungsleistung dieses Kaisers für das künftige Europa nicht zu verwechseln. Dies gilt für viele Bereiche: die Reform des Lateins, die Buchmalerei, die Architektur, die Überprüfung des geläufigen lateinischen Bibeltextes, die Schaffung von Skriptorien. Dadurch wurden auch literarische und wissenschaftliche Begabungen geweckt. Allein aus dem 8. und 9. Jahrhundert sind insgesamt sieben- bis achttausend Handschriften erhalten.

Karl der Große war ein großer Beschützer der Kirche. Er wusste von ihrem einheitsstiftenden Impuls. Dabei kam es ihm sehr auf die Erneuerung des Glaubens an. Karls Kirchenreform begann bei den Bischöfen als den Lenkern und Hirten. Darum drängte er auf die Einhaltung eines vorbildlichen und eifrigen Lebens und Wirkens. Dabei sollte auch das Niveau der Ausbildung und der Seelsorgstätigkeit der Geistlichen angehoben werden. Er drängte auf regelmäßige Visitationen. Viele spätere Reformen finden sich hier in den Anfängen. Leider war der Kaiser selbst im Blick auf die Reformforderungen inkonsequent, besonders wenn die Reformansprüche seiner Herrschaftsausübung entgegenstanden. Ausführlicher müsste noch die Rede sein von der Liturgiereform, die Karl in vieler Hinsicht beförderte, von der Taufe bis zur Beerdigung. Es gibt dabei sogar Ansätze für einen gewiss begrenzten Gebrauch der Volkssprache. Wenigstens das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis sollte jeder Christ auswendig kennen. Von vielem anderen, von der Theologie in dieser Zeit und von der Synode in Frankfurt 794, müsste noch die Rede sein, vor allem aber vom Verhältnis zum Papsttum.

Grundlegend wurde auch das Regierungsprogramm Karls, das ihm wohl sein Theologe Alkuin ausarbeitete: „das Irrige zu berichtigen, das Überflüssige zu beschneiden, das Richtige zu bestärken." Der König bzw. Kaiser hat die Aufgabe, in allen Bereichen die rechte „Norm" durchzusetzen. In diesem Zusammenhang muss auch von dem Verhältnis des Kaisers zum christlichen Glauben die Rede sein. Wir sind heute in Gefahr, die Einheit von Kirche und politischer Gestaltung nur als eine interessengeleitete Indienstnahme im Sinne eines oft auch ideologisch ausgelegten „Benutzens" zu sehen, die letztlich nur der bloßen Herrschaftssicherung dient. Mitten in der Schwäche des Menschen sah Karl im Glauben eine Hilfe zum Finden von Einheit und auch von Solidarität. Er wendete sich oft gegen Gier, Hass und Lüge.

Karl wusste, dass seine Reform trotz zahlreicher Anläufe und vieler einzelner Erfolge unvollendet blieb. Wenige Monate vor seinem Tod sagte er von seinen Reformbemühungen: „Von diesen Kapitularien aber und von alle den anderen, die wir seit vielen Jahren durch unser Reich gesandt haben, wollen wir jetzt endlich durch unsere Missi (Gesandten) genau wissen, was aus all dem geworden ist, und wer das, was dort geboten ist, hält und wer es verachtet und vernachlässigt, damit wir wissen, was mit jenen geschehen soll, die so viele Jahre Gottes Gebot und unser Gesetz missachtet haben." In diesem Sinne möchte ich mir ein Wort von Arnold Angenendt zu eigen machen: „Karls persönliche Rolle ist bei alledem herausragend, und sie darf nicht nur politisch und militärisch beurteilt werden. Es war seine Initiative, dass die Kirchenreform weiter vorangetrieben wurde, auch wenn es dadurch zu Kollisionen mit der eigenen Politik kam. Karl sah in der Religion, näherhin im Gottessegen für sein Reich, den entscheidenden Faktor für seine Herrschaft... Es ist gar kein Zweifel: Karl wollte Christ sein und war es auf seine Weise auch. Persönliche und einschneidende Konsequenzen scheute er nicht."

Wir sprachen am Anfang von den Grenzen unserer Quellen und der Schwierigkeit, eine nach unseren heutigen Maßstäben objektive Biografie zu schreiben. Dies soll nicht geleugnet werden. Es ist schwer genug, uns 1200 Jahre zurückzuversenken. Da müssen wir auch unsere heutigen selbstverständlichen Kategorien kritisch auf die Probe stellen, ob sie das damals Gelebte richtig verstehen und wiedergeben. Karl konnte nach seiner Überzeugung seinen Glauben für sein Reich in Dienst nehmen. Es ist der Sinn unserer Karlsverehrung, dies immer wieder neu zu durchdenken. Heute sehen wir die Mischung von Gutem und Bösem in ihrer Einheit und Verschiedenheit deutlicher. Ich spreche hier gerne von einer Grauzone der Ambivalenz, in der uns nicht immer ein fein säuberliches Urteil möglich ist. Wir sehen die Segnungen durch die einzigartige Herrschaft Karls, verkennen aber auch nicht die Abgründe von Gewalt, durch die manches erreicht worden ist. Es gab Massenhinrichtungen, Zwangstaufen, schreckliche Alternativen zwischen Christwerden oder Sterben. Gleiches wurde mit Gleichem vergolten.

Vielleicht kann man von hier aus verstehen, wie es mit der Verehrung des Kaisers Karl, wenigstens in der Kirche, bestellt ist. Kaiser Friedrich I. Barbarossa ließ Karl durch Rainald von Dassel, Erzbischof von Köln, heiligsprechen. Der damalige Gegenpapst Paschalis III. hat dies gutgeheißen, Papst Alexander III. hat diese Heiligsprechung jedoch nicht gebilligt. Karl gehört nicht in den amtlichen Heiligenkalender der Kirche, aber seine Verehrung als „beatus" wird einzelnen Orten, wie hier in Frankfurt, Aachen, Ingelheim, Lorsch und Osnabrück, zugestanden. Vielleicht ist diese Ambivalenz im damaligen und auch heutigen Leben der Kirche eine gute und weise Lösung. Karl ist wirklich ein „heiliger Barbar" (Stefan Weinfurter). Gott allein steht ein letztes Urteil über ihn zu. Wir hingegen haben allen Grund, in dieser Zweideutigkeit und Zwiespältigkeit das Gute nicht zu vergessen und für alle Vergehen die Barmherzigkeit Gottes anzurufen, wie wir es in diesem Gottesdienst für Kaiser Karl den Großen und auch für uns selbst tun und es die Menschen seit 1200 Jahren bereits getan haben. Amen.

(c) Karl Kardinal Lehmann, Bischof von Mainz

Es gilt das gesprochene Wort

 

Hinweise:

Arnold Angenendt, Das Frühmittelalter, Stuttgart 1990
Matthäus Becher, Karl der Große, München 1999 u.ö.
Lutz von Padberg, Christianisierung im Mittelalter, Darmstadt 2006
Johannes Fried, Karl der Große. Gewalt und Glaube. Eine Biographie, München 2013
Stefan Weinfurter, Karl der Große. Der heilige Barbar

von Karl Kardinal Lehmann, Bischof em. von Mainz

Copyright: Karl Kardinal Lehmann, Mainz