Schon lange vor der Zeit der heutigen Josefskapelle am "Eingang" zum Rochusberg gab es eine Josefskapelle an einer anderen Stelle. Ein Panoramaplan aus dem Jahr 1833 zeigt ein einfaches Heiligenhäuschen einsam stehend am ehemaligen Rochusweg, längs dem auch die Bildstöckchen des Kreuzwegs standen, die aber schon zur Zeit Goethes in einem desolaten Zustand waren. Dieses größere Heiligenhäuschen hat die Form wie die heutige Josefskapelle, mit zwei einsehbaren Nischen, in der offenbar eine Statue stand, es dürfte sich um das ehemalie Josephkapellchen handeln, von der noch die Rede sein wird.
Schon eine Zeichnug aus dem Jahr 1784 lässt die Positionen der einzelnen Bildstöckchen des Kreuzweges längs des Rochusweges erkennen, darunter gibt es eine Station mit einem Kreuz, was auf ein Kapellchen hindeutet. In den weiter unten genannten Unterlagen von 1876 heißte es, dass schon von Alters her es ein Heiligenhäuschen für den Hl. Joseph am Rochusweg an der Stelle des späteren Schützenhauses gab. Es ist die Position des in der Karte von 1784 eingezeichneten Kapellchen. Dieses Kapellchen dürfte aber noch älter sein, ggf. entstand es kurz nach der Gründung der Josephsbruderschaft im Jahr 1756. Wie alle Bruderschaften hatten auch diese eine Kapelle oder Altar für die Verehrung ihres Heiligen.
Erst mit dem Jahr 1876 gibt es weitere Informationen zum Josephskapellchen im Zusammenhang mit dem Schützenhaus am Rochusweg. Deshalb sei die Geschichte des Schützenhauses hier eingeschoben:
Im Jahr 1850 erfahren wir aus Binger Chroniknotizen (siehe Geschichtsblätter der Binger Historischen Gesellschaft, Artikel von Frau Erika Wawrzyn-Hilsdorf) , dass am 22. April der Verein der Schützengesellschaft Bingen von Frau Maria Katharina Heib einen Weinberg in der heutigen Rochusallee erwarb. Die Schützengesellschaft benötigte das außerhalb von Wohngebieten liegende Gelände, um dort störungsfreie Schießübungen abhalten zu können. Das bisherige Gelände am Rhein in Bingerbrück bereitete öfters Ärger mit der Dampfschifffahrt bei den Schießübungen Richtung Rhein. Das nun erworbene Grundstücksgelände am Rochusweg hatte eine Breite von 16,5 Meter und eine Tiefe von 100 Meter.
Sowohl die Grundbücher der Stadt Bingen aus dem neunzehnten Jahrhundert als auch die alten Gemarkungspläne, aufgezeichnet um 1880, zeigen, daß dieses ganze Gebiet ein noch völlig landwirtschaftlich genutzter Raum war. Die älteste erhaltene Urkunde stammt aus dem Jahr 1850. Sie stellt einen Verkaufs- und Kaufvertrag dar. Die wichtigsten Abschnitte dieser zweiteiligen Urkunde lauten:
"Heute, am 22. April 1850 wurde folgender Verkauf und Kauf abgeschlossen:
Es verkaufen die Frau Maria Katharina Heib geborene Scherer, Witwe von Josef Geyer namens ihrer und ihrer zwei minderjährigen Kinder Josef und Katharina Geyer, welche letztere durch genannte Frau Heib und ihren Vormund, Herrn Wilhelm Hamann, vertreten sind, an die Schützengesellschaft von Bingen, für welche handelt und annimmt ihr derzeitiger Vorstand, Anton Joseph Eberhard Soherr, Dr. Friedrich Müller, Anton Joseph Pennrich, Andreas Billhardt und Martin Weinert, sämtlich in Bingen wohnhaft und Herrn Franz Herter auf dem Rupertsberg bei Bingen wohnhaft, unter aller Garantie rechtens die nachbeschriebenen Weinberge nach beiliegendem Grundbuchauszuge, gelegen in der Gemarkung von Bingen, Gewann Oberockenheimer Unterhungerbornweg, Section C 609 alt Flur IV 189 neu, 92 Klafter Klasse 3 und C 608 Flur IV 190 neu 216 Klafter Klasse 3.
So konnte am 25. Mai der gedachte Kauf und Verkauf ratifiziert werden. Der Schützenverein ließ das erworbene Grundstück durch eine Schutzmauer sichern. Von diesem Schießstand aus wurde bis 1865 geschossen. Da die Entfernung von der Schießhalle bis zum Kugelfang 100 m betrug, war der Schießstand von dem Augenblick an unbenutzbar, als es wesentlich verbesserte, weitreichendere Gewehre gab. Dies war ungefähr seit 1870 der Fall. Die Schützengesellschaft gab das Schießhaus deshalb auf und baute eine neue Schützenhalle auf dem Rochusberg auf einem Acker von Herrn Franz Lothar Geromont (Gasthaus Schauermann). Das Anwesen mit Schützenhaus im Rochusweg wurde verkauft. Käufer war der Bilderrahmen-Fabrikant Richard Gesell, der aus Dresden stammte und zu dieser Zeit in London lebte. Er wollte neben dem Schießhaus eine Zweigfabrik für Bilderrahmen und -leisten errichten. Verkauf und Kauf erfolgte am 30. April 1875. Richard Gesell beauftragte seinen Geschäftsfreund Johann Baptist Hilsdorf, die rechts und links vom Schießhaus gelegenen Grundstücke für ihn zu erwerben und das Haus zu einem bewohnbaren Ganzen auszubauen. Der Kaufakt ist am 17. Januar 1876 ausgestellt. Die Grundstücke wurden erworben von Altbürgermeister Lorenz Pennrich, Gerberei- und Gutsbesitzer, zu Bingen wohnhaft, und Frau Anna Gertrude, geborene Kölges, Privatin, zu Bingen wohnhaft, geschiedene Ehefrau des in Kempten wohnhaften Gast- und Landwirtes Sebastian Fetzer. Der Weinberg Pennrich hatte eine Größe von 254 Klafter und der Weinberg von Frau Kölges betrug 259 Klafter. Der ursprüngliche Plan Gesells, in Bingen eine Zweigfirma zu unterhalten, konnte aus unbekannten Gründen nicht verwirklicht werden. Er bat deshalb Johann Baptist Hilsdorf, das Anwesen zum Preis von 10 000 Gulden (17 000 Mark) zu kaufen, wozu dieser sich - nach einigem Zögern - bereit erklärte.
Mit dieser Hintergrundinformation kann die Geschichte des Josphskapellchen weiter fortgeführt werden. Denn auf dem neu erworbenen Gelände der Frau Kölges stand seit unbekannten Zeiten ein Heiligenhäuschen, das „Josephs-Kapellchen“. Es stand etwas einwärts vom Rochusweg entfernt und wurde von der Besitzerin sorgfältig gepflegt und von den Weinbergsbauern beim Vorübergehen einer Andacht gewürdigt. Auch die Rochusprozessionen hielten hier jedesmal mit Gesang und Musik ein ehrendes Gedenken ab.
Interessant ist die Bedingung, die Frau Kölges an den Verkauf knüpfte:
"In der Mauer des verkauften Weinberges am Rochusweg befand sich ein Heiligenhäuschen, das alljährlich beim Rochusfest der Andacht zur Verfügung überlassen werden soll, unbeschadet des Rechtes des Käufers, dasselbe zu verlegen oder zu verändern und den über dem Heiligenhäuschen liegenden Boden zu bebauen und als Weinberg zu benutzen".
Doch diese Bedingung wurde schon in einem Akt vom 13. Juni 1876 aufgehoben. Inzwischen war nämlich die kreisamtliche Verfügung an den Käufer Herrn Gesell ergangen, das Heiligenhäuschen als baufällig binnen drei Tagen niederzulegen, was auch geschah. Doch das wollte man nicht so hinnehmen und so gab es Bestrebungen Ersatz für ein neues Heiligenhäuschen zu schaffen. So wendete sich in einem Gesuch vom Juli 1876 Regina Hitzel und Witwe Barbara Kraus an den Stadtrat (Ratsprotokoll), ein Heiligenhäuschen (St. Josephs Capelle) an der Bergseite des Rochuswegs erbauen zu dürfen. Offenbar wurde dem Gesuch nicht stattgegeben.
Ein Jahr später versuchte der Binger Maurermeister Joseph Arnold einen Ersatz für dieses Häuschen zu erwirken. Am 20. Juni 1877 schreibt er an den Stadtvorstand: "Vor etwa zwei Jahren wurde im Weinbergsfeld, der Frau Fetzer gehörend, gelegen oberm Rochusberg unterm Hungerborn, worauf sich ein sog. Heiligenhäuschen befand, an Herrn Richard Gesell von London verkauft. Dieses Heiligenhäuschen wurde jedoch schadhaft und mußte deshalb abgelegt werden. Der Eigenthümer des nunmehrigen Besitzthums, ließ fragliches Häuschen ablegen und nicht wieder aufbauen, ließ die Baustelle zumauern und nahm den Bauplatz in Besitz und Genuß; verpflichtet, dasselbe wieder erbauen zu lassen, soll er nicht gewesen sein. Dieses Heiligenhäuschen war schon von Altersher ein Bedürfniß für die Katholiken Bingens, da in demselben bei der alljährigen Rochusprozession der Hl. Segen gegeben wurde.
Maurermeister Joseph Arnold hatte sich daher vorgenommen, Sorge zu tragen, daß dieses Bedürfniß durch ein neues Heiligenhäuschen wieder ersetzt würde. Er macht weiter den Vorschlag' ein Grundstück an der "Grünen Bank" von Frau Scholl zu erwerben, um dort ein neues Häuschen zu errichten. Er erhielt dazu allerdings keine Genehmigung, wie aus dem weiteren Briefwechsel hervorgeht.
Auf der Stadtratssitzung vom 1.12.1877, (Ratsprotoll) wurde unter dem Tagesordnungspunkt „Erbauung eines s. g. Heiligenhäuschen im Rochusweg“ diese Thematik behandelt und im Protokoll festgehalten: Nach Anhörung des Gesuches erklärt der Gemeinderat, dem Gesuche um Ueberlassung eines Theiles des Grundstücks an der s. g. grünen Bank im Rochusweg zur Errichtung eines Heiligenhäuschens kann aus verschiedenen Gründen nicht zugestimmt werden; der Gemeinderat erklärt sich jedoch bereit, am Hange der Hitzel (Hisseln) auf der Seite nach dem Berg, das nötige Terrain hierzu unentgeltlich herzugeben, vorbehaltlich der Genehmigung der Aufsichtsbehörde.
Die Grüne Bank, die es schon 1877 gab, ist heute eine Bushaltestelle in der Rochusallee oberhalb der Dr. Gebauer-Straße. Sie dürfte damals ein willkommener Ruheplatz gewesen sein, denn der unbefestigte Weg zur Rochuskapelle war mühsam mit Weinbergen zu beiden Seiten des Wegs. Im Plan von 1784 ist etwa an dieser Stelle ein Stationshäuschen mit Kreuz eingezeichnet, was auf ein Kapellchen schließen lässt. Die dortigen vielen Weinbergen wechselten des öfteren ihren Besitzer. So finden wir im Stadtplan von 1909 noch die vielen alten Namen der Weinbergslagen: Unter dem Rochusweg, Ober dem Rochusweg, Obermainzerweg (Kalbskopf), Obermainzerweg (Galgen), Unter dem Mainzerweg im Ohligsberg, im Kalbskpf, im Hungerborn unter Hesseln, im Unterockenheimerweg, im weißen Schlag, im Oberockenheimer-Unterhungerbornweg.
Offenbar aufgrund des Ratsbeschlusses reichten Regina Hitzel und Witwe Barbara Krauß ein neues Gesuch beim Binger Stadtrat ein, welches auf der Stadtratssitzung vom 5. Juni 1880 (Stadtratsprotokoll) behandelt wurde: Gesuch der Regina Hitzel und Barbara Krauhs, Witwe, beide zu Bingen wohnhaft, um Erlaubniß zur Erbauung eines s. g. Heiligenhäuschen (St. Joseph Capelle) in dem Rochusweg, an der Bergseite.“ Der Gemeinderat erklärte, nachdem er das Großherzogl. Kreisamt Bingen am 12. Mai d. J. in dieser Sache angehört hatte, den Bau dieses unbewohnten Gebäudes im freien Felde zu obigem Zwecke nicht zu beanstanden. Die Witwe Krauß spendete dazu 72 Mark der katholischen Kirche zu Bingen.
Erst 50 Jahre später erfahren wir aus dem Kirchenkalender von 1931 von Prof. Como, dass der Pfarrer Sulzbach (1876-1883 in Bingen tätig) am Rochusweg eine Josephskapelle bauen ließ. Offenbar konnte dazu die Spende der Witwe Kraus verwendet werden. Pfarrer Sulzbach konnte weiterhin zum Bau dieser Kapelle Mitteln der aufblühenden Josephsbruderschaft einsetzen. Pfarrer Sulzbach belebte diese 1756 gegründete Josefsbruderschaft neu, indem er ihr 1880 eine zweite erweiterte Bruderschaft anschloß., die ohne die strengen Formen der ersten Bruderschaft Männern und Frauen einen Raum religiöser Betätigung bot. 1885 zählte die Josefsbruderschaft 600 Mitglieder.
Eine Fotografie aus dem Jahr 1880 zeigt diese Josephskapelle etwas zurückgesetzt rechts am Wegrand des Rochuswegs oberhalb des alten Friedhofs (heutige Rochusallee 12). Sie hatte weitgehend die Form wie die heutige Josephskapelle. Zu dieser Zeit stand sie noch fast alleine am Rochusweg bis auf das Gebäude der Schützenhalle weit oberhalb davon, wie es nebenstendes Foto zeigt.
Dreißig Jahre später hat sich das Aussehen des Rochuswegs schon merklich geändert; es gibt mehrere Gebäude am Rochusweg, etwa das Technikum oder die Villa Katharina, wie ein Auszug aus dem Stadtplan von 1913 zeigt. Die Josephskapelle allerdings steht weiterhin alleine etwas einwärts des Rochuswegs. Die benachbarte Querstraße bekam den Namen Josephsstraße (sie gibt es heute nicht mehr).
Doch dann stand sie im Jahr 1921 wieder „im Weg“. Es gibt eine Notiz des Baurats Keith der Binger Stadtverwaltung aus dem Jahr 1921, wonach die Josefskapelle auf dem Grundstück des Direktors Krose stehe (heutige Rochusallee 12), zwischen der Villa Katharina und der Villa des Professors Wilhelm Müller. Das Grundstück Müller wurde am 14.03.1922 an die Weinbrennerei Scharlachberg verkauft, ein Neubau dort errichtet und vom Direktor Krose der Firma Racke bewohnt. Bei diesen Baumaßnahmen wurde im Zuge der Verbreiterung des Rochuswegs die Baufluchtlinie zurückgesetzt. Dadurch stand das Josephskapellchen jetzt am Straßenrand, d. h. sie stand „im Weg“. Heute steht dort eine Terrassenwohnanlage.
Das Kapellchen musste verlegt werden, es sollte auf dem Schulgelände der Englischen Fräulein oberhalb des Alten Friedhofs an der Holzhauserstraße verlagert werden. Der Plan wurde jedoch verworfen. Schließlich erfolgte die Verlegung in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg um 1922 /1923 in die Weihe des Rochusberg-Waldes durch Bau eines neuen Kapellchens, welches dem Aussehen nach an das alte Kapellchen angepasst wurde. Doch der Zahn der Zeit verursachte mancherlei Verwitterungsschäden und auch mutwillige Zerstörungen waren zu beklagen und so bot die altehrwürdige Josephskapelle am Eingang zum „Wäldchen“ im Jahr 1987 einen desolaten Anblick, eingeworfene Glasscheiben, Schäden an den Heiligenfiguren und der Altardecke. Auch die Außenanlage einschließlich Einzäunung waren verwüstet.
Nachdem feststand, dass der Standort des Kapellchens sich in nächster Zeit nicht ändern wird, eine solche Diskussion war im Gespräch, hat die Binger Karnevalsgesellschaft „Schwarze Elf“ die Initiative ergriffen und es sich zur Chefsache gemacht, das Josephskapellchen einer durchgreifenden Wiederherstellung zu unterziehen. Im ersten Schritt erfolgte die Ausschmückung der Kapelle bis zur Rochuswallfahrt 1987. Der Hobbykünstler Günter Hilgers aus Bingen hat die drei Statuen des hl. Joseph, hl. Petrus und hl. Paulus mit viel Liebe und Sachverstand restauriert. Danach erfolgte die bauliche Instandsetzung mit Abschluss der Renovierungsarbeiten, so dass sie am Josefstag, dem 19.03.1988, mit einer Andacht an der Josefskapelle unter Mitwirkung der katholischen Musikkapelle durch den Binger Pfarrer und Dekan H. J. Herd wieder als Sakralbau und Fürbitt-Kapelle feierlich übergeben werden konnte.
Quelle: Archiv Binger Karnevalsgesellschaft Schwarze Elf
Josefskapelle im Jahr 2020
An der Josefskapelle endet gleichzeitig auch der Pilgerweg mit den 10 Bilderstöcken, so dass es angebracht ist, nach dem steilen Anstieg bei der Rochuswallfahrt hier einen Haltestop einzulegen, um die Fürbitte des hl. Josef zu erlangen.
Insbesondere für die Träger der Rochusstatue ist dies ein willkommener Stop.