Chagall ließ seine neun Mainzer Kirchenfenster und auch alle anderen Entwürfe in der Glaswerkstatt Simon-Marq ins Glas übertragen. Dieses Studio in Reims hatte erst im September Besuch von einer kunsthistorisch motivierten Reisegruppe aus St. Stephan.
Nun ist es in einen Konflikt geraten, den allerdings die Künstlerin Claire Tabouret verursacht hat. Ihre Fenster-Entwürfe für die Kathedrale Notre-Dame in Paris sollen in Reims realisiert werden und haben einen landesweiten Protest unter Denkmalschützern und Kunstkritikern ausgelöst; auf Unterschriftslisten stehen schon 300.000 Namen.
Was ist passiert?
Sechs im 19. Jahrhundert entstandene, sieben Meter hohe Fenster in der Kathedrale sollen durch neue ersetzt werden. Diese thematisieren das Pfingstwunder, bei dem die Apostel und Maria, vom Heiligen Geist erfüllt, für die Verbreitung der Lehre Jesu gestärkt werden. Zum einen widerspricht, so die Kritiker, die Entfernung der historischen und denkmalgeschützten Fenster durch moderne, sündhaft teure allen Grundsätzen heutiger Denkmalpflege.
Genauso gravierend aber ist der Einwand vieler Experten gegen die künstlerische Gestaltung, in der Maria als einzige hellwache („woke“?) Gestalt die schläfrigen Jünger übertrumpft; der Kritiker der FAZ spricht von „geschmacklos, lieblos, raumverfälschend, absurd scheußlich,“ von einer bedauerlichen, ja grotesken Fehlentscheidung. Staatspräsident Emmanuel Macron und Erzbischof Laurent Ulrich haben sich für die Entscheidung der Jury ausgesprochen; die Entwürfe werden im Grand Palais bis Mitte März gezeigt und sollen bis Ende des kommenden Jahres eingebaut sein.
Vielleicht finden sich wieder Kunstinteressierte aus Mainz, die sich im Grand Palais eine eigene Meinung bilden möchten und die sich fragen, ob sich in Deutschland 300.000 finden würden, die ein religiöses Kunstprojekt so vehement ablehnen würden.