Die Kreuzfahrer des ersten Kreuzzuges richteten bei ihrer Eroberung in Jerusalem ein furchtbares Gemetzel an. Bei ihrer Heimkehr versuchten viele Ritter ihre Schuld dadurch zu sühnen, dass sie in Erinnerung an ihrem Aufenthalt im heiligen Land Betlehemskapellen stifteten.
Dies dürfte auch der Ursprung der Betlehemskapelle auf dem Hesselberg gewesen sein (Hisselberg; in alten Zeiten Eisenberg genannt, der dann mit dem Bau der Rochuskapelle Rochusberg umbenannt wurde). Wann dieses Wallfahrtsheiligtum erbaut wurde wissen wir nicht. Zum ersten Mal wird eine Bethlehemskapelle im Jahr 1406 erwähnt. Sie war im Jahre 1417 vom Erzbischof Johann II. samt ihren Einkünften dem St. Martinsstift zu Bingen einverleibt worden, um die durch den Brand von 1403 ruinierte Stiftskirche wieder herstellen zu können. Diese Inkorporation bedeutete, dass die Einkünfte der Betlehemskapelle nicht mehr für die Kapelle selbst, sondern für den weiteren Aufbau der Stiftskirche verwendet wurden. 1427 wird diese Inkorporation durch den Erzbischof Konrad III. erneut bestätigt. Danach hören alle näheren Nachrichten über diese Kapelle auf; wahrscheinlich wurde sie im Laufe der Zeit zerstört oder zerfiel von selbst. Sie lag auf dem höchsten Punkt des Eisenbergs, auf der „obersten Staig“.
Als der Binger Amtmann Baron von Dehren in der ersten Augustwoche des Jahres 1666 einen günstigen Platz für die versprochene Kapelle suchte, entschied man sich für die „oberste Staig“. Da dieses Gelände im Jahr 1417 in den Besitz des Stiftskapitels übergegangen war, standen diesem Standort auch keine privatrechtlichen Besitzverhältnisse entgegen. Ob es da noch Reste von der ehemaligen Bethlehemskapelle gab, ist nicht überliefert. Da nach der Kirchenbautradition Kirchen und Kapellen nach Osten ausgerichtet wurden, die erste und folgenden Rochuskapellen aber eine Nord-Südlage haben, besteht die Vermutung, dass noch vorhandene Fundamente der Bethlehemskapelle mitverwendet wurden. Diese Nord-Süd-Ausrichtung sollte sich in der Folge als sehr positiv erweisen, für die Trennung des kirchlichen vom weltlichen Festplatz.
Die Bethlehemskapelle geriet in Vergessenheit, denn an ihrer Stelle standen nacheinander die drei Rochuskapellen. Erst mit der Zerstörung der zweiten Rochuskapelle durch Blitzschlag im Jahr 1889 und der Entscheidung, wo die neuere größere Rochuskapelle errichtet werden sollte, wurde die Idee geboren, in dem größeren benötigten Vorplatz der Rochuskapelle eine Erdkapelle zu integrieren.
Die Lösung des Architekten Meckel ist genial. Die Erdkapelle, die sofort in Erinnerung an die mittelalterliche Betlehemskapelle diesen Namen bekam, bildet sozusagen den Lebenslauf Jesus ab. Im unteren Teil der Kapelle wird die Geburt Christi dargestellt und mündet in vertikaler Richtung in eine Darstellungsgruppe des Todes Christi auf dem Vorplatz und darüber angeordnet finden wir die Gestalt des Auferstanden. Dies alles integriert in eine Art Laterne, die gleichzeitig für die Durchlüftung der Kapelle sorgt und von oben Licht in die Kapelle wirft. Zudem ist die Darstellungsgruppe auf dem Vorplatz „Jesus wird ins Grab gelegt“ die letzte Station des Kreuzwegs. Dieser Kreuzweg beginnt unten am Eingang der Erdkapelle und endet oben wiederum an der Erdkapelle.
Nach Fertigstellung der Bethlehemskapelle unterblieb die Innengestaltung mit Ausnahme des Altars. Im Laufe der Jahrzehnte verkam die Kapelle immer mehr zu einem Abstellraum, insbesondere die eindringende Feuchtigkeit richtete immer mehr Schäden an. Durchreisende übernachteten in der Bethlehemskapelle und scheuten sich nicht, dort ein Feuer anzuzünden, um sich zu wärmen oder ein Süppchen zu kochen. Dieser Zustand änderte sich auch nicht, als 1920 die beiden Friedhöfe links und rechts des Eingangs angelegt wurden.
Erst im Jahr 1960 wurde die Bethlehemskapelle renoviert. In diesem Jahr verwirklichte der Oblatenpater Paul Schulte, genannt der „Fliegende Pater“, in der Betlehemskapelle einen Lieblingswunsch, er gestaltete sie zu einer Missionskapelle um. Man nannte sie die „Maria-Schnee-Kapelle“, zurückzuführen auf seine Tätigkeit. Denn er rüstete die Überseegebiete mit modernen Verkehrsmitteln aus, wirkte 1936-1939 in Kanada, unternahm Versorgungs- und Rettungsflüge in der Eskimomission, war von 1941 bis 1945 in den Vereinigten Staaten interniert, wo er die Wallfahrt „Maria-Schnee“ gründete, Missionen in schneebedeckten Regionen, die sogenannte Eismission. 1949 kehrte er nach Deutschland zurück und gehörte von 1956-1966 der Hausgemeinschaft des St. Rupertskloster an, wo er aufgrund seiner vielfältigen Arbeiten aber selten vorzufinden war.
Die Maria-Schnee-Kapelle wurde umgestaltet. Über dem Altar wurde eine Kopie des Gnadenbildes angebracht, der Tabernakel erhielt die Form eines Iglu (Eskimo- (Inuit) Schneehütte). In den Seitennischen wurde eine Statue der hl. Theresia von Lisieux und eine Statue des hl. Josef aufgestellt, der neben dem Jesuskind auch noch ein Flugzeug in den Armen trägt. An den Wänden waren in verschiedenen Sprachen zu lesen: „Geht, predigt, tauft“. Die Wände des Eingangs schmückte eine Weltkarte mit der Darstellung der weltumspannenden Missionsarbeit der Kirche, wo insbesondere das Flugzeug zum Einsatz kam. Viele Jahre besuchten Missionsfreunde die Kapelle.
Doch diese Maria-Schnee-Kapelle war schon nach 20 Jahren wieder teilweise bis zur Unkenntlichkeit durch Feuchtigkeit zerstört. Über die aufwendigen Sanierungsarbeiten am Vorplatz ab dem Jahr 1986 und an der Betlehemskapelle zur Herrichtung für die 100jährige Festveranstaltung der Rochuskapelle im Jahr 1995, wurde an anderer Stelle ausführlich berichtet. Die Einweihung der restaurierten Kapelle konnte schon zum Rochusfest im Jahr 1989 erfolgen.
Doch auf eine Erneuerung der zerstörten Teile in der Kapelle musste verzichtet werden. Aus der Maria-Schnee-Kapelle wurde wieder die Betlehemskapelle mit der Geburt Christus im Mittelpunkt. In der Mitte des Oktogons der Kapelle steht jetzt eine von der Kreuzschwestern des Rochusbergs gestiftete Stele, die der Bildhauer Josef Welling aus Koblenz geschaffen hat. Diese Sandsteinstele (sprechender Stein mit Botschaften) trägt vier Bronzetafeln mit vollplastischen Figuren, die die Geschichte der Menschwerdung des Sohn Gottes verkünden.
Diese Bildtafeln sind beleuchtet und Sitzbänke in den Nischen des Oktogons laden zum meditativen Ausruhen ein. Pater Dr. Josef Krasenbrink erklärt uns diese bildlichen Szenen mit den passenden Stellen aus der Bibel im Einzelnen:
Die Verkündigung in Nazareth:
Im sechsten Monat wurde der Engel Gebriel von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazareth zu einer Jungfrau gesandt. Sie war mit einem Mann namens Josef verlobt, der aus dem Haus David stammte. Der Name der Jungfrau war Maria. Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir. Sie erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe. Da sagte der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, denn du hast bei Gott Gnade gefunden. Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben. Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen, und seine Herrschaft wird kein Ende haben. Maria sagte zu dem Engel: Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne? Der Engel antwortete ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden. Auch Elisabeth, deine Verwandte, hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen; obwohl sie als unfruchtbar galt, ist sie jetzt schon im sechsten Monat. Denn für Gott ist nichts unmöglich. Da sagte Maria: Ich bin die Magd des Herrn: mir geschehe, wie du es gesagt hast. Danach verließ sie der Engel.
Geburt Jesus in Bethlehem
In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen. Dies geschah zum erstenmal; damals war Quirinius Statthalter von Syrien. Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen. So zog Josef von der Stadt Nazareth in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Bethlehem heißt; denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids. Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete. Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeorenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.
Die Anbetung der Magier
Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Bethlehem geboren worden war, kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem und fragten: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen. Als König Herodes das hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem. Er ließ alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes zusammenkommen und erkundigte sich bei ihnen, wo der Messias geboren werden sollte. Sie antworteten ihm: In Bethlehem in Judäa; denn so steht es bei dem Propheten: Du, Bethlehem im Gebiet von Juda, bist keineswegs die unbedeutendste unter den Fürstenstädten von Juda; denn aus dir wird ein Fürst hervorgehen, der Hirt meines Volkes Israel. Danach rief Herodes die Sterndeuter heimlich zu sich und ließ von ihnen genau sagen, wann der Stern erschienen war. Dann schickte er sie nach Bethlehem und sagte: Geht und forscht sorgfältig nach, wo das Kind ist. Wenn ihr es gefunden habt, berichtet mir, damit auch ich hingehe und ihm huldige. Nach diesen Worten des Königs machten sie sich auf den Weg. Und der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war: Dort blieb er stehen. Als sie den Stern sahen, wurden sie von große Freude erfüllt. Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter. Da fielen sie nieder und huldigten ihm. Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten im Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar. Weil ihnen aber im Traum geboten wurde, nicht zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem anderen Weg heim in ihr Land.
Die Flucht nach Ägypten
Als die Sterndeuter wieder gegangen waren, erschien dem Josef im Traum ein Engel des Herrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten. Da stand Josef in der Nacht auf und floh mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten. Dort blieb er bis zum Tod des Herodes. Denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.
Als Herodes merkte, daß ihn die Sterndeuter getäuscht hatten, wurde er sehr zornig, und ließ in Bethlehem und der ganzen Umgebung alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren töten, genau der Zeit entsprechend, die er von den Sterndeutern erfahren hatte. Damals erfüllte sich was durch den Propheten Jeremia gesagt worden ist: Ein Geschrei war im Raum zu hören, lautes Weinen und Klagen: Rahel weinte um ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn sie waren dahin.
Als Herodes gestorben war, erschien dem Josef in Ägypten ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und zieh in das Land Israel; denn die Leute, die dem Kind nach dem Leben gerachtet haben, sind tot. Da stand er auf und zog mit dem Kind und dessen Mutter in das Land Israel in das Gebiet Galiläa und ließ sich in einer Stadt namens Nazareth nieder. Denn es sollte sich erfüllen, was durch die Prpheten gesagt worden ist: Er wird Nazoräer genannt werden.