St. Pius

St. Josef platzt aus allen Nähten - das Projekt St. Pius wird gewagt

Am Ende des Zweiten Weltkrieges hat Hausen 2041 überwiegend katholische Einwohner. Daran ändert auch der Zustrom der Flüchtlinge und Heimatvertriebenen in den Jahren 1945 und 1946 aus dem Sudetenland und den Gebieten östlich der Oder und Neiße wenig. Seit Mitte der fünfziger Jahre aber geht's in Hausen richtig rund. Der regionale Arbeitsmarkt ist leergefegt. Lederwarenindustrie und YMOS blühen und saugen jeden Arbeitswilligen auf. DDR-Flüchtlinge, Spätaussiedler aus Jugoslawien, Arbeitsuchende aus anderen Bundes-ländern, dann die ersten Gastarbeiter aus Italien und Spanien, später aus der Türkei und Jugoslawien strömen in die Gemeinde und krempeln die Bevölkerungsstruktur um. Bis 1963 steigt die Einwohnerzahl auf fast 7000. Die „Altbürger" machen nur noch 40 % aus.

 

Rudolf Schwarz
Rudolf Schwarz

Ein Kontrast zu 2012: Die Leut' geh'n noch in die Kirch'. St. Josef platzt aus allen Nähten. Der Wohlstand mehrt sich. 1953 weihen unsere evangelischen Mitchristen mit der Waldkirche ihr erstes Gotteshaus in Hausen/Obertshausen ein. Die Hausener Katholiken beginnen an Weihnachten des gleichen Jahres mit den Kollekten für einen Kirchen-Neubau. Diesmal soll es kein Serienprodukt sein und nicht nur ein Gotteshaus. 1958 erhält kein geringerer als Prof. Rudolf Schwarz, den Auftrag zum Entwurf einer Kirche und eines Gemeindezentrums. Rudolf Schwarz, 1897 in Straßburg geboren, „trat als Meister des modernen katholischen Kirchenbaus hervor sowie als Planer für den Wiederaufbau von Köln nach 1945", so der Brockhaus von 1956. Auch am Wiederaufbau der Frankfurter Paulskirche war er beteiligt, ursprünglich evangelische Gemeindekirche, heute weltliche Gedenk- und Tagungsstätte. Seine sakralen und profanen Werke fehlen in keiner Baugeschichte des 20. Jahrhunderts. Als Hochschullehrer hat er ganze Architekten-Generationen geprägt.

Der 16. Oktober 1960, Pfarrer Alois Luttermann führt im dritten Jahr die Gemeinde, ist für die Pfarrei St. Josef Hausen ein denkwürdiger Tag. Vormittags: Die Einweihung des Kindergartens in der Gumbertseestraße (erster Bauabschnitt des geplanten Gemeindezentrums). Nachmittags: „Große Katholiken-Kundgebung" im Saal „Zur Krone".

Rudolf Schwarz höchstpersönlich stellt das Modell der neuen Kirche vor, erklärt und beantwortet Fragen. Deren gibt es viele. Der Anblick des Sakralbaus ist gewöhnungsbedürftig für jeden nicht in die Geheimnisse moderner Kirchenbaukunst und Liturgie Eingeweihten - und das ist die Mehrheit der Anwesenden. Die Pfarrkinder sind auf das Endprodukt gespannt. Über das Jahrhundertbauwerk wird heftig diskutiert, vor, während und noch lange nach seiner Fertigstellung.

Maria Schwarz
Maria Schwarz

St. Pius - eine moderne Kirche im Grünen

13. August 1961: Ein Sonntag, der in die gesamtdeutsche Geschichte eingehen wird. Lange vor Sonnenaufgang setzen Walter Ulbricht und seine rechte Hand Erich Honecker ihre linientreusten Maurerbrigaden, die eigentlich für den Wohnungsbau dringend von Nöten wären, in Marsch, um das letzte Schlupfloch, das freie Berlin, einzumauern.

In Hausen legt Kapitularvikar Ludwig Haenlein, Mainz, den Grundstein zur St. Piuskirche.

18. November 1961: In drei Monaten haben die Bauleute der Firma Adam Vetter den Rohbau erstellt und es wird zünftig Richtfest gefeiert. Prof. Rudolf Schwarz ist an Ostern dieses Jahres gestorben und hinterließ ganz oder weitgehend abgeschlossene Bauplanungen für 10 Kirchen. Seine Gattin, Prof. Maria Schwarz, selbst Architektin, übernahm mit den Schülern des Verstorbenen die Vollendung der Pläne und für unseren Kirchenneubau die Bauleitung. Noch heute steht die Bauingenieurin den Leitungsgremien bei baulichen Veränderungen mit ihrem fachfraulichen Rat zur Seite.

Grundsteinlegung St. Pius
Grundsteinlegung St. Pius

16. Dezember 1962: Dr. Hermann Volk, seit zwei Monaten Bischof von Mainz, weiht seine erste Kirche, St. Pius Hausen. Der Heilige Stuhl in Rom schickt ein von Kardinal Cicognani unterzeichnetes Glückwunschtelegramm. Die Pfarrei zählt 4631 Gläubige.

Weihe St. Pius
Weihe St. Pius
Papst Pius X.

Der Patron der neuen Hausener Kirche, Papst Pius X., mit bürgerlichem Namen Giuseppe Melchior Sarto, regierte auf dem Stuhl Petri von 1903-1914. Das bleibend Gültige seines Pontifikats sind seine innerkirchlichen Reformen: Gründlichste Erneuerung der päpstlichen Kurie (Verwaltung) seit dem Ende des 16. Jahrhunderts. Für das Leben der Gläubigen entscheidend war das Dekret von 1910, das die frühe Kinderkommunion zuließ und zum häufigen Empfang der Eucharistie anregte. Am 29. Mai 1954 sprach Papst Pius XII. seinen Vor-Vor-Vorgänger heilig.

Annäherung an St. Pius

Unsere St.-Pius-Kirche liegt im Grüngürtel des Neubaugebietes zwischen zwei aufeinander zulaufenden Straßen (Gumbertsee- und Adenauerstr.). Alter Eichenbestand wurde erhalten. In unmittelbarer Nachbarschaft befinden sich die Kindertagesstätte St. Josef, der Minigolfplatz und das Bürgerhaus.

Frau Prof. Maria Schwarz schreibt: „Die Sankt-Pius-Kirche ist eine Wegkirche. Wegform, das heißt: die Gemeinde ist gemeinsam unterwegs im Hinblick auf das gemeinsame Ziel, das im Unendlichen liegt. Der Weg beginnt bei dem überdachten Vorplatz, dem Ort der Versammlung, führt über den stillen Vorhof, den Ort der Sammlung, durch das festliche Portal in der Mittelachse des Baues. Das mächtige Portal ist ein Eisenguss."

Es steht bei besonderen Anlässen offen, etwa beim Einzug nach der Entzündung des Feuers in der Osternacht; nach der Prozession von der St. Josefs-Kirche zur Schlussfeier am Tag des Großen Gebets, beim Auszug zur Fronleichsnamsprozession.

Durch das Portal betritt der Besucher die Kirche auf Höhe der um sechs Stufen über dem Fußboden liegenden Sängerempore. Der Grundriss ist ein gedrungenes Rechteck. Der ganze Raum ist weiß gestrichen. Der Blick fällt unbehindert auf Chorwand und Apsis, die halbkreis-förmige Ausbuchtung des Hauptraums einer Kirche, gewöhnlich gen Osten gerichtet.

Der Fußboden ist aus grünem Dolomit. Rot-grau-weiße Marmorbänder teilen die grüne Fläche in große ruhende Rechtecke. Auf diesem grünen Grund, der Farbe der Erde, erhebt sich der hohe helle Raum, der sein ganzes Licht durch ein dicht unter der weißen Betonrippendecke liegendes Fensterband erhält. Die strahlenden Farben des Himmels - Blau, Gold und Weiß - spiegeln sich im Weiß der Wände.

Das Fensterband wurde von Prof. Karl Knappe, München, entworfen und im Oktober 1965 eingebaut. Besonders eindrucksvoll weil am gegenständlichsten, das Band über der Apsis.

Thema: Der Weg zu Gott. In beiden Teilen ein Engel mit Kerze „aus der Natur kommend" (links Sonne, Wolke, rechts Berge), während sich die Kerze auf den Altar bezieht. Der Regenbogen, über die Apsis hinweg springend, schließt beide Teile zusammen. Das Regenbogenmotiv erscheint auch im rückwärtigen Fenster über der Orgelempore. Der Künstler erstrebte größtmögliche Zurückhaltung und Ruhe.

Gleichsam ein Bild des Himmels und der Erlösung ist die große offene Apsis, „die Herzmitte des Raumes", wie Pfarrer Luttermann in der Festschrift zur Weihe der Kirche schreibt. Sie steht für die Lebensmitte. - Im Zentrum der Altar aus weißem Cristallino-Marmor und das Abbild des Kreuzes. - Am rechten Rand des Altarraums, auf Cristallino ruhend, der Tabernakel, der Aufbewahrungsort des in den Leib Christi gewandelten Brotes (Hostie). Die Emailfarben harmonieren mit den Marmorbändern des Fußbodens. - Links das Lesepult (Ambo), Ort der Verkündigung (Lesung, Evangelium, Predigt).

Aus diesem Raum tritt das Bild des Pantokrators heraus, auf die Gemeinde zu und zugleich in ihre Mitte. Am Christkönigssonntag, 25. November 1990, wurde die Darstellung Christi als Weltenherrscher in einer Festmesse geweiht.

Eine große goldene Scheibe, umrahmt von einem kristallklaren Strahlenkranz. Ein junger Mann sieht jeden Einzelnen an. Aus den abendroten Wolken, die ihn umgeben, löst sich in flammendem Rot die Taube, das Symbol des heiligen Geistes.

Lioba Munz, Benediktinerin in der Abtei St. Maria in Fulda, hat das Medaillon entworfen und in Emailtechnik gestaltet. Vier bis acht Schichten verschiedener Glasfarben werden übereinander liegend aufgebrannt. So erreicht die Künstlerin Glanz und Tiefe der Farben.

Während der Arbeit an ihrem Werk wurde Schwester Lioba krank. Sie unterbrach ihre Arbeit nicht. Es gehört zum Wesen des Kunstwerks, dass es Teil eines Lebens ist mit all seinen Erfahrungen - ein Wort aus seiner Mitte heraus gesagt.

Rechts unterhalb des Chores ist die Taufstelle. Die Schale, über der das Kind getauft wird, ist ebenfalls aus weißem Cristallino-Marmor.

An der Marienstatue von Elisabeth Stapp (links) wurde im Lauf der Jahrzehnte schon so mancher Kummer abgeladen.

Eine der großen „Wandfalten" auf der linken Seite, ist dem heiligen Pius X., dem „Behüter des Hauses", eingerichtet. Hier hängt ein Bild von ihm über einem kleinen Altar. In einer Nische hinter einem Gitter befindet sich der Schrein mit einer Reliquie des Schutzheiligen.

In den Buchten der rechten Außenwand befinden sich zwei Beichtstühle und die Grabstätte des ersten Hausener Pfarrers Peter Valentin Schwahn.

St. Pius, Außenansicht
St. Pius, Außenansicht

Die Orgel

Orgel in St. Pius
Orgel in St. Pius

Fast ein halbes Jahrhundert hatte die Orgel der Firma Bernhard Schmidt, Gelnhausen, den Gemeindegesang begleitet, ehe ihr im neuen Jahrtausend die elektropneumatische Puste ausging. Ihre Restaurierung - auf 45.000 Euro veranschlagt - erschien nicht sinnvoll. Die Gremien streckten ihre Fühler aus und wurden in Wuppertal fündig. In der evangelischen Kreuzkirche in Elberfeld stand eine sorgfältig gepflegte Orgel zum Verkauf - 1968 von der renommierten Hamburger Beckerath Orgel GmbH geschaffen, deren Instrumente in aller Welt erklingen.

Die Gunst der Stunde wurde genutzt, der Deal kam zustande. Die eigentliche Arbeit begann. Wo die „neue" Orgel - in ihren Ausmaßen ein anderes „Kaliber" als ihre Vorgängerin - platzieren, ohne das Gesamtkunstwerk St. Pius zu verunstalten? Noch immer hütete Prof. Maria Schwarz das Erbe ihres Mannes wie ihr eigenes Kind. In kollegialer Zusammenarbeit mit den Architekten Karla Trillig und Armin Frey erstand über dem Hauptportal ein luftiges Gebilde, bei dem der Orgelspieler an seinem Spieltisch wie auf dem „Präsentierteller" zu schweben scheint. Trotz ihrer stattlichen Größe - 8.50 m hoch, 6.00 m breit, 2.60 m tief -, 2340 Pfeifen, deren längste 5.30 m und deren kleinste ganze 6 mm misst - passt unsere Beckerath Orgel wie angegossen in ihren neuen Anzug.

Am 27. April 2008 weihte unser Anfang 2012 verstorbener Weihbischof, Dr. Werner Guballa, in einem feierlichen Hochamt die neue Orgel. In der von der Pfarrei St. Josef/St. Pius Hausen aus diesem Anlass herausgegebenen, von Uta Picard redigierten Festschrift schreibt der Weihbischof in einer Grußbotschaft: „Solange wir auf Erden sind, brauchen wir den Anklang des Himmels in der Musik. Unser Glaube, unsere Hoffnung, unsere Liebe, sie verlangen nach Musik. Unser Leben in seiner Freude, in seiner Trauer und mit seiner Angst wird, da wo Worte nicht immer hinreichen, in der Musik am besten ausgedrückt. Sie haben einen menschennotwenigen, heilsamen Schritt getan, als Sie sich entschlossen haben, der St. Pius-Kirche eine entsprechende Orgel zu schenken."

Mit Recht schwärmt unser organistisches Urgestein Walter Pappert in seinem Geleitwort: „Als ich mit einer Delegation unserer Pfarrgemeinde in Wuppertal-Elberfeld war und diese Orgel spielte, war ich überwältigt von dem hervorragenden Klang und der Vielfältigkeit dieses Instrumentes. Diese große Orgel ist eine künstlerische Herausforderung für jeden Organisten."

Bietet doch dieses Hightech-Instrument mit seinen 35 Registern, auf 3 Manuale und Pedal verteilt, ein elektronisches Potential von 4000 gespeicherten Klangkombinationen, die es zu ergründen und auszuschöpfen gilt.

In Konzerten mit dem langjährigen Mainzer Domorganisten Albert Schönberger, dem  Wormser Domkantor und Kirchenmusiker Dan Zerfaß, unserer Organistin (seit 1979) Stefanie Sattler und dem Pianisten der Mainzer Hofsänger Andreas Leuck, hat unsere Orgel nicht nur ihre Konzerttauglichkeit bewiesen, sondern auch zu ihrer Finanzierung beigetragen. Aber auch ihre Vorgängerin hat - neben vielen großzügigen Spendern - ihren Obolus entrichtet. Sie wurde nach Italien verkauft. Die verbliebenen 200 Pfeifen vermarktete der Pfarrgemeinderat in einer Benefizaktion.

Rolf Miehl, Geschäftsführer des Hauses Rudolf von Beckerath, hat uns ein Zitat von Frau Prof. Maria Schwarz nach der Abnahme des vollendeten Werkes überliefert, das wir in leicht unchristlichem Stolz ausplaudern: „Diese Orgel ist in Wuppertal lediglich 40 Jahre zwischengelagert worden, um letztendlich ihre wahre Bestimmung in der St.-Pius-Kirche zu finden".

Glocken und Turm

Glocken für St. Pius

Gerade zu einer derart modernen Kirche gehört, um als solche zweifelsfrei erkennbar zu sein, ein Turm. Auf selbigen wollen wir am Ende unseres Besuchs einen Blick werfen. Ganze vier Jahre hat es gedauert, bis Mitte Oktober 1966 der Turmbau von der Pfarrei finanziell geschultert werden konnte. Dann geht's fix. Der frei stehende Glockenturm wächst mittels Gleitbauweise in 24 Stunden um 4,50 m bis zur Endhöhe von 35 Metern. Ausführende Baufirma: Rachor (Steinheim).

Um alle Restzweifel zu beseitigen wurde dem Turm Anfang Oktober 1982 ein Kreuz aufgesetzt. Damit ging ein lang gehegter Wunsch der Pfarrgemeinde und ihres Pfarrers Hans Koch in Erfüllung. Vom Bischöflichen Bauamt wurde der Büdinger Bildhauer und Metallkünstler Bernhard Vogler empfohlen. Die Gremien entschieden sich für ein Aluminium-Kastenprofil, das von einer Eisenträgerkonstruktion verstärkt wird. Das Kreuz wiegt 700 Kilo und hat eine Höhe von 6 Metern. Gegossen wurde es von der Buderus Kunstgießerei in Hirzenhain. Es ist aus jeder Perspektive als Kreuz erkennbar, da die Balkenenden mit kleineren Kreuzen abschließen. „Deren Außenseiten sind eingeschlagen und blattvergoldet, so daß dieses Christensymbol glänzt, wenn die Sonne drauf scheint" (Pfarrer Hans Koch in der Segnungsfeier).

Bis aus dem „Campanile" ein echter Glockenturm wurde, vergingen vier Jahrzehnte. Am 19. März 2006, dem Josefstag, weihte Generalvikar Dietmar Giebelmann, Mainz, in einer Feststmesse unsere vier neuen Glocken. Nicht nur die Glocken berühmter Dome tragen Namen, auch die unseren. „Eucharistia (Danksagung), Maria und Veronika, Joseph" und „Martin" wiegen zusammen 3700 kg und wurden teils 1960, teils 1977 gegossen. Ihr Domizil war bis dato die katholische Pfarrkirche St. Martin in Aachen. Die Gemeinde hat ihre Räume an eine freikirchliche Gemeinschaft verkauft, die kein Geläut benötigt.

12. November 1998: Das Amt für Denkmalpflege Hessen teilt den Gremien mit: „Aufgrund ihres Antrages hat eine Prüfung der Schutzwürdigkeit der St. Pius Kirche in Obertshausen-Hausen stattgefunden. Dabei wurde festgestellt, daß die Voraussetzungen des § 2 Abs. 1 HDSchG erfüllt sind und die Kirche somit als Kulturdenkmal auszuweisen ist." Kulturdenkmäler, die unter diesen Paragraphen fallen, stehen unter besonderem staatlichen Schutz.