Innehalten

Kirschblüte- (c) Hans Reis

schon immer

gestern

Hier

und

jetzt

morgen

irgendwann mal

 

Das ist der Tag, den Gott gemacht hat

Durch die Endlichkeit unseres Lebens ist es notwendig, zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden. Nicht erst am Lebensende, schon heute, hier und jetzt geschieht das Entscheidende.

Der christliche Glaube an einen Gott, der uns erschaffen hat und unser Leben jeden einzelnen Moment trägt, der jeden Moment dieses Lebens eintaucht, in das Licht des ersten Sonnenaufgangs, bringt göttlichen Glanz in unsere unvollkommene, unheile Zeit. Unser ewiges Leben beginnt nicht erst mit dem Tod. Ewigkeit ist keine Zeit, ist immer, ist hier und jetzt.

JUNI 2020

 

DER GUTE HIRT

Der 23. Psalm ist mir ans Herz gewachsen , ich habe ihn auswendig gelernt, oder wie man im Englischen sagt „to learn by heard“, ins Herz aufgenommen. Ich möchte ihn beten können, wenn nichts mehr geht. Ich möchte, dass diese Worte aus meinem Unbewussten auftauchen, wenn ich sie brauche.

Es gibt viele Übersetzungen und ich verstehe alle, die am vertrauten Wortklang festhalten. Mich aber hat die Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache berührt. Dort heißt es:

1

Gott weidet mich,
mir fehlt es an nichts

2

Auf grüner Wiese lässt Gott mich lagern,
zu Wassern der ruhe leitet Gott mich sanft.

3

Meine Lebendigkeit kehrt zurück.
Gott führt mich auf gerechten Spuren-
so liegt es im Namen Gottes.

4

Wenn Finsternis meinen Weg umgibt,
Böses fürchte ich nicht.
Ja, du bist bei mir
dein Stab und deine Stütze – sie lassen mich aufatmen.

5

Du bereitest einen Tisch vor mir,
direkt vor denen, die mich bedrängen.
Mit Öl salbst du mein Haupt.
Mein Becher fließt über.

6

Nur Gutes und Freundlichkeit

werden mir alle Tage meines Lebens folgen

und zurückkehren werde ich in das Haus Gottes,

für die Dauer meines Lebens.

 

Im Kirchenschiff der Basilika Ste. Marie Madeleine in Vezelay im Burgund ist eine ganz besondere Abbildung von Christus als gutem Hirten auf einem der 99 Kapitelle dargestellt. Es stammt aus der Zeit zwischen 1125 und 1145. Dargestellt ist Judas, der sich nach seinem Verrat an Jesus erhängt hat (Mt 27,5) und der auferstandene Christus, der ihn liebevoll abgenommen hat und wie ein Hirte das verlorene Schaf auf seinen Schultern nach Hause trägt. Ich gebe zu, dass ich oft Judas in Gedanken abgeschrieben habe, als den Prototyp des Menschen, der Gottes Liebe nicht annimmt und nicht auf Gottes Barmherzigkeit vertraut. Ein Mensch, sich selbst aufgibt, nicht als von Gott geliebt erkennt. Dass auch er gerettet ist, das ist in Vezelay steingewordene christliche Hoffnung für alle Menschen.

Mai 2020

 

INNEHALTEN

Jetzt ist es nicht mehr nur eine Unterbrechung, des sonst so betriebsamen, hektischen Alltags. Der Alltag, die Hektik selbst hat eine Vollbremsung hingelegt. Kein Innehalten im Tageslauf, ein Innehalten als Zeitabschnitt. Eine Fastenzeit, die uns nicht fragt, was wir fasten wollen, die uns das Fasten vorschreibt.  Alle Veranstaltungen und Treffen sind abgesagt. Entbehrung der ungewohnten Art. Gleichzeitig kommt der Frühling mit Macht. Es wird Grün. Das Leben platzt mit aller Kraft aus sich heraus. Welches Fest wird es sein, wenn wir uns wieder um den Hals fallen dürfen! Wenn wir wieder miteinander feiern, essen, tanzen, singen, musizieren!

März 2020

 

UNAUFHALTSAM

wie ein Sonnenaufgang, wie Wachsen und Vergehen und Wachsen und Vergehen und Wachsen

wie ein Kind, das Laufen lernt

unaufhaltsam, leise und langsam,

wird sich das Reich Gottes durchsetzen

wider alle Wahrscheinlichkeit

wider alle Gewalt

wider allen Spott

VERSPROCHEN.

Das Reich, das im Wohlergehen aller besteht.

Die heilige Ordnung, die uns heilt.

Das Reich, in dem es niemanden gibt, der sich über den anderen stellt und niemanden, der sich unter den anderen stellt.

Das Reich Gottes, in dem das Kreuz, der Weg zu Leben in Fülle ist.

Februar 2020

 

Anderswunsch

Weihnachten und die Zeit um den Jahreswechsel ist die Zeit der Wünsche. Zuerst die der Wunschzettel und Geschenke unterm Weihnachtsbaum, dann die Zeit der Neujahrswünsche. Alles Gute, Glück und Segen, Erfolg, Gesundheit. Das Leben wird dennoch Höhen und Tiefen haben. Gelingen und Scheitern werden sich abwechseln.

Die Wünsche spiegeln,  was für uns wichtig ist.  Besitz. Prestige. Geliebtwerden. Kein Leid zu spüren, nicht trauern zu müssen, nichts loszulassen...

Drei so ganz andere Wünsche in den "Offenbarungen der göttlichen Liebe" von Juliana von Norwich haben mich vor Weihnachten stutzig gemacht. Sie wünsche sich drei Wunden, die Wunde der Reue, des Mitleids und die Wunde der willentlichen Sehnsucht nach Gott. Ich stelle es mir vor und meditiere es seither, ganz angefüllt mit dem Licht aus der Höhe zu sein und tatsächlich, in diesem Moment hat kein einziger eigener Wunsch noch Platz. Und trotzdem wird es nicht eng, sondern weit und hell und einfach und großzügig. Weil Gott so groß und weit ist.

Du führst mich hinaus ins Weite, Gott. Und Glück und Segen liegen in allem, was geschieht, Höhen und Tiefen, Gelingen und Scheitern. Es ist wie ein Lachen, wie eine Freude über allem.

Haben Sie Gott im Herzen. Und den Himmel über Ihrem Leben.

Januar 2020