Die Rochuskapelle ist weiterhin ein Anziehungsmagnet für Pilger und Liebhaber der Rochuskapelle. So wird am 26. April 1900 in der Zeitung „Der Deutsche Correspondent“ berichtet, dass der Prinz Max von Sachsen, Kurratpriester an der St. Elisabeth-Kirche in Nürnberg, für mehrere Monate die Villa Sachsen unterhalb der Rochuskapelle beziehen will und häufig Gottesdienst in der Rochuskapelle halten werde.
Auch in den nachfolgenden Jahren fanden die Rochuswallfahrten regelmäßig statt. Über sie wird wenig berichtet. In den Kirchenkalendern der Pfarrei Bingen erfahren wir, dass die Hauptprozession um 7:30 Uhr von der Basilika startet und das Pontifkalamt in der Rochuskapelle oder am Außenchor jeweils um 9:30 Uhr stattfindet. Bischof Dr. Gg. H. Kirstein (siehe Bild) nahm von 1904 bis 1921 regelmäßig an der Rochuswallfahrt teil. Aus einem Schullesebuch um 1900 erfahren wir, dass fast zeitgleich eine Prozession von Kempten aus zur Rochuskapelle startete. Zu dieser Prozession gesellten sich noch die Rüdesheimer, die rechtzeitig mit ihren Nachen und Segelbooten nach Kempten übersetzten.
In der Oktavwoche finden nach altem Brauch Wallfahrten aus den einzelnen Ortschaften statt. So sind die Wallfahrtstage für die meisten Ortschaften des Umlands von Bingen seit alters her fest vorgegeben. Die Rochuswallfahrten wurden immer als gut besucht bezeichnet mit etwa 12.000 bis 15.000 Pilgern.
Im Jahr 1901 übernahmen die in Bingen in der Krankepflege tätigen Franziskaner, die ab 1919 im sogeannten "Brüderhaus" in der Basilikastraße 1 (damals Kirchstraße 1) wohnten, für ein Jahr lang auch den Sakristanendienst in der Rochuskapelle, um den regelmäßigen Gottesdienst dort zu ermöglichen.
Das Fotos - etwa um 1910 - wurden von dem französischern Historiker Trutat aus Toulouse aufgenommen, als er zur Zeit des Rochusfestes mit seiner Familie in Bingen weilte; im Vordergrund zwei Rochusje, die üblicherweise die Rochuswallfahrt begleiten.
1911 Rochuswallfahrt - Rochusstraße
1911 Rochuswallfahrt - an der Stelle der heutigen Josefskapelle, die es 1911 da noch nicht gab.
Auch im 1. Weltkrieg fanden die Rochuswallfahrten regelmäßig statt; die Gottesdienste in der Oktavwoche waren ebenfalls gut besucht.
Im April 1915 rief die kathol. Geistlichkeit der Stadt Bingen alle Katholiken auf, die diesjährige Markusprozession zu einer großen Kriegs-Bitt-Prozession werden zu lassen. Sie soll dazu genutzt werden, um am 25. April zur ehrwürdigen Wallfahrtskapelle des hl. Rochus zu pilgern, um dort einen baldigen ehrenvollen Frieden zu erflehen und den Segen für unsere Feldfrüchte und die Abwendung jeglicher Kriegsübel zu erbitten.
Die Prozession stattet um 8 Uhr von der Pfarrkirche; sämtliche katholische Vereine sollen sich mit ihren Fahnen beteiligen.
Die Binger St. Rochusbruderschaft teilte dazu in der Zeitung mit: Wie bereits mehrfach bekannt gemacht ist, wird die morgige Markus-Bittprozession als große Kriegs-Bittprozession nach der Rochuskapelle sich bewegen, um dem Beispiele unserer Vorfahren folgend, die Fürbitte unseres großen heiligen Schutzpatrons St. Rochus zu erflehen, zur baldigen Befreiung aus schweren Kriegsnöten. Unsere Mitglieder werden es als Ehrensache betrachen, sich vollzählig an dieser Prozession zu beteiligen, zumal auch die Statue des hl. Rochus in derselben mitgetragen werden soll.
Die Prozessionsordnung war wie folgt: Kreuz und Fahnen, Knaben und Mädchen der Volksschule und englische Fräulein, Marienverein, Zitaverein, Kathol. Verein für kaufmänn. Gehilfinnen, Frauenbund, Elisabethenverein, Jungfrauen und Frauen der Stadt die keinem Verein angehören, Realschüler und Progymnasiasten, Lehrlingsverein, Max. Jünglingsjodalität, Gesellenverein, Kaufmänn. Verein, Innungen der Stadt, St. Nikolaus-Schifferverb. und Schifferzunft, Männerverein und Kriegsvereinsmitglieder, Ripuaria, alle Jünglinge und Männer die keinem Verein angehören, Bruderschaften (ohne Kerzen), Kirchenmusik und Kichengesangverein, Rochusstatue und Rochusbruderschaft, Bürgermeister und Beigeornete, Stadt- und Kirchenräte, Ordensmitglieder.
Das Jahr 1920 ist für die Geschichte des Rochusberges ein beonderes Jahr. In diesem Jahr kann das 25jährige Jubiläum der neu errichtete Rochuskapelle gefeiert werden. Es ist aber auch das Gründungsjahr zweier Ordensgemeinschaften auf dem Rochusberg.
Die Schwestern vom heiligen Kreuz aus Straßburg, die schon im Blindenheim in der Mainzerstraße blinde Kinder betreuten, kauften im Jahr 1920 das Rochusberghotel und errichteten dort ihr Mutterhaus in Deutschland unter dem Namen "St. Hildegardhaus, Provinzhaus der Schwestern vom heiligen Kreuz".
Die Ordenspriester der Oblaten hielten ihren Einzug in das frühere 1907 errichtete Priesterhaus, das St. Rupertuskloster, unterhalb der Rochuskapelle. Ihnen wurde die Seelsorge der Wallfahrtskirche aber auch der Dienst bei den Kreuzschwestern im Hildegardishaus übertragen.
In Verbindung mit der Rochuswallfahrt am 22. August 1920 wurde das Oblatenkloster St. Rupertus eröffnet. An die 17.000 Pilgern von nah und fern, aus dem Rheingau, von der Nahe, vom Hunsrück, von Mainz und den umliegenden Dörfern nahmen an der Wallfahrt teil. Der Rochusbruderschaft gelang es 20 Rochusje für die Teilnahme an der Prozession zu gewinnen. Das Pontifikalamt im Freien zelebrierte der Weihbischof Dr. Münch aus Trier, die Festpredigt hielt der Bischof Dr. Augustinus Kilian von Limburg. Leider spielte das Wetter nicht mit und so verdunkelte sich der Himmel immer mehr. Als dann die Prozssion den Rückweg antrat, regnete es heftig und so flüchtete man die Lokale und Kneipen. Obwohl der pressionsweg liebevoll geschmückt war, vermisste man die sonst übliche Aufstellung der Flaggenmasten längs des Weges durch die Stadtverwaltung.
Aus diesem Anlass erschien zur Rochusoktav vom 22. bis 29. August 1920 eine Sonderausgabe der Mittelrheinischen Volkszeitung unter dem Titel: "Nach 25 Jahren! Die Rochuskapelle im Silberglanze. Drei Gnadenquellen auf dem heiligen Berge".
Nebenstehndes Bild zeigt die Rochuswallfahrt im Jahr 1925 in der Kapuzinerstraße.
Zu dieser Zeit war J. B. Ankermüller Brudermeister der St. Rochussbruderschaft.
Doch eine Wallfahrt nicht zu Ehren des hl. Rochus sondern zum 750. Todestag der hl. Hildegard von Bingen am 15. September 1929 war ein historisches Ereignis. Hierzu fand eine Kundgebung mit 25.000 Teilnehmern auf dem Rochusberg statt, bei der der ehemalige österreichische Bundeskanzler Prälat Ingaz Seipel (gest. 1932) die Festrede hielt. Danach bewegte sich eine Prozession mit dem Hildegardisschrein vom Hildegardisaltar und der Rupertusschrein des Rupertusaltars zum Rhein, um dort die auf dem Salonschiff Vater Rhein von Eibingen herübergeführten Gebeine Hildegards im Hildegardisschrein zu empfangen. In der anschließenden Reliquienprozession mit etwa 40.000 Teilnehmer wurden dies zur binger Pfarrkirche getragen. Nach einer kurzen Andacht wurden die Gembeine der hl. Hildegard und des hl. Rupertus indie Pfarrkirche nach Bingerbrück gebracht, wo der Bischof von Trier in einer Andacht die Predigt hielt. Es war schon dunkel als sich die Prozession mit den Reliquien auf den Weg nach Bingen in Bewegung setzte, um dann wieder nach Rüdesheim überzusetzen. Ein mächtiges Lichterkreuz strahlte dazu auf dem Rupertsberg und an die fünfzigtausend Illuminationsbecher leuchteten überall auf. Die ergriffenen Menschen am Rheinufer stimmten vieltausenfach das Tedeum an. Es war ein Ereignis von dem noch jahrelang gesprochen wurde (eine ausführliche Beschreibung gibt der katholische Kirchenkalender der Pfarrei Bingen von 1930).
Reliquien-Wallfahrt zum 750. Todestag von Hildegard von Bingen
Nonnen bei der Reliquienprozession zum 750.-Todesjahr der hl. Hildegard von Bingen
Rochusfest im Jahr 1930; im Vordergrund der Bratwurststand der Metzgerei Beitsch-Jung (Vorstadt 30).
1932 Rochuswallfahrt - Speisemarkt
1932 Rochuswallfahrt - kurz vor der Rochuskapelle
Im Jahr 1933 als der Binger Pfarrer Monsignore Eich als Saparatist verleumdet wurde und Bingen verlassen musste, ordnete der Mainzer Bischof Hugo an, dass eine Rochusprozession nicht stattfinden darf. Es bestand die Befürchtung, dass Pfarrer Eich zurückkommen könnte und die Rochusprozession zu einer politischen Manifestation und einem Triumpfzug werden könnte, wie es bei der Fronleichnamsprozession geschehen war, als Prälat Eich nach Bingen kam und die Prozession anführte (Brigit Bernard, Die Zeit des Nationalismus und ihre Vorgeschichte, Bingen 1930-1945).
In den darauf folgenden Jahren fand die Rochuswallfahrt in altgewohnter Weise statt. Am zweiten Oktavsonntag erfolgte nach dem Hochamt in der Rochuskapelle der Rückzug der Prozession wieder zur Basilika. Viele Binger begaben sich nachmittags nochmals zum Rochusberg, um das Rochusfest in einem der Zelte bei enem oder mehreren Schoppen Wein ausklingen zu lassen.
1937 Rochuwallfahrt mit Bischof Dr. Albert Stohr
Von der kurz vor dem 2. Welkrieg am 20.08.1939 stattgefundene Rochuswallfahrt wird berichtet, dass sie einen erhebenden, wenn auch recht ernst gestimmten Verlauf nahm und sehr gut besucht war Der Mainzer Bischof Dr. Albert Stohr hielt die Predigt und Apost. Protovotar May zelebrierte das Pontivikalamt. In der Zeit des 2. Weltkriegs durfte die versprochene Prozession von Bingen zum Rochusberg nicht stattfinden und alle Gottesdienste mussten in der Kapelle gefeiert werden. Auch das weltliche Rochusfest war untersagt. Am 13. August 1942 wurden die Ost- und Südfenster wie auch die Eingangstür der Rochuskapelle durch die Druckwellen der in der Nähe erfolgten Bombenexplosion schwer beschädigt. Die Rochuswallfahrt wurde zunächst polizeilich verboten, eine Feier beschränkt auf die Rochuskapelle ohne deren Überfüllung durfte dann doch noch stattfinden.