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Kolumne zur Bibel von Timm Schreiner

Eine Leerstelle in der Bibel – der Markusschluss

 

Betrachtet man sich den Schluss des Evangeliums nach Markus, übrigens wahrscheinlich das Älteste aller Evangelien, dann ist ein Unterschied zu Matthäus, Lukas und Johannes feststellbar. Freilich berichtet uns Markus vom leeren Grab am Ostermorgen, dem Höhe- und Zielpunkt aller Evangelien, und von den Frauen, welche dieses bemerken und erschrecken. Eine Begegnung des auferstandenen Jesus mit seinen Jüngern wird zwar angekündigt, dann allerdings nicht mehr beschrieben. 

Moment, werden einige beim Blick in ihre Bibeln sagen, der österliche Jesus bei seinen Jüngern und anschließend seine Himmelfahrt, das gibt es doch auch alles in den  Versen 9-20 im letzten Kapitel des Markusevangeliums. Das ist richtig, trotzdem muss dabei beachtet werden, dass sich diese Verse stilistisch vom Rest unterscheiden und in den ältesten Handschriften fehlen. Es spricht also einiges dafür, dass der letzte Vers ursprünglich Vers 8 gewesen ist:

„Da verließen sie [die Frauen] das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemandem etwas davon; denn sie fürchteten sich.“

Zweifellos, ein schwieriges, ja scheinbar unfertiges Ende für ein Evangelium!

Gleichzeitig motiviert es zum Nachdenken. Was könnte Markus damit gemeint haben?

Dass die Frauen den Begräbnisort verlassen, ist an sich kein Problem, dass sie dies aber in panischer Flucht vollziehen, deutet schon eine Schwierigkeit an. Danach kommt dann auch der Hammer. Aus Furcht sagen die Frauen kein Wort zu niemanden. „Und jetzt?“, muss sich der Leser fragen und sich denken „Wie geht es weiter?“, während er den flüchtenden und schweigenden Frauen hinterher blickt. 

Man kann ohne Zweifel sagen, dass das Markusevangelium in einer Katastrophe endet. Während im Laufe des Evangeliums häufig Geheilte von Jesus zum Schweigen angehalten werden (was diese freilich nicht tun), herrscht jetzt eisernes Schweigen. Dabei hatte der Engel im Grab doch extra den Auftrag zum Reden erteilt! Tatsächlich, die Botschaft von der Auferstehung Jesu, muss doch erzählt werden!

Aber von wem? Der Zwölferkreis glänzt schon seit der Verhaftung Jesu mit Abwesenheit, nun sind auch noch die Frauen verschwunden. Am Ende steht der Leser ganz alleine am leeren Grab. Allerdings hat ja auch er gehört, was der Engel im Grab gesagt hat, wie wird er sich nun verhalten? Klar ist, ohne ihn fällt die Verkündigung aus.

Das schwierige am Markusschluss ist, dass er ein offenes Ende enthält.

Natürlich wissen wir, dass die Osterbotschaft nicht verschwiegen und vergessen wurde. Das weiß auch der Evangelist Markus. Man kann daher sicher behaupten, dass der Verfasser mit dieser Leerstelle am Ende eine weiterführende Aussage treffen wollte. Erzählerische Leerstellen sind ein Mittel, um den Leser stärker hinein und mit in die Verantwortung zu nehmen. Der Leser ist aufgefordert selbst die Geschichte in seinem Leben weiterzuschreiben. Markus möchte zeigen, dass alle Christen dafür Sorge tragen müssen, Christus als den Gekreuzigten und Auferstandenen zu verkünden. Das leere Grab kommt nicht von alleine zu den Menschen. Es kann fahrlässig sein, wenn man sich nur auf andere als Glaubensboten verlässt, jeder und jede ist gefragt Zeugnis abzulegen.

Der Evangelist Markus hat sein Evangelium mit einem Auftrag an den Leser und einen enorm spannungsreichen Schluss enden lassen. Die Generationen nach Markus haben diese Spannung wohl nicht aushalten können und noch einen Teil angehängt, der sich mehr an den Enden der anderen Evangelien orientiert.

Das bedeutet nun nicht, dass die Verse Mk 16,9-20 weniger beachtenswert oder falsch wären. Aber man sollte sich doch auch der Verantwortung als Gläubiger versuchen bewusst zu werden, welche Markus mit der Osterbotschaft verbunden hat. Er entlässt seine Leser in eine Zukunft, in der sie selbst aktiv werden sollen.

Es lohnt sich also auf den Schluss zu achten und dann Neues anzugehen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen guten Rutsch ins neue Kirchenjahr!