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Interview mit Ralf Scholl, Telefonseelsorge Darmstadt:„Wir sind da“ – wenn Zuhören in der Krise zum Halt wird

Was tun, wenn ein Problem sich nicht einfach lösen lässt? Ralf Scholl, Leiter der Telefonseelsorge Darmstadt, erlebt täglich, dass Menschen in existenziellen Krisen oft vor allem eines brauchen: jemanden, der zuhört, ihre Not aushält und ihnen das Gefühl gibt, nicht allein zu sein. Im Interview erzählt er, warum echtes Zuhören Würde schenken kann, weshalb die Nacht für manche Menschen besonders schwer ist – und was die Telefonseelsorge mit der Zusage Gottes „Ich bin da“ verbindet.
Slider Telefonseelsorge
Datum:
13. Okt. 2026
Von:
Alexander Stein
Ralf Scholl, Geschäftsführer Telefonseelsorge Darmstadt

Herr Scholl, wenn Menschen bei der Telefonseelsorge anrufen, sind sie häufig in einer Krise. Was brauchen sie in diesem Moment am dringendsten?

Menschen in einer existenziellen Krise brauchen vor allem einen Menschen, der zuhört. Einen Menschen, der auf Augenhöhe wahrnimmt, das Leid würdigt und gemeinsam mit dem Anrufenden nach Wegen sucht – oder auch unlösbare Situationen mit aushält. Ohnmacht auszuhalten, ohne Vertröstung, ohne schnelle Antwort oder gar einen Rat, kann bereits sehr wertvoll sein. Der Mensch braucht menschliche Zuwendung, das Gefühl, gesehen und gehört zu werden – sei es am Telefon oder im Chat.

Viele Probleme, von denen Menschen erzählen, lassen sich am Telefon nicht lösen. Was kann Seelsorge trotzdem bewirken?

Seelsorge kann würdigen, wie leidvoll und schwer eine Situation ist. Das Gefühl der Ohnmacht mit auszuhalten, ist oft schon eine Hilfe. Zugleich kann sie sichtbar machen, wie viel Kraft und Energie ein Mensch aufbringt, um in dieser Situation zu bestehen. Und bei all dem kann sie das Gefühl vermitteln: Du bist nicht allein.
Seelsorge kann einen neuen Rahmen setzen, in dem die Würde des Menschen, der anruft, in den Blick kommt.

Was bedeutet es eigentlich, einem Menschen wirklich zuzuhören – gerade dann, wenn man keine Lösung anbieten kann?

Wirklich zuzuhören bedeutet, sich ganz auf einen anderen Menschen einzulassen: auf seine Lebenswirklichkeit, auf seine Lebenslandkarte. Und dies authentisch, empathisch und auf Augenhöhe, ohne dabei die eigenen Grenzen aus dem Blick zu verlieren. Damit gebe ich dem oder der anderen Ansehen und Würde.

Gibt es Momente, in denen Sie merken: Allein dadurch, dass jemand da ist und zuhört, verändert sich schon etwas?

Allein dadurch, dass jemand da ist, dem ich von meinem Anliegen oder meinem Problem erzähle, geschieht oft schon ein erstes Sortieren, Einordnen und Strukturieren. Mit dem Gefühl, da hört mir jemand wirklich zu, jemand interessiert sich für mich, können sich neue Räume und Ideen öffnen oder reifen.
Ein Satz wie „Gut, dass ich Ihnen das erzählen konnte. Jetzt sehe ich schon etwas klarer“ macht dies deutlich.

Menschen in Krisen erleben häufig Einsamkeit oder das Gefühl, mit ihren Sorgen nicht verstanden zu werden. Welche Rolle spielt es, dass am anderen Ende der Leitung jemand da ist, der diese Situation mit aushält?

Einsamkeit ist einer der häufigsten Gründe, warum Menschen bei der Telefonseelsorge anrufen. Einsam, weil eine psychische Erkrankung vorliegt. Einsam, weil das Alter einen isoliert hat. Einsam, weil ich nicht mehr weiß, wie „Kontaktmachen“ geht.
Bei all diesen unterschiedlichen Formen von Einsamkeit ist echter Kontakt schon ein Stück weit schmerzlindernd. Menschen rufen auch an, weil KI kein Ersatz für echte Menschlichkeit bietet. Sie wollen eine menschliche Stimme hören, keinen Computer. Sie wollen mit einem Menschen eine manchmal unmenschliche Situation aushalten.

Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar und bleibt anonym. Was macht diese niedrigschwellige Form der Seelsorge besonders?

24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche – auch an Sonn- und Feiertagen – ist die Telefonseelsorge eine verlässliche „Adresse“, wenn andere nicht mehr erreichbar sind: wenn die Therapeutinnen und Therapeuten Feierabend haben, wenn Freunde ihre Ruhe wollen, wenn es Nacht ist und niemand mehr ansprechbar ist. Dann ist die Telefonseelsorge da.
Mit dem Versprechen der Anonymität sind auch Gespräche über Themen möglich, die schambesetzt sind, die nicht leicht auszusprechen sind oder bei denen Menschen einen hohen Schutzbedarf haben. Gerade die Nacht ist durchlässiger für so manche „Dämonen“, für schwierige Themen, für Schutzbedürftigkeit und für Gedanken wie: Was für einen Sinn macht mein Leben noch? Dann ist es wichtig, noch einmal jemanden anrufen zu können.

Was hilft Ihnen selbst dabei, Gespräche auszuhalten, auf die es vielleicht keine einfache oder schnelle Antwort gibt?

Um schwierige Gespräche halten und aushalten zu können, ist es wichtig, eine eigene innere Haltung zu entwickeln. Viele Ehrenamtliche entwickeln eine tiefe Form der Demut angesichts dessen, was ihnen am Telefon begegnet.
Es entsteht eine Haltung der Dankbarkeit angesichts des Wissens, dass wir das Eigentliche in unserem Leben nicht machen können, sondern dass es geschieht. Mir persönlich hilft es, die letzte Verantwortung an Gott abgeben zu können. Wenn ich meins getan habe, dann kann ich auch gut an einen über mir abgeben.

Und wo würden Sie darin die „frohe Botschaft“ entdecken? Was kann ein Mensch aus einem solchen Gespräch mitnehmen, auch wenn sich sein Problem danach nicht gelöst hat?

„Wir sind da“ – als Wächter, als Angebot an die Menschen. Und allein das ist schon Hilfe. Menschen wissen: Da ist noch jemand, ich bin nicht allein. Damit greift die Telefonseelsorge eine Zusage Gottes an die Menschen auf, wenn er Mose am Dornbusch seinen Namen nennt: „Ich bin der, der ‚Ich bin da‘.“

 

Herr Scholl, vielen Dank fürs Interview und alles Gute Ihnen!