Wenn Jugendliche nicht mehr leben wollen

Caritas U25 (c) DiCv Mainz
Caritas U25
Datum:
3. Juli 2026
Von:
von Anja Weiffen

Wie kann jungen Menschen geholfen werden, die über Suizid nachdenken? Das Caritas-Projekt U25 arbeitet mit sogenannten Peers, Menschen in derselben Altersgruppe. Sie kommunizieren online mit den Ratsuchenden. Ein Bericht und ein Interview aus dem Kirchenmagazin "Glaube und Leben".

Suizid zählt weltweit zu den häufigsten Todesursachen bei jungen Menschen. Auch in Deutschland erleben viele Jugendliche und junge Erwachsene schwere seelische Krisen – oft im Stillen, ohne jemanden, dem sie sich anvertrauen können. Genau hier setzt U25 an, ein anonymes und niedrigschwelliges Online-Beratungsangebot der Caritas, das jungen Menschen in Krisen beisteht.

Das Bistum Mainz ist seit diesem Jahr Teil des bundesweiten Netzwerks geworden. Mit Mainz, Rüsselsheim und Worms gibt es drei Standorte, an denen die Peers regional mit Schulungen und Teamtreffen angebunden sind. Warum gerade diese Städte ausgewählt wurden, erklärt Kerstin Öhl, Projektkoordinatorin der U25Beratung im Bistum: „Uns war es ein Anliegen, sowohl in Rheinland-Pfalz als auch in Hessen Standorte aufzubauen. Ursprünglich war je Bundesland ein Standort geplant. Durch die inhaltliche und vor allem finanzielle Unterstützung des Bistums ist es gelungen, alle drei Standorte zu realisieren.“

U25 richtet sich an alle unter 25 Jahren, die mit suizidalen Gedanken ringen oder in emotionalen Notlagen stecken. Und das auf eine besondere Weise: Jugendliche und junge Erwachsene beraten Gleichaltrige. Diese jungen Ehrenamtlichen werden Peers genannt – ein Begriff aus dem Englischen für Menschen im ähnlichen Alter und mit vergleichbaren Lebensrealitäten.

Die Peers, die diese Beratung übernehmen, sind junge Ehrenamtliche zwischen 16 und 25 Jahren. Sie werden in einer mehrmonatigen Ausbildung geschult und durch regelmäßige Supervision unterstützt.

Damit sie die Verantwortung tragen können, werden die Peers beim Verfassen ihrer Antworten von hauptamtlichen Fachkräften unterstützt. Viele Ratsuchende beschreiben, wie bedeutsam es für sie ist, sich jemandem anvertrauen zu können, der „so ähnlich ist wie ich“ – jemand, der versteht, wie sich Einsamkeit, Überforderung oder der Druck des Erwachsenwerdens anfühlen.

Die kostenlose Beratung läuft über die geschützte Caritas-Onlineplattform. Ratsuchende erhalten innerhalb von 48 Stunden eine erste Antwort, danach spätestens alle sieben Tage. Die Dauer der Begleitung richtet sich ganz nach dem Bedarf der Ratsuchenden.

Kerstin Öhl, Projektkoordinatorin der U25Beratung (c) DiCv Mainz
Kerstin Öhl, Projektkoordinatorin der U25Beratung

Kerstin Öhl: „Wir gewinnen junge Menschen für dieses Ehrenamt durch Kontakte bei Lehrveranstaltungen an den Hochschulen, durch Informationsstände auf Messen und Festivals – und natürlich über Social Media.“ Bei Letzterem würden die Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit Hochschulen und Schulen genutzt. „Auch werben unsere Peers, indem sie im Freundeskreis über ihr Ehrenamt erzählen.“ Im Durchschnitt betreut ein Peer etwa vier Ratsuchende gleichzeitig – manche nur mit wenigen Mails, andere über viele Monate.

Auf die Frage, welchen Sorgen die Peers am häufigsten begegnen, sagt die Caritas-Mitarbeiterin: „Sich einsam und unverstanden zu fühlen, ist ein großes Thema.“ Viele Ratsuchende seien psychisch stark belastet. Häufig beschrieben werden große Traurigkeit bis hin zu Depressionen. Selbstverletzendes Verhalten, aber auch Essstörungen oder riskanter Konsum von Alkohol, Drogen oder Medikamenten gehörten ebenfalls dazu. „Darüber hinaus geht es oft um Liebeskummer, Leistungsdruck in Schule sowie Ausbildung, Stress mit Eltern und Zukunftsängste“, berichtet Öhl.

Zwölf junge Menschen haben die erste Ausbildung im Bistum Mainz bereits abgeschlossen, weitere Durchgänge sind geplant. „Neue Peers zu gewinnen, bleibt eine zentrale Aufgabe“, betont Öhl. „Denn nur durch sie ist dieses Angebot überhaupt möglich.“

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen die positive Wirkung von Online-Suizidprävention, die mithilfe von Peers durchgeführt wird. Bei U25 wurde belegt, dass das Projekt die Ratsuchenden erreicht und diese die Beratung als hilfreich und unterstützend erleben. Entscheidend ist dabei das Verständnis durch die Peers und die Möglichkeit, in einem geschützten Raum offen über belastende Themen zu schreiben. U25 bietet jungen Menschen damit etwas, das ihnen vielerorts fehlt: einen anonymen, wertschätzenden Ort, an dem sie ernst genommen werden. Dass das Bistum Mainz Teil dieses Netzwerks ist, eröffnet jungen Ehrenamtlichen in der Region die Möglichkeit, selbst tätig zu werden und sich als Peer zu engagieren – genau dann, wenn sie am dringendsten gebraucht werden. Manchmal reicht eine Mail, damit Ratsuchende wieder Licht sehen. 

Bei Interesse am Ehrenamt:
u25@caritas-mainz.de; u25@caritas-worms.de;
u25-ruesselsheim@cv-offenbach.de;
Hilfe bei Suizidgedanken: u25-deutschland.de
Bei akuten Suizidgedanken: Rettungsdienst 112

Wenn sich junge Menschen an die ehrenamtlichen Peers von U25 wenden, ist das anonym und kostenlos. Die ausgebildeten Peers sind zwischen 16 und 25 Jahre alt. Auch sie bleiben durch Nicknamen anonym.

Fragen an Peers: Warum sie Gleichaltrigen helfen

Wieso haben Sie sich entschieden, sich als Peer zu engagieren?

Peer A: Wenn man sich einmal mit Themen wie Suizid und/oder psychischen Erkrankungen beschäftigt, merkt man erst, wie viele, vor allem auch junge Menschen, davon betroffen sind. Ihnen einen Raum zum Sich-Öffnen zu geben, ohne die Themen zu tabuisieren, ist mir besonders wichtig.

Peer B: Ich liebe die Menschlichkeit, mit der ich mich hier umgeben darf. Das kommt leider schnell zu kurz. Auch haben mir und meinen Freunden Plattformen wie U25 früher sehr geholfen. Das, was mir damals alles gegeben wurde, möchte ich gerne zurückgeben und dazu beitragen, dass auch andere die Möglichkeit für ein offenes Ohr bekommen. Ich bin mir sicher: Wenn jeder solch eine Option hat und kennt, wäre die Welt ein besserer Ort.

Peer C: Mich hat das anonyme System von U25 direkt angesprochen, weil es Menschen ermöglicht, in einem sicheren Raum über ihre Gefühle zu sprechen. Das war einer der Momente, in denen ich dachte: Da möchte ich unbedingt mitwirken.

Was erwarten Sie von Ihren ersten Erfahrungen als Peer?

Peer A: Es wird bestimmt nicht immer einfach sein, sich von den Nachrichten zu lösen, und ich denke, dass einen die Erzählungen auch prägen. Doch sie helfen nicht nur anderen, sondern auch einem selbst, sich besser zu verstehen und weiterzuentwickeln.

Peer BIch hoffe, dass ich mich im Lauf dieses Ehrenamts mit viel Menschlichkeit auseinandersetzen darf und versuchen kann, anderen das zu bieten, was mir geboten wurde.

Peer C: Ich hoffe, Menschen durch mentale Krisen begleiten zu können und eine Person zu werden, die ihnen Halt gibt.

Was könnte bei einem Gespräch herausfordernd sein?

Peer A: Wenn plötzlich keine Antwort mehr kommt und man nicht weiß, was mit der Person passiert ist und wie es ihr geht.

Peer B: Bei Konversationen zwischen Peer und Ratsuchenden können, denke ich, viele Herausforderungen auftreten. Am meisten Respekt habe ich vor besonders individuellen und komplexen Problemen. Trotzdem sind diese Unterhaltungen gleichzeitig genau die, die ich liebe, da auch wir Peers in schwierigen Momenten nicht allein gelassen werden und immer im offenen Austausch stehen.

Peer C: Die richtige Balance zwischen Zuhören und Unterstützen zu finden, kann manchmal herausfordernd sein. Oft hat man viele Ideen oder Vorschläge im Kopf, aber es ist wichtig, dem Gegenüber zuerst wirklich Raum zu geben, um Gedanken und Gefühle auszusprechen.

Welche Fähigkeit ist Ihnen für diese Arbeit besonders wichtig?

Peer A: Auf jeden Fall Empathie und Einfühlungsvermögen.

Peer B: Ich denke, dass einem Menschen am Herzen liegen sollten. Vieles andere verbessert sich stetig mit Motivation und Leidenschaft von ganz alleine.

Peer C: Empathie und aktives Zuhören sind für mich die wichtigsten Fähigkeiten in der Arbeit als Peer.

Fragen von Angelina Jenrich