Der Gebäudeprozess im Bistum Mainz verlangt viele Lösungen. Wie man die Gläubigen und die Bevölkerung vor Ort einbeziehen kann, zeigt der Zukunftsdialog in Viernheim. Ein Bericht aus der aktuellen Ausgabe des Magazins "Glaube und Leben".
2022: Insgesamt 10561 Katholikinnen und Katholiken und vier Kirchen gehörten zum Pastoralraum Viernheim. Die Beteiligten vor Ort hatten dafür gestimmt, die Apostelkirche als Pfarrkirche zu behalten und sich von den anderen drei Kirchen zu trennen oder sie umzunutzen. Zwei Jahre später wurde die Pfarrei Heiliger Johannes XXIII., Viernheim neugegründet. Was ist seitdem passiert?
Die Apostelkirche hat sich als Pfarrkirche etabliert, in den drei anderen Kirchen finden keine Gottesdienste mehr statt. Zugesperrt und Schlüssel weggeworfen? Ganz im Gegenteil. Die Pfarrei hat mit der Stadt Viernheim und einem Planungsbüro einen mehrstufigen Beteiligungsprozess gestartet. Wichtig war und ist den Beteiligten, dass die Öffentlichkeit eingebunden ist. Fester Bestandteil war dabei ein „Runder Tisch“ als Arbeitsgremium.
Die öffentliche Beteiligung war im vergangenen September mit dem Rundgang „Kirchenwandeln“ und der öffentlichen „Ideensammlung“ für die Kirchen gestartet. Mit der Projekt-Revue endete in diesem Sommer die erste große Dialogphase des Zukunftsdialogs „Vertraute Orte – Neues Leben“. Es gibt für jede Kirche eine Empfehlung: Sozialzentrum, Multifunktionsraum, Wohnraum. Wie kamen diese Empfehlungen zustande? Welche Schritte waren notwendig?
Der Beteiligungsprozess
Insgesamt bildeten mehr als 30 Personen den Runden Tisch: Personen aus Kirche und Stadtverwaltung, Politik, Kirchengemeinde und Bürgerschaft, aus der Denkmalbehörde des Landes und des Kreises sowie aus dem Bischöflichen Ordinariat waren dabei. Dazu zählten auch zehn Personen, die sich für den Runden Tisch im Rahmen des Zukunftsdialogs beworben und per Losverfahren einen Platz erhalten hatten – darunter vier Mitglieder der Kirchengemeinde sowie sechs Bürgerinnen und Bürger der Stadt. „Diese Mischung war uns wichtig“, sagt die Koordinatorin der Pfarrei Angela Eckart. „Der Runde Tisch sollte bewusst über unsere Pfarrei hinausgehen. Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen sollten mit ihren Erfahrungen, Blickwinkeln und Vorstellungen miteinander ins Gespräch kommen.“
Zum Start in die Phase der Ideenfindung gab es das Angebot des „Kirchenwandelns“ – dabei konnten an einem Tag im September die Kirchen besucht werden. Das war auch der Startschuss für das Ideensammeln. Bis Ende Oktober wurden Ideen gesammelt. Zwei Monate lang konnte man abstimmen. Das Sammeln und Abstimmen war sowohl digital als auch analog – also schriftlich – möglich. Neben einer Internetseite wurden im öffentlichen Raum Aufsteller mit den gesammelten Ideen platziert.
Mehr als 1000 Vorschläge wurden gesammelt, diskutiert und weiterentwickelt. „Natürlich gab es auch emotionale Beiträge“, erzählt die Pfarreikoordinatorin. „Entscheidend war für uns aber: Es wurde berichtet und gehört, was bewegt und berührt. Aber vor allem wurde diskutiert und beraten, miteinander gerungen.“
Auf einem Klausurtag des Pfarreirats wurden die Vorschläge besprochen und anschließend vom Runden Tisch weiter verfeinert, konkretisiert und in erste Projektskizzen überführt. Mit einer öffentlichen Projektwerkstatt wurden die Ideen der breiten Öffentlichkeit zur Diskussion gestellt. Im Anschluss hat der Runde Tisch auf seiner dritten und abschließenden Sitzung die Empfehlungen für die drei Standorte formuliert. Diese wurden der Öffentlichkeit auf einer „Projekt-Revue“ vorgestellt. Damit ist die Dialogphase des Beteiligungsprozesses abgeschlossen. „Die Empfehlungen sind aber kein Schlusspunkt“, betont die Pfarreiratsvorsitzende Ursula Scheidel. „Sie sind eine Grundlage für die weiteren Überlegungen. Jetzt beginnt die nächste, sehr konkrete Phase: Die Vorschläge müssen auf ihre Machbarkeit geprüft werden. Es müssen Fragen geklärt sowie notwendige Akteure und Partner gewonnen werden.“l
Pfarreiratsvorsitzende Ursula Scheidel und Pfarreikoordinatorin Angela Eckart beantworteten die Fragen.
Sie hatten in ihren Gremien entschieden, sich auf eine Kirche – die Apostelkirche –zu konzentrieren. Wie waren die Reaktionen?
Natürlich ist das für Menschen, die über Jahrzehnte ihre Heimat in einer der anderen drei Kirche hatten, nicht einfach. Kirche ist ja nicht nur ein Gebäude. Mit den Kirchen verbinden viele Viernheimerinnen und Viernheimer kostbare Augenblicke, die ihr Leben berührt haben: Taufen, Erstkommunion, Hochzeiten. Viele persönliche Erinnerungen hängen für die Menschen an diesen drei Kirchengebäuden. Gleichzeitig haben wir im Verlauf des Zukunftsdialogs erlebt, dass die Bereitschaft wächst, über Veränderungen zu sprechen. Besonders die große Beteiligung der Viernheimerinnen und Viernheimer hat uns gezeigt, dass ihnen die Zukunft der Kirchengebäude am Herzen liegen. Sie wollen mitgestalten, was aus diesen vertrauten Orten werden kann. Das war eine sehr ermutigende Erfahrung.
Wie kam es zur Initiative?
Als Pfarrei waren wir zunächst selbst ziemlich ratlos. Wir haben überlegt und beraten, was aus unseren Kirchengebäuden werden kann, und sind auch erste Versuche für eine Umnutzung angegangen. Doch zunächst führte keiner dieser Wege zu einem tragfähigen Ergebnis. Umso dankbarer waren wir, dass die Verantwortlichen der Stadt Viernheim mit der Idee eines Beteiligungsprozesses auf uns zugekommen sind. Damit entstand die Chance, nicht nur innerhalb unserer Pfarrei über die Zukunft der Kirchengebäude nachzudenken, sondern die gesamte Stadtgesellschaft einzubeziehen.
Welchen Rat würden Sie anderen Gemeinden für den Immobilienprozess mit auf den Weg geben?
Wir haben in Viernheim erlebt, wie hilfreich es sein kann, Türen zu öffnen. Die Menschen unserer Stadt haben unglaublich viele Ideen, Kompetenzen und Erfahrungen in den Beteiligungsprozess eingebracht. Viele fühlen sich mit unseren Kirchengebäuden verbunden, auch wenn sie vielleicht gar nicht so regelmäßig unsere Gottesdienste besuchen. Genauso wichtig ist aber, ehrlich über die Ausgangslage der Kirchengebäude zu sprechen und die Situation sehr klar zu benennen. Und vor allem: nicht zu lange warten. Solche Prozesse brauchen viel Zeit und viel Engagement. Es ist wichtig, frühzeitig anzufangen, zuzuhören, was die Menschen bewegt, unterschiedliche Altersgruppen anzusprechen und kreative Freiräume zu schaffen. Gleichzeitig müssen die wirtschaftlichen, baulichen und rechtlichen Tatsachen klar benannt werden.
Vielleicht ist das die wichtigste Erfahrung aus unserem Zukunftsdialog: Wir haben erlebt, dass aus der Sorge um unsere Kirchengebäude ein Dialog mit den Menschen unserer Stadt entstanden ist. Wir haben als Pfarrei eine Stadtgesellschaft dazugewonnen. Dafür sind wir unendlich dankbar.
Link:
Zum Zukunftsdialog, den Ideen und Empfehlungen: bistummainz.de/region-suedhessen/pfarrei/viernheim/zukunftsdialog
Zur Sache
Im Bistum Mainz gibt es seit Anfang des Jahres mit Bernd Bumann und Oliver Harth zwei Ansprechpartner, die Pfarreien beim Gebäudeprozess begleiten. Aktuell sind sie mit 25 der 46 pastoralen Räumen in Kontakt; ein Projekt ist dabei „21 Kirchen – 1000 Ideen“ der Pfarrei Hl. Hildegard von Bingen, Rhein und Nahe.