Schmuckband Rad

Kolumne zur Bibel von Timm Schreiner

Die letzten Worte des Stephanus:

Eine Brücke von Weihnachten zu Karfreitag

 

Den letzten Worten eines Menschen wird oftmals ein besonderer Wert zugemessen. Umso mehr gilt dies für Personen, die ein besonderes Leben geführt haben. War der Sterbende von öffentlichem Interesse, so sind es auch seine letzten Worte. Ein Verscheiden im stillen (!) Kämmerlein ist wohl zu banal, als dass es nachfolgende Generationen akzeptieren könnten.

Unterschieden werden muss freilich, ob der Tod überraschend eintrifft, zum Beispiel bei Gaius Julius Caesar: „Auch du, mein Sohn?“, oder ob es möglich war sich vorzubereiten, was etwa bei zum Tode Verurteilten zutrifft.

Da die letzten Worte das Vermächtnis darstellen, passen sie für gewöhnlich zu dem Lebenswandel des Sagenden. Der große Goethe spricht die geheimnisvollen Worte „Mehr Licht“, der pragmatische Rheinländer Konrad Adenauer sagt zu seiner Tochter: „Da jitt et nix zo kriesche!“ („Da gibt es nichts zu weinen!“). Schließlich gibt es auch solche, bei denen heutige Menschen eher schmunzeln müssen. Der Tiroler Freiheitskämpfer Andreas Hofer (1776-1810) etwa vermeldet im letzten Atemzug seinem Hinrichtungskommando: „Ach, was schießt Ihr schlecht!“.

Auch in der Bibel wird geredet, wenn das letzte Stündlein schlägt. Das prominenteste Beispiel ist wohl Jesus, dessen sieben letzte Worte am Kreuz besonders in der nun wieder anstehenden Fastenzeit Objekt der Betrachtung und Meditation sind. Sie haben richtig gelesen, von Jesus werden ganze sieben verschiedene Ausrufe auf Golgotha überliefert. Hier muss man jedoch beachten, dass nicht alle sieben Worte bei allen vier Evangelisten vorkommen. Die Sieben als Endergebnis ergibt sich vielmehr aus der Summe aller in den Passionsberichten geäußerten Worte Jesu in seiner Todesstunde.

Die Evangelisten Markus und Matthäus berichten nur von einem einzigen vernehmbaren Satz inmitten von Schmerzensschreien:

 „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Der häufig psalmenbetende Jesus spricht hier als letztes Gebet den Beginn von Ps 22.)

Bei Lukas und Johannes hingegen taucht dieser Satz nicht auf. Vielmehr erzählen uns beide jeweils drei andere finale Sätze. Lukas vermeldet ebenfalls Gebete: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ und „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ und dazwischen ein Wort an den guten Schächer: „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“.

Ganz anders schildert es Johannes, wenn Jesus in seinem Evangelium nicht schreit und vom Kreuz nur spricht, um zu delegieren oder um die Schrift zu erfüllen: „Frau, siehe, dein Sohn! Siehe, deine Mutter!“, „Mich dürstet.“ und „Es ist vollbracht!“.

 

Mit letzten Worten hat es noch etwas anderes auf sich. Sie können als so bedeutend empfunden werden, dass sie von nachfolgenden Menschen wiederholt werden. Zahlreiche Christen beten vor dem Schlafen in der Komplet: „In deine Hände lege ich voll Vertrauen meinen Geist“ und nicht wenige sind selbst mit diesem Wort auf den Lippen verstorben.

Von einem prominenten Nachahmer haben wir erst jüngst in der Liturgie am 2. Weihnachtsfeiertag gehört. Wenn die Kirche an diesem Tag den ersten Märtyrer feiert, den Diakon Stephanus, hören wir in der Lesung aus der Apostelgeschichte (Apg 6, 8-10; 7, 54-60) von seinem Zeugnis, welches er durch seine Predigt und sein Sterben gibt. Man steinigt ihn letztlich, weil er verkündet: „Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.“ Im Todeskampf betet er schließlich „Jesus, nimm meinen Geist auf!“ und „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!“.

Man sieht deutlich, dass sich diese drei Sätze des Stephanus an drei Sätzen Jesu im Lukasevangelium orientieren (man beachte, dass der Evangelist Lukas auch der Verfasser der Apostelgeschichte ist!). Stephanus‘: „Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.“ ist Jesu „Von nun an wird der Menschensohn zur Rechten der Macht Gottes sitzen.“ (Lk 22,69), sein „Jesus, nimm meinen Geist auf!“ ist Jesu „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ und sein „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!“ hat sein Pendant in „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“.

Lukas zeigt uns, dass Stephanus mit denselben Worten stirbt, wie Jesus. Dabei fallen jedoch auch Unterschiede auf und diese sind besonders bedeutsam. Während sich der göttliche Sohn an seinen himmlischen Vater wendet, adressiert Stephanus seine Gebete offensichtlich an Jesus!

Das Zeugnis des Stephanus besteht also gerade darin, dass er im Sterben des Jesus von Nazareth, göttliches Handeln erkennt und Jesus Christus als Gott verkündet.

Unter diesem Aspekt zeigt uns Stephanus am 2. Weihnachtsfeiertag, wer da an Weihnachten im Stall zu Bethlehem geboren wird und wer da an Karfreitag auf Golgotha stirbt: es ist Gott selbst, der als Mensch in diese Welt kommt, wirkt und das Menschenschicksal so konsequent trägt, dass er sogar den Verbrechertod am Kreuz auf sich nimmt. An Stephanus wird deutlich, dass beides, die Krippe unter dem Christbaum und das Kruzifix an der Wand, von der Menschwerdung Gottes zeugen.