Kirche St. Nikolaus, Wickstadt

Herzlich willkommen in unserer Kirche, nehmen Sie sich etwas Zeit, um mit Hilfe dieses Führers die Geschichte und die Besonderheiten der Kirche als historisches Baudenkmal zu erkennen. Zur Betrachtung des Raumes soll aber auch das Erleben kommen. Erst wenn der Kirchenraum in der Liturgie, in der Musik, in der Besinnung und im Gebet seine Funktion erfüllt, beginnen auch die Steine wirklich zu reden.

Die Kirche in Wickstadt

Das nordöstlich der Stadt Assenheim, direkt an der Nidda gelegene Hofgut Wickstadt (auch Wikinstad) stammt ursprünglich aus dem Münzenberger Lehen. Es wird im Jahre 1231 dem in 1174 gegründeten Kloster Arnsburg überlassen.1) Heinrich von Wickstadt, Goldsteyn genannt, und seine Ehefrau Kunigunde schenken in diesem Jahr der Abtei Arnsburg ihre Güter in Wickstadt und Sternbach. Es Folgen bald darauf weitere Erwerbungen. Das Kloster Arnsburg hat Wickstadt von Anfang an als Klostergut betrieben. Nach und nach siedelten sich um das Hofgut wohl dessen Bedienstete an, so dass ein kleines Dorf entstand. Dieses wird 1268 urkundlich erwähnt. Wir hören von mehreren Rechts- und Grenzstreitigkeiten mit Assenheim so am 9. Mai 1598.2)

Nach Auflösung des Klosters und dem Reichsdeputationshauptschluss 1803, kam Wickstadt an die Grafen zu Solms der Linie Rödelheim- Assenheim. Diese betrieben das Hofgut, seit Mitte des 19. Jahrhunderts, die Domäne. 1956 verliert Wickstadt den Status Domäne und wird Assenheim angegliedert. Durch die besondere Situation, zuerst als Klostergut, danach als Hofgut und Domäne, konnte sich eine eigenständige Gemeinde nur schwach entwickeln. Es blieb bei einer Ansammlung von wenigen Höfen, Gesindehäusern, einem wehrhaften Speicherturm in Fachwerk, einem Forsthaus, einer Kirche mit Pfarrhaus und einer wieder untergegangenen Mühle an der Nidda.3)

Die Pfarrkirche in Wickstadt ging wohl als Filiale aus der Kirche in Sternbach hervor, jener Gründung iro-schoitischer Mönche von der wir bereits urkundlich aus dem Jahr 778 hören. Am 21. Juni 778 nämlich übertrug der Abt Beatus 8 seiner Eigenkirchen an das Kloster Honau bei Straßburg, darunter die Kirche in Sternbach (Sterrenbach).
Die heutige Kirche in Wickstadt wurde ab dem Jahr 1707 gebaut, aber erst 1714 geweiht. Erbaut wurde sie im Wesentlichen unter Abt Robert II. aus Hilders in Franken (… Robertus abbas XL VIII. Monasterii Arnsburg. Patria Hilterensis ex Franconia). Er hatte bis zu seiner Wahl zum Abt 1701 als geistlicher Leiter das Klostergut in Wickstadt betreut, sodass davon ausgegangen werden kann, dass die heutige Kirche schon eine Vorgängerin hatte. Er war bei der Verwaltung von Wickstadt sehr erfolgreich. So wird uns berichtet, dass die Wahl einstimmig ausfiel. 
 
Abt Robert starb aber bereits am 1. Februar 1708.4) Ihm folgte Conradus Eiff. Er ließ wohl den noch nicht vollendeten Kirchenbau in Wickstadt ruhen, war auch lange Zeit sehr krank und starb am 19. März 1714.
Am 22. März 1714 folgte Antonius Antoni im Amt als 50. Abt. Er war ein zielstrebiger Bauherr. Unter seiner Amtszeit sind die meisten heute noch erhaltenen Bauten Arnsburgs entstanden, so wird in seiner Zeit die Kirche vollendet und geweiht.
Die Kirche ist ein einfacher. barocker Saalbau mit etwas abgesetztem Chor, der dreiseitig schließt. Sie ist nach alten Traditionen genau West-Ost ausgerichtet: das Westportal mit der für Arnsburger Bauten dieser Zeit so typischem gesprengtem Segmentgiebel5) als Sturz und der Jahreszahl 1707. Über dem befindet Portal eine knochenartige Wandnische für den Namenspatron St. Nikolaus. Die Fenster sind rundbogig, ohne betonte Gewände, eigentlich untypisch für die Arnsburger Bauten dieser Zeit.
Das relativ steile Dach, mit kleinen Gauben ist auf der Westseite, an der Eingangsseite. mit Krüppelwalm versehen. Aus dem First erhebt sich im Westen, direkt hinter dem Krüppelwalm, ein markanter, sechsseitiger Dachreiter, mit geschweifter Haube geht er über in eine welsche Haube, Doppelknauf und Turmkreuz schließen ihn ab.
Im Inneren sehen wir vor dem Chor einen Triumphbogen, 2 Seitenaltäre und einen Hauptaltar aus der 1. Hälfte des 18 Jahrhunderts. Die reizvolle Rokoko-Orgel auf der Westempore ist von 1759, sie trägt das Wappen des Abtes Peter Schmitt (1746-72).

Das Kirchenschiff hat eine flache Decke die an den beiden Sehen eine kräftigen Hohlkehle aufweist, und in der Mitte ein stuckiertes Feld. Der Chor hat ein tiefgezogenes Gewölbe mit hohen Schildbögen, die Gewölbegrate sind ohne Rippen.
Zu den wertvollen Ausstattungsstücken gehört eine kleine, gotische, gekrönte Madonna mit Kind und Zepter, über einer Mondsichel vom Anfang des 15. Jahrhunderts.6) Sie vereint mehrere Attribute der Gottesmutter in sich: im Wesentlichen die Himmelskönigin, jener in der Gotik des Abendlandes häufigen Darstellung.7) Weitere Ausstattungsstücke sind ein Vortragekreuz aus Holz, 1. Hälfte 18. Jahrhunderts und verschiedene Gemälde auf Holz um 1600.
Eine silber-vergoldete Monstranz von 1677, aus Augsburg von Paul Sollanier, ein silber-vergoldeter Kelch, ebenfalls eine Augsburger Arbeit, wohl von Joh. Friedr. Bräuer und zwei Messgewänder vergleichbar mit dem Seligenstädter Ornat in Mainz8) von 1745 bzw. Mitte 18. Jahrhunderts. Vor der Kirche sieht man 2 Fußfall-Stationen, bez. 1725 und Grabsteine des 18. Jahrhunderts. Der ummauerte Kirchhof hat ein altes, rundbogiges, überdecktes Portal.


1) Gärtner, Otto, Kloster Arnsburg in der Wetterau, Königsstein, o.J., Zschietzschinann, Willy, Hrg. 800 Jahre Kloster Arnsburg, Lich, 1974.
2) Lummitsch, Rudolf, Geschichte der Stadt Assenheim ‚Seite 204 ff und Seite 220 ff Niddatal, 1977.
3) Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Wetterau II, Seite 838 ff. Wiesbaden, 1999.
4) Zschietzschrnann, a. a. 0.S. 64
5) Westliches Portal am Abtei Gebäude in Arnsburg.
6) Gärtner, a. a. 0. Seite 79 Abbildung; Dehio, G. Hb. Der Deutschen Kunstdenkmäler, Hessen, Seite 915, München, 1982; Belser Stilgeschichte.
7) Pantanassa = Königin des Himmels, nach sogenannter goldener Legende, von Frankreich, Ill de France ausgehend, sich in ganz Europa verbreitete.
8) Dommuseum.

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