Innehalten

https __www.pfarrbriefservice.de_sites_default_files_atoms_image_bread-baking-3788689_by_matthiasboeckel_cc0-gemeinfrei_pixabay_pfarrbriefservice (c) Matthias Boeckel, Pixabay_Pfarrbrief

Weil Gott vor uns liegt.

"Deshalb müssen wir auch in dieser Stunde wieder aufbrechen. Wir müssen ausziehen aus unserem bisherigen Denken, unseren Bildern von Gott, aus dem, was wir gelernt haben und wie wir es uns als Kinder vorgestellt haben. Wenn Gott vor uns liegt, müssen wir uns noch in dieser Stunde neu auf den Weg machen, ob wir 35 Jahre alt sind oder ob wir 65 sind. Denn wir haben noch alles vor uns; wir haben ihn noch vor uns.“ (Rolf Zerfaß, Der andere Gott, Alttestamentliche Predigten, Regensburg 1971

Ökumenisches Mittagsgebet am 5. September 2020

Gott ins Spiel bringen und  dadurch von Gott ins Spiel gebracht werden.

Es ist eine meiner liebsten Evangelien, das Evangelium von der Brotvermehrung, wohl auch, weil ich als Jugendliche die Wundererzählungen im Neuen Testament rundweg abgelehnt habe. Jetzt mit 59 weiß ich, solche Wunder gibt es, auch heute noch.

Aber von vorne.

Sie kennen die Erzählung? Sie beginnt mit einer brenzligen Situation, Johannes der Täufer ist von Herodes Antipas umgebracht worden. Auf ihn hatten viele ihre Hoffnung gesetzt, in ihm den erwarteten Messias oder wiedergekehrten Elias gesehen. Jesus zieht sich zurück in die Einsamkeit. Für die damaligen Leser sind eindeutige Schlüsselworte im Text, die einsame Gegend Wüste gilt als Ort der Begegnung mit Gott – Jesus sucht die Nähe Gottes. Die Menschen folgen ihm. Er hat Mitleid. Wieder ein Schlüsselwort: Mitleid, eine Eigenschaft Gottes, die in den Heiligen Schriften des Alten Testaments immer wieder der Anlass für eine barmherzige Zuwendung Gottes zu den Menschen ist.

Es wird Abend. Die Jüngerinnen und Jünger wollen, dass Jesus die Menschen in die Dörfer schickt, damit sie sich dort etwas zu essen kaufen.

Jetzt die Überraschung: Gebt ihr ihnen zu essen! Nicht, „macht euch keine Gedanken. Ich gebe ihnen zu essen oder Gott gibt ihnen zu essen. Oder, sie brauchen nicht essen, da sie satt sind…

Gebt ihr ihnen zu essen!

Eine echte Herausforderung.

Stellen Sie sich vor, bei den vielen Bitten, die wir an Gott richten, Frieden zu schaffen, Hunger, im Großen und im Kleinen...  würden wir die Antwort erhalten: Mach Du.

Stockt Ihnen auch der Atem, wenn Sie das hören? Genau; auch wir würden sagen: Was ich habe reicht doch nicht. Reicht noch mal für mich. Wie die Jüngerinnen und Jünger würden wir sagen: Wir haben nur fünf Brote und zwei Fische hier. Auf jeden Fall zu wenig. Niemals wird das reichen. Es reicht schon nicht für uns. Was für eine unsinnige Idee.

Dann geht es darum, ernst zu machen mit meinem Glauben:

  • Alles geben. Wilhelm Willms, Priester und Verfasser geistlicher Lieder und Lyrik, der dieses Jahr 90 geworden wäre, hat 1976folgenden Liedtext geschrieben, der mich sehr beeinflusst hat: Wenn jeder gibt was er hat, dann werden alle satt.
  • Nicht von mir schieben – auf die Politiker, die Kirchenoberen, die Reichen, auf jeden Fall die anderen
  • Teilen
  • Gott ins Spiel bringen und paradoxerweise dadurch von Gott ins Spiel gebracht werden.

 

Ich dachte zuerst, dass Unmögliches von mir verlangt wird. Aber es wird ja nicht verlangt, dass ich gebe, was ich nicht habe. Es wird nur verlangt, dass ich gebe, was ich habe.

Lassen Sie mich IHnen ein Beispiel erzählen: Manchmal, in einem Gespräch ist das meine Ratlosigkeit, mein Nichtweiterwissen. Wenn ich das dann teile, dem anderen zur Verfügung stelle, habe ich erlebt, dass das Gespräch eine wunderbare Wendung nimmt. Das Gegenüber hat es als tröstlich empfunden, dass auch ich nicht weiterweiß. Und wenn wir das dann eine Zeitlang miteinander ausgehalten haben entstand in dieser Zeit eine Idee, wie es weitergeht. Ein kleiner Moment, der was verändert. Als würde das Innehalten einen Blick in eine andere Realität ermöglichen. Ich erlebe das als Momente, in denen Gott wirkt.

Claudia Staudinger, Ökumenisches Mittagsgebet am 01.AUGUST 2020

 

schon immer

gestern

Hier

und

jetzt

morgen

irgendwann mal

 

Das ist der Tag, den Gott gemacht hat

Durch die Endlichkeit unseres Lebens ist es notwendig, zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden. Nicht erst am Lebensende, schon heute, hier und jetzt geschieht das Entscheidende.

Der christliche Glaube an einen Gott, der uns erschaffen hat und unser Leben jeden einzelnen Moment trägt, der jeden Moment dieses Lebens eintaucht, in das Licht des ersten Sonnenaufgangs, bringt göttlichen Glanz in unsere unvollkommene, unheile Zeit. Unser ewiges Leben beginnt nicht erst mit dem Tod. Ewigkeit ist keine Zeit, ist immer, ist hier und jetzt.

Claudia Staudinger JUNI 2020

 

DER GUTE HIRT

Der 23. Psalm ist mir ans Herz gewachsen , ich habe ihn auswendig gelernt, oder wie man im Englischen sagt „to learn by heard“, ins Herz aufgenommen. Ich möchte ihn beten können, wenn nichts mehr geht. Ich möchte, dass diese Worte aus meinem Unbewussten auftauchen, wenn ich sie brauche.

Es gibt viele Übersetzungen und ich verstehe alle, die am vertrauten Wortklang festhalten. Mich aber hat die Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache berührt. Dort heißt es:

1

Gott weidet mich,
mir fehlt es an nichts

2

Auf grüner Wiese lässt Gott mich lagern,
zu Wassern der ruhe leitet Gott mich sanft.

3

Meine Lebendigkeit kehrt zurück.
Gott führt mich auf gerechten Spuren-
so liegt es im Namen Gottes.

4

Wenn Finsternis meinen Weg umgibt,
Böses fürchte ich nicht.
Ja, du bist bei mir
dein Stab und deine Stütze – sie lassen mich aufatmen.

5

Du bereitest einen Tisch vor mir,
direkt vor denen, die mich bedrängen.
Mit Öl salbst du mein Haupt.
Mein Becher fließt über.

6

Nur Gutes und Freundlichkeit

werden mir alle Tage meines Lebens folgen

und zurückkehren werde ich in das Haus Gottes,

für die Dauer meines Lebens.

 

Im Kirchenschiff der Basilika Ste. Marie Madeleine in Vezelay im Burgund ist eine ganz besondere Abbildung von Christus als gutem Hirten auf einem der 99 Kapitelle dargestellt. Es stammt aus der Zeit zwischen 1125 und 1145. Dargestellt ist Judas, der sich nach seinem Verrat an Jesus erhängt hat (Mt 27,5) und der auferstandene Christus, der ihn liebevoll abgenommen hat und wie ein Hirte das verlorene Schaf auf seinen Schultern nach Hause trägt. Ich gebe zu, dass ich oft Judas in Gedanken abgeschrieben habe, als den Prototyp des Menschen, der Gottes Liebe nicht annimmt und nicht auf Gottes Barmherzigkeit vertraut. Ein Mensch, sich selbst aufgibt, nicht als von Gott geliebt erkennt. Dass auch er gerettet ist, das ist in Vezelay steingewordene christliche Hoffnung für alle Menschen.

Claudia Staudinger MAI 2020

 

INNEHALTEN

Jetzt ist es nicht mehr nur eine Unterbrechung, des sonst so betriebsamen, hektischen Alltags. Der Alltag, die Hektik selbst hat eine Vollbremsung hingelegt. Kein Innehalten im Tageslauf, ein Innehalten als Zeitabschnitt. Eine Fastenzeit, die uns nicht fragt, was wir fasten wollen, die uns das Fasten vorschreibt.  Alle Veranstaltungen und Treffen sind abgesagt. Entbehrung der ungewohnten Art. Gleichzeitig kommt der Frühling mit Macht. Es wird Grün. Das Leben platzt mit aller Kraft aus sich heraus. Welches Fest wird es sein, wenn wir uns wieder um den Hals fallen dürfen! Wenn wir wieder miteinander feiern, essen, tanzen, singen, musizieren!

Claudia Staudinger MÄRZ 2020

 

UNAUFHALTSAM

wie ein Sonnenaufgang, wie Wachsen und Vergehen und Wachsen und Vergehen und Wachsen

wie ein Kind, das Laufen lernt

unaufhaltsam, leise und langsam,

wird sich das Reich Gottes durchsetzen

wider alle Wahrscheinlichkeit

wider alle Gewalt

wider allen Spott

VERSPROCHEN.

Das Reich, das im Wohlergehen aller besteht.

Die heilige Ordnung, die uns heilt.

Das Reich, in dem es niemanden gibt, der sich über den anderen stellt und niemanden, der sich unter den anderen stellt.

Das Reich Gottes, in dem das Kreuz, der Weg zu Leben in Fülle ist.

Claudia Staudinger FEBRUAR 2020

 

Anderswunsch

Weihnachten und die Zeit um den Jahreswechsel ist die Zeit der Wünsche. Zuerst die der Wunschzettel und Geschenke unterm Weihnachtsbaum, dann die Zeit der Neujahrswünsche. Alles Gute, Glück und Segen, Erfolg, Gesundheit. Das Leben wird dennoch Höhen und Tiefen haben. Gelingen und Scheitern werden sich abwechseln.

Die Wünsche spiegeln,  was für uns wichtig ist.  Besitz. Prestige. Geliebtwerden. Kein Leid zu spüren, nicht trauern zu müssen, nichts loszulassen...

Drei so ganz andere Wünsche in den "Offenbarungen der göttlichen Liebe" von Juliana von Norwich haben mich vor Weihnachten stutzig gemacht. Sie wünsche sich drei Wunden, die Wunde der Reue, des Mitleids und die Wunde der willentlichen Sehnsucht nach Gott. Ich stelle es mir vor und meditiere es seither, ganz angefüllt mit dem Licht aus der Höhe zu sein und tatsächlich, in diesem Moment hat kein einziger eigener Wunsch noch Platz. Und trotzdem wird es nicht eng, sondern weit und hell und einfach und großzügig. Weil Gott so groß und weit ist.

Du führst mich hinaus ins Weite, Gott. Und Glück und Segen liegen in allem, was geschieht, Höhen und Tiefen, Gelingen und Scheitern. Es ist wie ein Lachen, wie eine Freude über allem.

Haben Sie Gott im Herzen. Und den Himmel über Ihrem Leben.

Claudia Staudinger JANUAR 2020