Kirchenfenster in St. Sophia in Erbach im Odenwald erinnern an die osteuropäischen Wurzeln vieler Katholiken. Bericht aus der aktuellen Ausgabe des Kirchenmagazins "Glaube und Leben".
Für Europa stellte der Zweite Weltkrieg sicherlich den bedeutendsten und dramatischsten Einschnitt des vergangenen Jahrhunderts dar. Millionen von Menschen wurden durch diese Katastrophe entwurzelt und mussten ihre Heimat verlassen. In ihren neuen Wohnorten galten die Neuankömmlinge oft als Fremde, und die Gemeinden brauchten Zeit, um mit den neuen Gegebenheiten zurechtzukommen. Die alte Heimat war verloren, und nun mussten sich die Menschen in einer ungewohnten Umgebung neu orientieren.
Was sich in ganz Europa im Großen vollzog, geschah im Odenwaldkreis im Kleinen. Gab es zuvor nur wenige Katholiken in der Gemeinde St. Sophia in Erbach, so nahm ihre Zahl nach 1946 um rund 75 Prozent zu. Gerade diesen Menschen verdankt die Kirche in der südhessischen Kleinstadt, dass ihre Kirchenfenster heute ein Zeugnis der Vergangenheit darstellen. Die Heimatvertriebenen spendeten 1958 zur Neugestaltung der Kirche Geld für neue Kirchenfenster. Geschaffen wurden sie vom Miltenberger Kirchenmaler Kurt Zöller (1921–1995).
Die Kirchenfenster zeigen die Regionen, aus denen die Menschen kamen. Zu sehen sind Breslau (Wrocław) in Niederschlesien sowie Iglau (Jihlava) in Mähren und die Klosterruine von Hoff in Pommern (Trzęsacz). Auf einem weiteren Fenster erscheint ein für die Region typischer Ziehbrunnen, der auf Wolhynien (Volýn) in der heutigen Westukraine verweist.
Auch die sogenannten Donauschwaben sind mit dem Banat und der Batschka – historische Regionen im heutigen Rumänien, Serbien und Ungarn – vertreten. Ein Wappen mit Stephanskrone erinnert an Siebenbürgen (Rumänien) als Teil des ehemaligen Königreichs Ungarn, während ein Strudel symbolisch für das Böhmische „Bäderdreieck“ mit Karlsbad (Karlovy Vary), Marienbad (Mariánské Lázně) und Franzensbad (Františkovy Lázně) steht und damit die Heimat der Sudetendeutschen darstellt. Ein letztes Fenster zeigt die Marienburg (Malbork), die hier stellvertretend für West- und Ostpreußen steht.
Wie lebendig diese Geschichte im Odenwald geblieben ist, zeigt ein Blick in die heutige katholische Pfarrei Guter Hirte im Odenwaldkreis. Pfarrer Harald Poggel beschreibt dies so: „Viele unserer Gemeindemitglieder sind Nachkommen der Heimatvertriebenen, auch viele andere haben ihre familiären Wurzeln außerhalb des Odenwalds. Menschen aus vielen verschiedenen Nationen und Sprachen bilden die Vielfalt unserer Odenwälder Pfarrei ab.“
Auch heute müssen Menschenihre Heimat verlassen
Vor diesem Hintergrund verweisen die Kirchenfenster darauf, dass Flucht und Vertreibung keine abgeschlossenen historischen Phänomene sind. Weltweit müssen auch heute Menschen ihre Heimat verlassen und bringen Elemente ihrer Herkunft in ihre neuen Gemeinden ein.
// Philipp Patola