Auftakt der Rochuswallfahrt am Sonntag, den 20. August, war die Prozession von der Basilikakirche zur Rochuskapelle, wo um 10 Uhr das Pontifikalamt mit dem Mainzer Bischof Karl Lehmann, dem späteren Kardinal, stattfand. Die Rochusoktav stand unter dem Motto "Muschel - Hineinhorchen in das Geheimnis Gottes". Das abschließende Pontifalamt am 27. August wurde mit dem Bischof Josef Shikongo aus Namibia begangen. Ein Höhepunkkt war die Uraufführung des Binger Rochusoratoriums abends am Außenaltar mit bengalischer Beleuchtung. Das Bild zeigt Bischof Lehmann mit dem OB Naujack und Pater Dr. Krasenbrink.
In diesem Jahr wurde auf Initiative von Pater Dr. Krasenbrink die Rochusbruderschaft neu belebt mit Brudermeister Helmut Conrad. Und so wurde der Brauch mit der Teilnahme von Rochusje an der Rochuswallfahrt ebenfalls wieder eingeführt.
Die Wallfahrt beginnt wie seit alters her mit einer feierlichen Prozession, in der die Statue des hl. Rochus von der Basilika St. Martin bis zur Rochuskapelle getragen wird. Sie wird angeführt von Messdienern, der katholischen Musikkapelle und der Rochusbruderschaft in ihrem Ornat; es folgen die Rochusje, Kinder in Pilgertracht mit Pilgerstab und Pilgermuschel, die von vier Männern getragene Rochus-Statue, dann die Geistlichkeit, der Binger Stadtrat mit dem Oberbürgermeister, dem sich dann die zahlreichen Pilger anschließen.
Ein erster Halt erfolgt vor dem Binger Heilig-Geist-Hospital, um für die dortigen Kranken zu beten. Dann schlängelt sich die Prozession den Berg hinauf. Im 19. Jahrhundert passierte die Prozession auf der Höhe des damaligen Schützenhauses (Rochusallee 35) ein Heiligenhäuschen, welches sich in der Weinbergsmauer befand, wo dann bei der jährlichen Rochuswallfahrt der Heilige Segen gegeben wurde.
Kurz hinter dieser Stelle des ehemaligen Heiligenhäuschens biegt dann die Prozession auf einen links und parallel zur Rochusallee verlaufenden Seitenweg ab. Dort stehen zehn Bildstöcke, die im Jahr 1995 anlässlich des Jubiläums des 100-jährigen Bestehens der Rochuskapelle errichtet wurden.
Am Ende dieses Weges steht die Josefskapelle am Beginn des Rochusbergwaldes. Hier erfolgt ein zweiter Halt, um auch den hl. Josef um seine Fürsprache zu bitten. Sie wurde am 19. März 1988 eingeweiht.
Danach setzt die Rochusprozession ihren Weg Richtung Rochskapelle weiter fort. Sie passiert dabei eine rechts im Wald versteckt gelegene Kapelle, ein kleines Marienkapellchen, welches im Volksmund Hisselbild (Hißle-Bild) genannt wird und wo seit 2023 die Prozession vor dem neu freigelegten Marienkapellchen kurz innehält (siehe Hissel-Bild). Ein kleines brennendes Lichtlein leuchtet der Pilgerschar entgegen.
Dasnn empfängt Pilger das helle Läuten der kleinen Glocke am Hildegardishaus der Kreuzschwestern die Pilger, wo wieder mit einem Gebet den Altenheiminsassen Trost gespendet wird. Jetzt weiß man, den beschwerlichen Weg hinter sich gebracht zu haben. Und schon erkennt man die Rochuskapelle in nicht mehr weiter Ferne, die die Pilger mit einem vielstimmigen Glockengeläut begrüßt.
Jetzt ist es Zeit sich einen guten Sitzplatz zu sichern, um der Eucharistiefeier im Rahmen eines Pontifikalamtes, zelebriert von einer großen Anzahl von Geistlichen, beiwohnen zu können. Höhepunkt ist die Predigt, die von einem Gastgeistlichen gehalten wird, meistens vom Bischof von Mainz oder von einem Geistlicher aus einem Bistum, der sich mit der Binger Rochuswallfahrt verbunden fühlt. Im Jahr 1995 war herrliches Sommerwetter, und so zog wieder eine große Schar von Menschen zusammen mit dem Speyerer Bischof Anton Schlembach auf den Rochusberg, um dort am Außenaltar das Pontifkalamt mitzufeiern und der Predigt des Bischofs über das Thema "Verlebendigung des Christentums" zu lauschen, so wie Goethe vor 175 Jahren. Wenn diese Zeremonie –wie fast immer – am Außenaltar in der freien Natur weit oberhalb von Bingen von statten geht, ist dies ein erhabenes Gefühl wie bei einer Bergmesse. Und wenn dann das Te Deum erklingt, schallt dieses weit ins Land und dies ist auch das Zeichen für die Ständebetreiber sich auf den Ansturm der hungrigen Pilger vorzubereiten.