Mehr als 50 Jahre – der Bläserkreis von St. Stephan

Wir, der Bläserkreis, sehen uns in dienender, liturgisch begleitender Funktion. Das ist das Kontinuum über all die Jahre des Bestehens dieses Ensembles. Die mitwirkenden Blechbläserinnen und Blechbläser über alle Bläserkreisgenerationen eint eine kammermusikalische Ausbildung. Und auf dieser Grundlage will auch das aktuelle Ensemble zukünftig, genau wie in den zurückliegenden mehr als 50 Jahren, die Musik sprechen, oder besser erklingen, im besten Fall erschallen lassen.

Der Bläserkreis im Heute und Jetzt:

Bläserkreis beim Jubiläum

Von der Struktur des Bläserkreises gehen wir dabei mit der Zeit. Denn ein wöchentlicher, regelmäßiger Probentermin ist bei einem alters- und leistungsmäßig heterogenen Ensemble aus Berufstätigen, die teilweise geographisch weit außerhalb der Gemeinde ihren Lebensmittelpunkt gefunden haben, nicht zu realisieren.

Die neuen Strukturen schuf Martin Bäßler, als er vor mehr als zehn Jahren die Leitung des Ensembles übernommen hat. Seitdem sind wir ein Projektensemble aus vielen befreundeter Musikerinnen und Musikern. Dabei kamen und kommen dem Leiter seine vielfältigen Kontakte in der regionalen Musikszene und sein Organisationstalent zugute.

Wie läuft also ein Projekt, etwa Mitwirkung bei einem kirchlichen Hochfest, ab?

Blasinstrumente

Nehmen wir als Beispiel den Ostersonntag: Zirka sechs Wochen vor dem Ereignis verschickt Bäßler eine E-Mail an einen Verteiler von 30 bis 40 Bläserinnen und Bläsern. Die Frage: Wer hat Zeit und spielt am Ostersonntag im 11-Uhr-Gottesdienst mit? Abhängig von der Anzahl und Leistungsfähigkeit der Teilnehmer werden passende/angepasste/arrangierte Stücke ausgesucht und die Stimmen zur individuellen Vorbereitung (unter Musikern heißt das auch „Üben“) versendet. Am Tag vor dem Ereignis – im Beispiel ist das der Karsamstag – treffen sich dann alle Musiker, die zugesagt hatten (meist um 10 Uhr in der Kirche) zur Probe, um beim folgenden Gottesdienst der oben erwähnten „liturgisch-dienenden, musikalisch begleitenden Funktion“ in bestmöglicher Harmonie gerecht zu werden. Unter den Mitgliedern haben sich teils seit Jahrzehnten bestehende, teils neue Freundschaften entwickelt; die Harmonie nach innen stimmt, und genau das ist es, was die Mitglieder vom Vollprofi bis zum „Gelegenheitsmusiker“ mit Idealismus und Freude zusammen spielen lässt. Neben den musikalischen Fähigkeiten ist demnach die menschliche Komponente ganz wichtig. Neue Mitspielerinnen und Mitspieler kommen auf Empfehlung der Musiker, teils sind es deren Kinder und wiederum deren Freunde. Da wird eine Probe zum Event, mit entsprechender Vorfreude, die Freunde wieder zu treffen und mit dem erwartungsfrohen Blick, ob die andren ihre Stimme eventuell besser drauf haben als man selbst. Für den Leiter ist das der stressigste Moment, und so muss Bäßler gelegentlich, allerdings in wirklich seltenen Ausnahmen, ein Ersatzstück aus dem Hut zaubern, nämlich dann, wenn wir einem der ausgewählten Stücke doch nicht gerecht werden. …

Zu den Freunden des Ensembles zählt der Chorleiter Heinz Lamby und der Kirchenchor St. Stephan, die mit uns zusammen musizieren und ganz besonders der Organist Hans-Gilbert Ottersbach, der die gemeinsamen Generalproben gerne auf sich nimmt. Auch mit ihm sind wir als Bläserkreis seit Jahrzehnten freundschaftlich verbunden. Herr Ottersbach und die Bläser sehen im Zusammenspiel von Bläsern und (Klais-) Orgel eine musikalische Bereicherung, die wir regelmäßig im Gottesdienst und teils mit eigenen Arrangements praktizieren.

Giovanni Gabrieli Canzone XIII

Giovanni Gabrieli Canzone XIII

17. Jan 2019
Anton Bruckner Ecce Sacerdos magnus

Anton Bruckner Ecce Sacerdos magnus

17. Jan 2019

Zur Geschichte:

Der musikalische Gründer Hans Gerards, Kammermusiker und Trompeter am Stadttheater (später Staatstheater) Mainz, sowie Trompetenlehrer am Peter Cornelius-Konservatorium, hat das Pflänzchen „Bläserkreis“ von 1968 bis zu seinem plötzlichen Tod am 29. April 1998 drei Jahrzehnte gehegt und gepflegt.

Bei seinem Tod befand sich der Bläserkreis inmitten der Vorbereitung auf den 50. Deutschen Katholikentag in Mainz. Unter anderem sollten wir die Eröffnungsfanfare von der St. Gotthard-Kapelle hinunter Richtung Domplatz spielen.

Das taten wir auch, zumal wir wussten, dass dies im Sinne von Herrn Gerards war. Die Eröffnung des Kirchenfestes wurde live im SWR übertragen.

Monsignore Klaus Mayer, der damalige Gemeindepfarrer, gab uns in seinem Kondolenzschreiben vom 1. Mai 1998 mit auf den Weg: „Meinerseits bitte ich Euch, tut alles, daß der Bläserkreis den Heimgang seines vortrefflichen Leiters überlebt und weiterhin besteht zum besten von Euch, unserer Gemeinde St. Stephan und unserer Stadt. Das wäre das beste Gedenken, das Ihr Herrn Gerards in Dankbarkeit schenken könnt.“

Dass es uns gelungen ist, dieses Vermächtnis umzusetzen und der Bläserkreis nach 50 Jahren noch am Leben ist, daran haben die Leiter in der Folge einen erheblichen Anteil. Es sind dies Gerhard Halene, heute Diplom Musiklehrer und professioneller Posaunist in Bad Honnef, die Diplom Hornistin Aimee Beaulieu (sie hat mittlerweile geheiratet und heißt nun Schmidt), sowie Dominik Möhring, ein aus der Gemeinde hervorgegangenen Tubist. Sie haben den Bläserkreis mit viel Enthusiasmus in meist schwierigen Zeiten auf gutem Niveau am Leben gehalten und sind ihm auch heute noch verbunden.

 

Jubiläum zum 50-jährigen Bestehen 2018: Der Bläserkreis hat ökumenische Wurzeln:

Am 29. April 2018 feierte der Bläserkreis von St. Stephan im Rahmen eines festlichen Gottesdienstes am 5. Sonntag der Osterzeit seinen 50. Geburtstag.

Monsignore Klaus Mayer, der „geistliche Vater“, blickte in seiner Festpredigt an diesem Tag, der auch gleichzeitig der 20. Todestag des „musikalischen Gründers“ Hans Gerards war, zurück: „Es dürfte das Jahr 1968 gewesen sein, in der Gebetswoche für die Einheit der Christen. Bei einer Veranstaltung, hier in St. Stephan, wirkte der Bläserchor einer evangelischen Kirchengemeinde in Worms mit. Ich war davon so angetan, dass in mir der Wunsch aufkeimte, auch in unserer Gemeinde, neben dem Kirchenchor, einen Bläserkreis zu haben. Die Voraussetzungen waren günstig; denn in der Pfarrei, der Mathildenstraße, wohnte der Erste Trompeter des Philharmonischen Orchesters des Stadttheaters Hans Gerards mit seiner Familie. … Ich besuchte Hans Gerards, brachte mein Anliegen vor. Die Idee von einem Bläserkreis in St. Stephan sagte ihm zu. Neben seiner hohen fachlichen Kompetenz … besaß er eine besondere Begabung, mit jungen Menschen umzugehen, sie zu unterrichten. … Zugleich war Hans Gerards im Peter Cornelius-Konservatorium (als Trompetenlehrer) tätig mit der Möglichkeit, für das Mittun im Bläserkreis zu werben.“ Als Gründungstag gilt laut dem Monsignore der 10. April 1968. „Es folgten“ – so fuhr Pfarrer Mayer fort – „Ausbildung in Proben – ein Jahr lang. Erstmals spielte der Bläserkreis am Pfingstfest 1969.“ Dr. Hans-Hubert Gerards, Sohn des musikalischen Gründers, bestätigte am 29. April 2018: „Mein Vater legte auf eine gute Vorbereitung Wert. Bei einem Auftritt sollten möglichst alle musikalischen Unwägbarkeiten ausgeschlossen sein.“

In der Folge entwickelte sich der Bläserkreis bestens, und es bildeten sich zwei Gruppen heraus, eine für Anfänger, die an „weißen Sonntagen spielte, und die andere für Fortgeschrittene. Letztere spielte bei Festgottesdiensten und vielen Feierlichkeiten, auch außerhalb der Gemeinde. Wir haben etliche dieser Ereignisse in der Bildergalerie dokumentiert.

Worte haben wir an dieser Stelle genug gemacht; nun lassen wir in der Fotogalerie noch Bilder sprechen und auch die Musik, die wir mit diesem Beitrag in Form von einigen Videos verlinkt haben.

Unseren Anspruch haben wir im Eingangsabsatz formuliert: So lassen wir die Musik erklingen in der Hoffnung, dass der geneigte Leser zum Zuhörer wird und für sich sagt: „Jetzt fühle ich tatsächlich ein wenig den Spirit und die Freude, welche dem Bläserkreis innewohnen, beim gemeinsamen Musizieren unter Freunden …“. (Martin Bäßler, Thomas Leipold und Wolfgang Windschmitt)