Kristina Berledt (c) privat

„Corona bringt das Fass zum Überlaufen“

Kristina Berledt
Datum:
Mi 18. Nov 2020
Von:
Anruf: Anja Weiffen/ Glaube und Leben

Ein Anruf bei Kristina Berledt. Sie ist eine von zwei Beraterinnen in der Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt beim Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) Gießen. Der Verband hat sein 100-jähriges Bestehen begangen.

Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf Ihre Arbeit aus?

Im Vergleich zum vergangenen Jahr stellen wir einen Anstieg fest. Wir sind jetzt schon auf dem Stand von Ende 2019. Unsere interne Statistik zeigt für 2020 bis November 780 Beratungen. Im vergangenen Jahr waren es insgesamt 520. Bei einem Großteil der Fälle liegt ein Gewaltproblem vor. Seit März stellen wir einen kontinuierlichen Anstieg fest, im August hatten wir doppelt so viele Fälle wie im August ein Jahr zuvor.

Wie deuten Sie dies?

Unsere These ist, dass die Situation des Lockdown sowie die Ferien mit sechs Wochen Kinderbetreuung generell eine belastende Situation für Familien gewesen sind. 80 Prozent der Menschen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, sind Frauen. Daher melden sich bei uns vor allem Frauen. Es zeigt sich, dass die Beziehungsstrukturen meist schon vor der Pandemie problematisch gewesen sind. Corona bringt das Fass zum Überlaufen. Wir haben auch festgestellt, dass Frauen Probleme hatten, sich bei uns zu melden, weil etwa der Mann im Lockdown zuhause war.

Was beschäftigt die Frauen?

Die Ambivalenz, das Abwechseln von Hoch- und Spannungsphasen in problematischen Beziehungen sind ein großes Thema. Genauso die Unsicherheit der Frauen, ob sie es mit Gewalt zu tun haben. Ihnen wird manchmal eingeredet: Du bist das Problem. Auch die Angst, bei einer Trennung die Kinder zu verlieren, belastet sie.

Wie leistet der SkF Gießen Hilfe?

Ein Grundgedanke der SkF-Gründerin Agnes Neuhaus war: Frauen in Not brauchen die Unter- stützung anderer Frauen. Der SkF Gießen bietet ein Frauenhaus und die Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt, eine Beratungsstelle für Frauen und Männer, die von Gewalt bedroht und betroffen sind. Wir leisten individuelle Hilfe, unabhängig von Religion und Nationalität. Ziel ist zuerst der Schutz von Frauen und Kinder vor Gewalt und weiterer Misshandlung. Wir bieten Hilfe bei der Bewältigung von Gewalterfahrungen durch Stärkung des Selbstwertgefühls.

 

Diesen Artikel und noch viel mehr lesen Sie in der neuesten Ausgabe von Glaube und Leben vom 22. November 2020. Gibt's was Neues bei Ihnen, lassen Sie es uns wissen! Anruf - 06131/28755-0 - oder E-Mail: info@kirchenzeitung.de