Love-Storm David Scheuing in Mainz Foto  ath (c) privat

„Liebessturm“ gegen Angreifer

Love-Storm David Scheuing in Mainz Foto ath
Mi 18. Dez 2019
VON ARMIN THOMAS

Kirchenzeitung "Glaube und Leben"

Wie kann man sich gegen Hass im Internet wehren? David Scheuing vom Projekt „Love-Storm“ hat dafür Strategien. Im Folgenden ein Einblick in seinen Workshop, zu dem unter anderem Pax Christi Rhein-Main eingeladen hatte.

Rollenspiel beim Workshop „Love-Storm“ (übersetzt: Liebessturm): Die 20 Teilnehmer in den Räumen der Landeszentrale für politische Bildung in Rheinlandpfalz in Mainz führen sich den Ablauf eines Vorfalls vor Augen. Eine muslimische Autorin hat zu einer Lesung eingeladen und bekommt eine E-Mail: „Du mit deinem Kopftuch kannst froh sein, dass du in Deutschland lebst. Bei dir zu Hause dürftest du nicht mal Bücher lesen, geschweige denn schreiben.“ Die Teilnehmer äußern sich im Chat als „Angreifer“ oder „Eingreifer“, andere bleiben stumme Zuschauer.

 

» Hass ist offenbar interessant. «

Einige „Eingreifer“ schreiben, dass sie zur Lesung gehen wollen, um die Autorin zu unterstützen. Und sie laden andere Leser ebenfalls dazu ein. Am meisten Beachtung unter den Teilnehmern aber finden die Beiträge der „Angreifer“. Ihnen geht es nicht um die Lesung, sondern ausschließlich um Diskriminierung. „Ich wollte einfach nur draufhauen und habe gar nicht gelesen, was andere schreiben“, erklärt ein „Angreifer“ später sein Verhalten im Rollenspiel. Die „Eingreifer“ geben zu: „Das Tempo der Hass-Botschaften reduziert die Lust dagegen zu halten.“ Die „Angegriffene“ berichtet, dass sie die Unterstützung wahrgenommen hat, sich aber mehr Aufmerksamkeit gewünscht hätte. Aus diesen Beobachtungen schließt Workshopleiter David Scheuing: „Hass ist offenbar interessant!“
Die Dimension digitaler Gewalt kann sehr unterschiedlich und intensiv sein, warnt Scheuing. Das Spektrum reicht von sexistischer Anmache bis zu Morddrohungen. Fälle, die justiziabel sind, werden an die Landeskriminalämter weitergeleitet. „Auf keinen Fall sollte man alleine vorgehen und den starken Max markieren.“ Ziel ist es, einen Mittelweg zu finden: sich selbst schützen und sich gleichzeitig wehren. Daher entstand die Idee, eine Trainingsplattform zu entwickeln, in der etwa Lehrer und Sozialarbeiter speziell zu dieser Thematik geschult werden.

„Gegenrede ist die Kunst, respektvoll auf Respektlosigkeit zu antworten.“

David Scheuing betont: „Rechte Gewalt ist kein neues Phänomen in der deutschen Gegenwart.“ Der Friedens- und Konfliktforscher erinnert an die ausländerfeindlichen Gewalttaten in der Bundesrepublik Anfang der 1990er-Jahre, nennt die Orte Mölln und Hoyerswerda. „Die Friedens- und Konfliktforschung hat damals Formen der Gegenrede entwickelt, die wir nun auch im Blick auf die Hasskommentare anwenden können.“ Scheuing will den Teilnehmern des Workshops vermitteln, digitale Zivilcourage praktisch anzuwenden. Der 30-Jährige zeichnet drei Schritte vor: Wenn jemand angegriffen wird, sollte man ihn schützen und stärken. Zuschauende sollten motiviert werden. Dem Angreifer setzt man Grenzen – und zwar gewaltfrei.
In einer zweiten Spielrunde setzt der Koordinator die „Eingreifer“ räumlich zusammen. In der Gruppe können sie sich nun besser austauschen. Jetzt zeigt sich, dass die „Eingreifer“ sich stärker artikulieren und das Interesse deutlich auf die Lesung der muslimischen Autorin gelenkt wird. Der Hass verläuft sich. Daniel Untch von Pax Christi bilanziert: „Ich habe gelernt, dass es verschiedene Strategien gibt, die je nach Situation mehr oder weniger sinnvoll sind.“ So sollte man den Angreifenden weniger Raum und Aufmerksamkeit geben und stattdessen positiv auf die angegriffene Person reagieren.
Alois Bauer vom Bistum Mainz: „Ich habe gelernt, dass es wichtig ist, sich miteinander zu verständigen, um gemeinsam auf Hasskommentare zu antworten.“ David Scheuing ist sichtlich zufrieden mit dem Verlauf des Workshops und sagt: „Gegenrede ist die Kunst, respektvoll auf Respektlosigkeit zu antworten.“
Zum Workshop eingeladen hatte die Projektgruppe zivile Konfliktbearbeitung Rhein-Main. In ihr wirken unter anderen mit: Pax Christi Mainz und Limburg sowie die Geschäftsstelle Weltmission/Gerechtigkeit und Frieden im Bistum Mainz
Auf der Internetseite
www.love-storm.de ist eine
Meldefunktion für besonders gravierende Fälle eingerichtet.

Den Beitrag mit weiteren Hintergründen lesen Sie in der Print-Ausgabe von "Glaube und Leben" vom 22.Dezember

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