Schmuckband Kreuzgang

Rochuswallfahrten nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1994

1945 - die erste Wallfahrt nach dem Krieg

Die Rochuswallfahrt im Jahr 1945 stand im Zeichen des 50-jährigen Jubiläums der Einweihung der neuen Rochuskapelle. Die Rochuskapelle hatte den Krieg heil überstanden, während die Binger Basilika hart getroffen wurde und beim Luftangriff am 10. Dezember 1944 niederbrannte mit einstürzendem Gewölbe. Am 16.05.1945 stürzte dann noch das letzte Joch des Gewölbes vor dem Hochaltar nieder. Obwohl die Trümmerbeseitigung noch in vollem Gange war, fand wieder eine Prozession statt, bei der der neue Generalvikar Domkapitular Kastell das Allerheiligste trug. Der Abt Sauer vom Jakobsberg hielt das Pontifikalamt. Der Chronist des Rupertusklosters Pater Alexander Paffendorf schreibt dazu: "Den Zeitverhältnissen entsprechend keine äußerlich glänzende Feier. Der lähmende Druck der Notzeit lastete schwer auf allen. Die Kapelle selbst prangte allerdings in schönstem Schmuck. Leuchtende Transparente mit der goldenen 50 kündeten dem Besucher draußen über dem Eingang und im Innern der Kapelle das Jubelfest an Das Wetter war am Eröffnungstag trübe und unfreundlich. Trotzdem war viel Volk auf den Berg gepilgert. Von Bingen kam erstmalig wieder seit Jahren die Prozession herauf, jedoch nicht im Glanz der früheren Jahre."

1946 - Rochuswallfahrt im alten Glanz

Im Jahr 1946 sollte die Rochuswallfahrt wieder zu ihrem alten Glanz zurückfinden. Der Besuch war so gewaltig, dass alt eingesessene Binger Leute behaupteten, niemals eine solche Menschenmenge am Berg gesehen zu haben. Man schätzte etwa 18-20.000 Pilger. Der Mainzer Bischof Dr. Albert Stohr hielt das Pontifikalamt. Eine von Pater A. Paffendorf für das Jubeljahr 1945 komponierte Festmette konnte erst jetzt uraufgeführt werden, gesungen von dem Binger Kirchen- und Knabenchor unter der Leitung des Musikdirektors Friedrich Becker.

1949 - noch führt der Prozessionsweg an einzelnen Trümmer vorbei

Für das Jahr 1949 gibt es eine ausfühliche Beschreibung des Rochusfestes. Schon in der Frühe zur Rochuswallfahrt herrschte reges Leben und Treiben; gilt es doch noch die Häuser mit Blumen, Teppichen, Heiligenfiguren und Bildern zu schmücken. Ähnlich ist das Gewimmel von Menschen in der Zeltstadt auf dem Rochusberg. Das nutzten etliche, um das in der Rochuskapelle aufgestellte Goethebild näher zu betrachten.
Dann naht die endlos lang erscheinende Prozession mit Kreuz und gelben Fahnen. Eine eingespielte Reihenfolge ist gegeben. Sie beginnt mit der Schuljugend, den Jungfrauen mit Fahnen, die männliche Jugend mit Bannern, die Kirchenmusik mit dem Basilikachor, dann eine große Kerze von einem jungen Mann getragen. Es folgen die Rochusje im Pilgergewand und Stab, dann die Rochusbruderschaft mit dem Standbild des heiligen Rochus. Daran anschließend folgt der Baldachin, umgeben von weißgekleideten Mädchen, mit dem Stadtpfarrer Heberer, der das Allerheiligste trägt. Zu sehen ist dann der Bürgermeister Schäfer mit Vertretern der Behörden und dem Kirchenvorstand, dann eine gewaltige Schar von Gläubigen.
Ein Platz in der Nähe des Außenaltars zu ergattern ist für diese nicht einfach, denn viele haben dort schon mit mitgebrachten Stühlchen Platz genommen. Festprediger ist der Universitätsprofessor Dr. Karl Schmitt aus Mainz. Erst danach erscheint unter feierlichem Geleit der Mainzer Bischof Dr. Albert Stohr, der das Pontifikalamt hält, begleitet mit Gregorianischen Choralgesängen des Basilikachors unter der Leitung des Musikdirektors Becker. Die Stimmung bei strahlendem Sonnenschein ist erhaben, so dass danach mit dem Binger Frohsinn das weltliche Rochusfest ausgiebig genossen werden konnte. Es war ein schöner Tag, ein Tag für die Erinnnerung.

Aufstellung an der Basilika zur Rochuswallfahrt 1949 mit den Rochusje und der Rochusbruderschaft (c) Slg Stadtarchiv
Aufstellung an der Basilika zur Rochuswallfahrt 1949 mit den Rochusje und der Rochusbruderschaft

Die Rochuswallfahrt biegt in Richtung Rochusstraße ein; man geht noch geordnet in zweier Reihe rechts und links der Straße

1949-Rochuswallfahrt-Stdtarchiv-Seyler (c) Stadtarchiv-Seyler
1949-Rochuswallfahrt-Stdtarchiv-Seyler

Wallfahrt - einst und heute

Das Rochusfest hat zwar nach wie vor nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Doch einiges hat sich geändert. Anfang des 20. Jahrhunderts und früher war die Rochuswallfahrt noch ein Familientreffen. Tage vorher wurde Zwetschgen bereitgestellt, Bratwurst eingekauft und das Rotkraut musste griffbereit sein. Am Samstag vor dem Rochusfest wurde der Kuchen auf großen Blechen zum Bäcker gebracht. Die Hausfrau war voll beschäftigt, denn Besuch hatte sich angesagt.  Onkel, Tante und sonstige Verwandschaft reisten mit dem Zug oder der Chaise (Kutsche) an.

1827-Anreise zum Rochusfest (c) Historische Gesellschaft

Am Rochustag wallfahrte man zu Fuß mit der Prozession durch das herausgeputzte und beflaggte Bingen zur Rochuskapelle. Heute ist das Vergangenheit. Auch das Hinaufsteigen zu Fuß ist für viele nicht mehr zeitgemäß, man fährt mit dem Auto hinauf, auch wenn die Parkplätze schon überfüllt sind. Doch geblieben ist das Gedränge nach dem Pontifikalamt zu den vielen Zelten und Bratwurstständen. Das Feiern am Rochustag und in der Oktavwoche, das haben die Binger nicht verlernt. "Weck, Worscht und Woi", das ist alte Binger Tradition. Und so wird die Rochuswallfahrt für viele immer mehr zu einem Volksfest, eben das Rochusfest.

Eine Nachbetrachtung von Josef Loos im Jahr 1980.

1950 - Pontifikalamt am Außenaltar mit Bischof Albert Stohr

1950-Pontifikalamt (c) Schünemann

1951 - Prozession auf dem Weg zur Rochuskapelle mit getragener Monstranz von Pfarrer Heberer 

1951-Prozession mit dem Allerheiligsten (c) Slg. Theo Roos

1952 - Rochusprozession in der Kirchgasse

1952-Rochuswallfahrt-2 (c) Slg. Michael Born

1952 - Rochuskapelle mit Kardinal Muench und Bischof Stohr

1952´-Rochuswallfahrt-1 (c) Slg. Michael Born

Das Jahr 1954 - 200 Jahre Rochusbruderschaft

Im Jahr 1954 feierte die Rochusbruderschaft ihr 200-jähriges Bestehen. Obwohl es am Rochusfest stark regnete, war auch diese Rochuswallfahrt gut besucht. Und so ist auch für die folgenden Jahren festzustellen, die Binger Rochuswallfahrt hat von ihrem ehemaligen Reiz bis heute nichts eingebüßt. Sie ist immer noch die größte Rochuswallfahrt in Europa. Und so pilgern während der Rochusoktav, die mit dem ersten Sonntag nach Maria Himmelfahrt in der zweiten Augusthälfte beginnt,  alljährlich an die 15.000 Wallfahrer zur Rochuskapelle, um den hl. Rochus zu ehren und ihn um seine Fürsprache bei Gott zu bitten, aber auch um das Gemeinschaftsgefühl der Prozession und des Gottesdienstes mit zu erleben, das besonders dann einen erhabenen Glanz ausstrahlt, wenn die Rochusfeier am Außenaltar durchgeführt werden kann.

1962 - Rochuswallfahrt mit Bischof Volk

1962_08_19_Bischof Volk (c) Slg. Stadtarchiv Bingen

1964 - Die Prozession formiert an der Basilika für den Abmarsch zur Rochuskapelle.

1964-Aufstellung an der Basilika (c) Slg. Stadtarchiv Bingen

Das Jahr 1968 - Rochuswallfahrten ohne Rochusje

Die Binger St. Rochusbruderschaft wurde nach dem II. Vatikanischen Konzil (1962-1965) Opfer der Liturgiereform. Viele volkstümliche Frömmigkeitsformen verschwanden. Auch die Bruderschaft stellte in den 1970er Jahren mangels Mitglieder ihre Arbeit nahezu ein. Bemerkenswerte Details der 1666 versprochenen Prozession kamen abhanden. Viele Jahre sprach man nur noch, sich erinnernd, von den Rochus`jern der Prozession. Die Muschel als Pilgerzeichen geriet in Vergessenheit und um die Rochusbruderschaft ist es still geworden. Eine aktive Teilnahme der Rochusbruderschaft an den Rochuswallfahrten ist kaum noch zu erkennen.

1973 - Rochuswallfahrt mit Kardinal Hermann Volk

1955 - Wahrscheinlich sind es die Rochusbrüder, die die Rochusstatue tragen.

1955-Träger der Rochusstatue (c) Slg. Stadtarchiv

An dieser Wallfahrt nehmen offenbar kaum noch Rochusbrüder teil. Ob die Rochusstatue noch mitgeführt wurde, ist nicht erkennbar.

1973-Rochuswallfahrt mit Kardinal Volk (c) Slg. Bungert

Es sind die jungen Malteser, die offenbar die Büste des Hl. Rupertus in der Przession mitführten.

1973-Rupertusbüste (c) Slg. Bungert

Das Jahr 1974 mit Kardinal Hermann Volk

Wieder hat sich eine nach Tausend zählende gläubige Pilgerschar auf dem Rochusberg eingefunden, um mit dem Mainzer Bischof und Kardinal Dr. Hermann Volk das Pontifikalamt am Außenaltar zu feiern, assistiert von Stadtpfarrer Frösch und dem Geistlichen Studienrat Müller. Die Liturgie wurde festlich umrahmt mit den Katholischen Kirchenchören Bingen, Büdesheim, Kempten, Bingerbrück und Trechtingshausen unter der Leitung des Studienrats Josef Bredel.

 

Das Jahr 1975

Die Prozession im Jahr 1975 zeigt nur noch drei Rochusbrüder mit der Rochusfahne von 1954.  Die Rochusstatue wird ab jetzt von den noch recht jungen Maltesern getragen. Rochusje nehmen da schon seit 8 Jahren nicht mehr an der Prozession teil. Selten sieht man noch Rochusbrüder bei der Prozession. Nur auf weiteren Fotos der Jahre 1977 und 1981 ist die mitgetragene Rochusfahne noch zu sehen.

1975-Rochuswallfahrt-Karl-Heinz-Bungert (c) Slg. Karl-Heinz Bungert

Das Jahr 1985 - 90 Jahre neue Rochuskapelle

Im Jahr 1985 nahm zum ersten Mal der Mainzer Diözesanbischof Karl Lehmann an der Rochuswallfahrt teil. Die Stadt war fahnengeschmückt, die Rochusstatue wurde wieder auf den Schultern der Malteser mitgeführt. Begleitet von dem Geläut der Glocken und den feierlichen Klängen der Kirchenmusik wurden die altbekannten Wallfahrtslieder gesungen. An der Josefkapelle mit dem herrlichen unverbauten Blick ins Rheintal sprach der Bischof den Wettersegen. Immer neue Wallfahrtsgruppen schlossen sich dem mächtigen  Zug zum Rochusberg an, wo weitere Pilgergruppen die Prozession erwarteten. Dekan Hermann-Josef Herd konnte dort zum festlichen Pontifikalamt die Pilgergruppen aus Mainz, Limburg, Trier, Köln und eine große Gruppe der Schlesier aus Groß-Döbern mit ihren Seelsorgern begrüßen. Die Pilgerschar war so groß, dass Pfarrer Herd an die größte Rochuswallfahrt aller Zeiten mit 8 Bischöfen und 25.000 Pilgern vor 90 Jahren zur Einweihung der Rochuskapelle erinnerte.

Ab dem jahr 1973 oder 1974 wird die Rochusstatue von den Maltesern von der Basilika bis zur Rochuskapelle getragen.

1974-Rochusstatue-getragen von den Maltesern (c) Slg. Stadtarchiv Bingen
1983-Krasenbrink-Duffrer-Herd-Foto-Bungert (c) Slg. Bungert

1983: Präses Pater Krasenbrink, der in Bingen geborene Mainzer Dozent für Pastorallitugie Günter Duffrer und Pfarrer Hermann-Josef Herd

1987-Rochuswallfahrt (c) Bungert

Die Rochuswallfahrten waren auch nach 1980 immer gut besucht.

Das Jahr 1988 - 250 Jahre Rochusstatue

Tausende fanden wieder den Weg zum Rochusberg. Leitwort dieser Wallfahrt war "Wege der Barmherzigkeit". Die wieder mitgeführte rochusstatue wurde genau 250 jahre alt und hochgetragen von de Maltesern, begleitet von Weihbischof Wolfgang Rolly, Monsignore Günther Dufrer und Dekan Hermann-Josef Herd. Und wieder konnte Dekan Herd unter der riesigen Pilgerschar die Pilger aus Schlesien mit den geistlichen Mitbrüdern aus Oppeln begrüßen.

Jahr 1989 - Goethe vor 175 Jahren auf dem Rochusberg

Zu erwähnen bleibt auch, dass ein Jahr später, nachdem Goethe vor 175 Jahren das in der Weltliteratur eingegange Werk seines Besuches der Rochnuswallfahrt im Jahr 1814  beschrieben hatte, 60 Personen der Darmstädter Goethe-Gesellschaft das Binger Rochusfest besuchten, um so auf den Spuren Goethes zu wandeln.

Wiederum zog eine große Menschenmenge zusammen nit dem Speyerer Bischof Anton Schlembach auf den Rochusberg, um dort am Außenaltar das Pontifkalamt zu feiern und der Predigt des Bischofs über das Thema "Verlebendigung des Christums" zu lauschen, so wie Goethe vor 175 Jahren.

Mainzer Weihbischof Wolfgang Rolly (c) Gundlach
Mainzer Weihbischof Wolfgang Rolly
1988-Rochuswallfahrt (c) Gundlach

Rochuswallfahrt 1988 - 250 Jahre Rochusstatue, getragen von den  Maltesern zur Rochuskapelle

Mit diesem Jahr konnte der fünfte Renovierungsabschnitt der Rochuskapelle abgeschlossen werden und gleichzeitig die Endphase der Innenrenovierung für das Jubiläumsjahr 1995 begonnen werden, Dazu wurde die Rochuskapelle nach dem Rochsfest mit einem Innengerüst ausgestattet. Trotzdem blieb die Rocchuskapelle weiterhin für Gottesdienste geöffnet.

Das Jahr 1990

Wieder fand eine stattliche Rochuswallfahrt bei schönstem Wetter statt, an der der Limburger Diözesanbischof Dr. Kamphaus teilnahm. Dekan und Geistlicher Rat Herd zeigte sich beim Anblick der riesigen Pilgerschar hocherfreut. Auch wenn das Pontifikalamt wieder am Außenaltar zelebriert werden konnte, war es für die Teilnehmer doch ein Genuss das völlig neugestaltete Innern der Rochuskapelle bewundern zu können. Für die musikalische Gestaltung sorgten neben den Bläsern der Katholischen Kirchenmusik Bingen, die Musikgesellschaft "Minerva" aus Ferden im Lötschental des schweizerischen Kantons Wallis und ein Blasorchester aus Oberschlesien. Die Festpredigt stand unter dem Motto "Dein Glaube hat dich geheilt".

Rochuswallfahrt 1989 mit dem Speyerer Bischof Anton Schlembach (c) Gundlach
Rochuswallfahrt 1989 mit dem Speyerer Bischof Anton Schlembach
Rochuswallfahrt 1990 mit dem Limburger Diözesanbischof Dr. Kamphaus (c) Gundlach
Rochuswallfahrt 1990 mit dem Limburger Diözesanbischof Dr. Kamphaus
Weihbischof Norbert Werbs (c) Gundlach
Weihbischof Norbert Werbs

Das Jahr 1991 - die 325. Rochuswallfahrt

Ein Jahr später war es der Mainzer Bischof Karl Lehmann, der die 325. Rochuswallfahrt begleitete und und seine Predigt im Pontifikalamt vor vielen Tausend Pilgern unter dem Motto "Alles ist Gnade", die Botschaft der unbezahlbaren Heiligen, stellte. Das Wetter war wieder großartig und die altbekannten Pilgern aus Großdöbern nutzten diese Gelegenheit zu einem Treffen der Oberschlesier und einem frohen Wiedersehen. Zwei Jahre später hielt zum ersten Mal ein Bischof aus den neuen Bundesländern, der Weihbischof Norbert Werbs aus Schwerin, das Pontifikalamt. Pater Ivanhoe Charles Allies aus Südafrika sprach in der Rochus-Oktav zum Thema  "Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen".

Rochuswallfahrt 1991 mit dem Mainzer Bischof Lehmann (c) Gundlach
Rochuswallfahrt 1991 mit dem Mainzer Bischof Lehmann