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Interview mit Dr. Bernhard Deister, Leiter des Instituts für Spiritualität:„Nicht alles muss großartig sein, um kostbar zu sein“ – Erntedank mal anders

Erntedank erinnert an Felder, Früchte und volle Erntekörbe. Doch was wächst eigentlich in unserem eigenen Leben? Dr. theol. Bernhard Deister, Leiter des Instituts für Spiritualität in Mainz, spricht über die kleinen und großen „Früchte“ unseres Lebens: über Beziehungen, Erfahrungen, Dankbarkeit und das, was manchmal ganz unerwartet wächst. Und er erklärt, warum Dankbarkeit gerade in schwierigen Zeiten eine Kraft sein kann.
Slider: Interview mit Bernhard Deister zu Erntedank
Datum:
1. Okt. 2026
Von:
Alexander Stein
Dr. Bernhard Deister

Herr Deister, wenn wir an Erntedank denken, denken wir meist an die Ernte auf den Feldern. Was könnten wir auf unser eigenes Leben übertragen „ernten“?

Frei nach dem Evangelium können wir überall dort ernten, wo wir etwas säen. Das kann in Beziehungen sein, die wir pflegen, genauso wie in Erfolgen, die wir durch unser Engagement erzielen. Es kann aber auch in Dingen liegen, die wir gestalten oder manchmal einfach aushalten, weil wir uns dafür entschieden haben.
Dabei kommt es für mich nicht darauf an, dass etwas „großartig“ ist. Entscheidend ist, dass wir darin wachsendes Leben entdecken – in uns selbst, in anderen Menschen oder auch in unserer Gesellschaft.
Eine solche Ernte kann übrigens auch die Rückmeldung auf ein Interview sein, das einen Menschen bewegt hat.

 

Was ist in einem Menschenleben überhaupt etwas, für das es sich zu danken lohnt? Und warum übersehen wir solche Dinge im Alltag so oft?

Ich finde, das Erste ist, dass wir für jedes Menschenleben als solches dankbar sein können. Durch jede und jeden von uns wird die Welt ein bisschen bunter und reicher – selbst durch Menschen, mit denen wir uns im Alltag schwertun und an denen wir uns reiben: bei der Arbeit, in der Familie oder manchmal auch an uns selbst.
Im Alltag sind wir oft gewohnt, problem- und lösungsorientiert zu funktionieren. Wir nehmen eher den Mangel und den Bedarf wahr. Das bringt durchaus Erfolge. Viele von uns sind aber auch so erzogen, dass Dankbarkeit für Schönes und Erreichtes oder einfach für etwas, das uns zugefallen ist, als „eitel“ oder „selbstbezogen“ gilt. Da kann es helfen, zunächst Gott oder anderen Menschen zu danken und dann auch unseren eigenen Anteil daran in den Blick zu nehmen. Denn Gott wirkt nie ohne uns oder an uns vorbei. Deshalb dürfen wir ruhig in einem gesunden Sinn selbstbezogen sein – solange wir die anderen und auch Gott nicht aus dem Blick verlieren.

Gibt es einen Unterschied zwischen „Ich bin dankbar für etwas“ und einer grundsätzlichen Haltung der Dankbarkeit?

Beides kann aus derselben Kraft kommen. Die Haltung der Dankbarkeit geht meiner Meinung nach aber tiefer als das bloße Dankbarsein.
Dankbarsein braucht einen konkreten Grund. Eine Haltung der Dankbarkeit prägt dagegen meinen ganzen Blick auf die Welt und das Leben. Ich suche und sehe dann Anlässe zur Dankbarkeit auch, wenn es gerade nicht gut läuft. Und ich werde achtsam für die Kleinigkeiten, die sonst leicht untergehen oder vermeintlich „nicht ausreichen“, um dankbar zu sein.

Gerade in den sozialen Medien begegnet uns viel Selbstoptimierung: Man soll dankbar sein, das Beste aus sich machen und sein Leben möglichst positiv gestalten. Wo liegen die Grenzen einer solchen Dankbarkeit?

Für mich liegt die Grenze darin, dass diese Form von Dankbarkeit Leistung voraussetzt. Die Dankbarkeit ist dann quasi verdient. Das eigentliche Geheimnis einer Haltung der Dankbarkeit ist für mich aber, dass sie jenseits von Leistung und Erfolg Kostbares entdeckt. Sie wertschätzt auch die Kleinigkeiten, die weit von optimal entfernt sind, und feiert darin das Leben.
Für Social Media muss der Sonnenuntergang absolut strahlend und atemberaubend sein – sonst ist der Post eher peinlich. Für Dankbarkeit reicht vielleicht schon ein kleines Wolkenloch, durch das ein Fetzen rosa Himmel zu sehen ist und uns daran erinnert: Nicht alles ist grau.

Kann man auch dankbar sein, wenn im eigenen Leben gerade vieles schwierig ist? Oder besteht die Gefahr, dass Dankbarkeit dazu auffordert, das Negative auszublenden?

Echte Dankbarkeit hat es nicht nötig, Negatives auszublenden. Sie sieht das Lebendige und Kostbare auch im Schweren. Ich durfte 22 Jahre als Krankenhausseelsorger immer wieder Menschen erleben, die mitten in einer schweren Erkrankung – mit aller Unsicherheit, Schmerzen und teilweise dem absehbaren Tod – dankbar waren für ein Lächeln, einen Schluck Tee oder einfach dafür, dass Menschen da waren, die sie versorgt haben. Da war wenig Schönes, und das Negative und Belastende ließ sich nicht ausblenden. Aber zugleich wurden auch die berührenden und gut gemeinten Momente gesehen und zugelassen. Der Gegensatz dazu ist für mich der Satz: „Ich kann nicht klagen.“ Darin klingt es so, als wäre das Gute eine Zumutung und das Klagen das eigentliche Ziel.

Wenn wir zurückblicken: Welche Rolle spielen dabei andere Menschen? Was „ernten“ wir vielleicht aus Beziehungen, Freundschaften oder Begegnungen?

Für mich selbst sind Menschen und die Verbindung mit ihnen – ob sie noch leben oder schon verstorben sind – der kostbarste und schönste Grund zur Dankbarkeit und zum Erntedank.

Jede Beziehung muss wachsen, muss auch Schweres und Dunkles durchstehen und braucht Pflege. Gerade gereifte Beziehungen – in der Familie, im Freundeskreis oder bei der Arbeit – schenken mir viel Kraft und eine ganz eigene Freude, auch wenn manchmal schwere Themen und Belastungen zu tragen sind.
Das ist vielleicht keine Ernte, die sich wie Kürbisse und Brote stolz vor den Altar legen lässt. Aber es ist eine Ernte, die meiner Seele Kraft schenkt, gerade wenn sich das Leben dürr und anstrengend anfühlt.
Neben dieser Kraft sind für mich Geborgenheit und Freude wichtige Früchte gewachsener Beziehungen – und wenn es nur ein kurzes Trotzdemlachen ist.

Was verändert sich, wenn wir unser Leben nicht nur als Ergebnis unserer eigenen Leistung betrachten? Und kann Dankbarkeit dabei helfen, mit Veränderungen und Übergängen umzugehen?

Dankbarkeit ist einer der ganz zentralen Resilienzfaktoren, die uns helfen, Krisen, Übergänge und Veränderungen zu bewältigen. Denn in der Dankbarkeit bleibt die Kraft von etwas Erreichtem erhalten, auch wenn ein Erfolg oder ein Projekt beendet wird – oder zum Beispiel in unseren Kirchengemeinden ein konkretes Gebäude aufgegeben werden muss.
Das gilt auch, wenn ein Mensch stirbt, mit dem uns kostbare gemeinsame Erfahrungen und eine gewachsene Beziehung verbinden. In aller Trauer kann uns Dankbarkeit helfen, die inneren Früchte dieser Beziehung zu bewahren. Neben allem Schmerzlichen können wir immer wieder dankbar sein und eine ganz eigene innere Präsenz dieses Menschen spüren.

Gibt es aus Ihrer Erfahrung Momente, in denen Menschen plötzlich entdecken: „Da ist in meinem Leben viel mehr gewachsen, als ich selbst wahrgenommen habe“?

Auf jeden Fall. Ein Kollege hat mir von seiner Verabschiedung aus seinem Arbeitsfeld erzählt. Menschen haben ihm dabei berichtet, welche Spuren er in ihrem Leben hinterlassen hatte – ohne dass er selbst das so geahnt hatte. Da war viel mehr gewachsen, als er bewusst gesät hatte.

Und zum Schluss: Was könnte Erntedank in diesem Jahr ganz persönlich bedeuten – jenseits von Erntekorb und gedecktem Tisch? Wo steckt darin für Sie die „frohe Botschaft“?

Gerade angesichts der vielen kirchlichen, gesellschaftlichen und globalen Krisen könnte Erntedank für mich in diesem Jahr bedeuten, mit einer gewissen inneren Trotzkraft bewusst wahrzunehmen, was trotzdem möglich war und gelungen ist und wo ich Freude erleben oder schöne Momente mit anderen Menschen teilen durfte. Nicht, um so zu tun, als wäre all das andere nicht bedrohlich und belastend. Sondern um zu stärken, dass es in allem Schweren eben auch kostbare Momente gibt – und dass zur Wahrheit des Lebens beides gehört.

Ich bin überzeugt, dass uns das auch hilft, mit mehr Kraft und innerer Zuversicht auf Krisen zu schauen. Es hilft uns, nicht von ihnen gelähmt zu werden, sondern wahrnehmungs-, entscheidungs- und handlungsfähig zu bleiben – im Rahmen unserer Kräfte und Möglichkeiten: trotz allem.