Notre Dame – Maria in vielen Bildern

Das Glasstudio Simon-Marq arbeitet für Notre-Dame

Notre dame (c) Notre Dame Paris
Notre dame
Datum:
Di. 27. Jan. 2026
Von:
Regina Heyder

Als wir im August 2025 auf der Durchfahrt spontan Notre Dame in Paris besuchen, präsentiert sich die Kirche als ein Meer von brennenden Kerzen. Vor jeder Statue, vor zahlreichen Marienbildern entzünden Menschen, die eine Sehnsucht im Herzen tragen, eine Kerze. Die vielen Seitenkapellen in der gotischen Kathedrale bieten Raum für Marienbilder aus aller Welt – von der Madonna von Guadalupe über die Schwarze Madonna von Tschenstochau bis hin zu einer zeitgenössischen chinesischen Mariendarstellung. Dass Kirchen Heterotopien sein können – Orte, die andere Orte repräsentieren – ist hier eindrücklich zu spüren.

Jetzt soll Notre Dame nach Altar und Taufbecken eine weitere neue Ausstattung erhalten: Sechs Glasfenster, gestaltet von der Künstlerin Claire Tabouret. Sie ging als Siegerin aus einem Wettbewerb hervor, der zwei Vorgaben machte: Eine figürliche Darstellung, bezogen auf das Pfingstereignis. Über 100 Künstlerinnen und Künstler beteiligten sich am Wettbewerb, dessen Ergebnis Staatspräsident Emmanuel Macron und der Pariser Erzbischof Laurent Ulrich unterstützen. Gleichzeitig gibt es prinzipielle Kritik an dem Vorhaben, die ornamentalen Glasfenster des 19. Jahrhunderts, beauftragt von Viollet-le-Duc, zu ersetzen, und im Einzelnen auch an den Entwürfen für die sechs Fenster.

Dass die Künstlerin Claire Tabouret diesen Konflikt verursacht habe, wie es Siegfried Kirsch schreibt, ist also eine sehr einseitige Zuweisung der Verantwortung. Ebenso ist es wohl ein Missverständnis, dass Maria „als einzige hellwache (‚woke‘?) Gestalt die schläfrigen Jünger übertrumpft“. Das betreffende Fenster Tabourets, das mir nur aus Abbildungen im Netz bekannt ist, scheint sich vielmehr unmittelbar auf Apg 1,13–14 zu beziehen: „Sie alle – gemeint sind die Apostel – verharrten dort – im Obergeschoss des Hauses, wo Jesus das Paschamahl gefeiert hatte, Lk 22,12 – einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern“. Im gleichen Fenster ist schon der Geist in Gestalt einer Taube sichtbar, aber noch nicht die aus der christlichen Ikonografie bekannten „Zungen wie von Feuer“ (Apg 2,1-4). Dargestellt wären demnach die betenden (nicht die schläfrigen) Jünger und eine hervorgehobene (nicht übertrumpfende) Maria unmittelbar vor dem Empfang des Heiligen Geistes. Das entspricht zahlreichen Pfingstdarstellungen der christlichen Kunstgeschichte, die Maria durch ihre zentrale Position in der Mitte der Jünger, oft auch durch ihre Größe und die Farbgebung des Gewandes, betonen und gleichzeitig die in der Bibel erwähnten weiteren Frauen und die Geschwister Jesu unterschlagen. Die Bemerkung sei erlaubt: Die Überhöhung und Mystifizierung von Maria hat in der Kirche oft genug dazu gedient, die Handlungsspielräume von Frauen zu verkleinern.

Von den Entwürfen auf Papier kann kaum auf die Wirkung von Glasfenstern vor Ort geschlossen werden. Das zeigen nicht nur die Chagall-Maquetten, die in St. Stephan zu sehen sind, sondern auch der Entwurf für das Richter-Fenster im Kölner Dom. Wie Gerhard Richter mit der Farbauswahl, so bezieht sich auch Claire Tabouret auf die bereits vor Ort vorhandenen Fenster, indem sie im Hintergrund ihrer Darstellungen die Ornamente der Glasfenster aus dem 19. Jahrhundert zitiert. Ich persönlich bin gespannt, wie ihre Fenster in der Kathedrale wirken werden und welche Aussagen in ihnen zu entdecken sind.