Perspektiven: Mehr konstruktive Sachlichkeit

Bischof Kohlgraf (c) Bistum Mainz
Bischof Kohlgraf
Datum:
26. Feb. 2025
Von:
Bischof Peter Kohlgraf

In einer schwierigen Situation wird für die Regierenden gebetet. Dahinter steht auch die Überzeugung, dass sich glaubende Menschen nicht aus der Gesellschaft zurückziehen dürfen. Sie sehen sich in Beziehung zu allen Menschen.

 

Wenn Sie diesen Text lesen, ist die Bundestagswahl vorbei. Die Hitze des Wahlkampfes hat auch das Bischofshaus in Mainz erreicht, und ich bin mir sicher, dass es in anderen Bistümern nicht anders gewesen ist. Häufig war mit empörten Zuschriften auch die Androhung eines Kirchenaustritts verbunden. Die einen wollten austreten, wenn ich etwas Politisches sage, die anderen, wenn ich nichts sage. Ich werde immer damit leben müssen, dass ich nicht alle Wünsche erfüllen kann. Und vielleicht müssen wir alle wieder lernen, dass es auch andere Sichtweisen auf Themen geben kann – die man nicht teilt, die aber auch ihre Berechtigung haben können.
Ich habe die Hoffnung, dass nun wieder mehr konstruktive Sachlichkeit in die politischen Debatten einkehrt, denn letztlich tragen nicht nur die politisch Verantwortlichen, sondern alle Bürgerinnen und Bürger eine Mitverantwortung für ein gelingendes Zusammenleben, in dem es in vielen Fragen nicht nur schwarz oder weiß gibt. 

Nicht aus der Gesellschaft zurückziehen

Ich schreibe hier als Christ und Bischof und habe viele Möglichkeiten, mich für eine gute Gesellschaft einzusetzen. Im ersten Brief an Timotheus steht ein spezifischer Hinweis (2,1 folgend): „Vor allem fordere ich zu Bitten und Gebeten, zu Fürbitte und Danksagung auf, und zwar für alle Menschen, für die Herrscher und für alle, die Macht ausüben, damit wir in aller Frömmigkeit und Rechtschaffenheit ungestört und ruhig leben können.“ In einer schwierigen Situation wird für die Regierenden gebetet. Dahinter steht auch die Überzeugung, dass sich glaubende Menschen nicht aus der Gesellschaft zurückziehen dürfen. Sie sehen sich in Beziehung zu allen Menschen. Diese kann in unterschiedlicher Weise gelebt werden, der Timotheusbrief sieht die Stärke einer Gemeinde als Gebetsgemeinschaft. Durch Fürbitte und Gebet bildet sie ein Netz zwischen Menschen und Gott. Auch wenn heute die Zahlen der Gläubigen zurückgehen, ist das Gebet der Gemeinde für alle ein unverzichtbarer Dienst. Wenn der biblische Text ein ruhiges Leben erhofft, geht es nicht um einen idyllischen Rückzug. Heute leben wir als Kirchen in einem geregelten Verhältnis der Zusammenarbeit mit den verschiedenen Verantwortlichen in der Politik, aber der Blick auf die Kirchen wird kritischer. Wenn dies aufgrund einer kontroversen Positionierung geschieht, scheint mir das kein Schaden zu sein. Wenn es aber daran liegt, dass wir unglaubwürdig sind, dann haben wir Grund zur Umkehr. Auf jeden Fall sollten wir das Gebet für alle Menschen, auch für die Regierenden, als unseren spezifischen Beitrag zu einer menschenwürdigen Gesellschaft pflegen. 


// + Bischof Peter Kohlgraf

Peter Kohlgraf ist Bischof von Mainz. Einmal im Monat schreibt er die Kolumne „Perspektiven“ für dieses Magazin.

 

Diesen Artikel und noch viel mehr lesen Sie in der neuesten Ausgabe von Glaube und Leben vom 2. März 2025.  Gibt's was Neues bei Ihnen, lassen Sie es uns wissen! Anruf – 06131 253-451 oder E-Mail: RedaktionFML@bistumspresse.de

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