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Predigt bei der Wort-Gottes-Feier am 25. September von Beate Hirt:„Schöpfung genießen und bewahren“

Die Schöpfungszeit, die wir jetzt im September feiern: Die ruft nicht nur dazu auf, die Schöpfung zu bewahren, etwas zu tun für unsere Erde und fürs Klima, das natürlich auch. Aber vor allem Bewahren und Schützen steht noch etwas anderes: das Schöpfung schätzen, bestaunen, genießen. Liturgisch auch: das Loben und Danken!
gaia
Datum:
29. Sept. 2026
Von:
Beate Hirt

Liebe Mitfeiernde hier bei der Liturgie im Karmel,

vielleicht war die ein oder andere von Ihnen und euch auch schon dort: bei der GAIA-Kunstinstallation in der Christuskirche. Seit 13. September hängt dort eine Erdkugel mit 7 Meter Durchmesser unter der Kirchenkuppel. Letzten Dienstag war ich in der Mittagsmeditation dort. Zu Orgelmusik hab ich eine ganze Weile lang auf die sich drehende riesige Erdkugel geschaut, erst von unten, dann von oben auf der Empore. Und es hat mich wirklich beeindruckt und berührt. Wie wunderbar ist diese GAIA, diese Mutter Erde, auf der wir alle leben, alle Menschen, alle Tiere, Pflanzen, Lebewesen! Wie erstaunlich klein ist Europa, wie groß Afrika, wie riesig der blau leuchtende Pazifik! Welch großartigen gemeinsamen Lebensraum hat uns Gott da geschenkt.

Die Schöpfungszeit, die wir jetzt im September feiern: Die ruft nicht nur dazu auf, die Schöpfung zu bewahren, etwas zu tun für unsere Erde und fürs Klima, das natürlich auch. Aber vor allem Bewahren und Schützen steht noch etwas anderes: das Schöpfung schätzen, bestaunen, genießen. Liturgisch auch: das Loben und Danken! Oft tun wir das im Gottesdienst im Gesang, eben zum Beispiel im Psalm 8 oder vorhin im Eröffnungslied: „So weiß ich, von Bewundrung voll, nicht, wie ich dich erheben soll“. Ich finde, der September ist eine ganz besonders gute Zeit dafür, die Schöpfung zu loben und zu genießen. Die Früchte der Erde werden in diesen Wochen geerntet. Auf dem Mainzer Markt, gerade wieder heute morgen, gibt’s herrlich viel regionales Gemüse und Obst, bunt und vielfältig und lecker. Und nicht zu vergessen: den ersten Wein und Traubensaft.

Wir können nicht schützen, was wir nicht auch schätzen und was uns am Herzen liegt. Für mich ist das auch ein Kerngedanke der Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus von 2015. Ich kann nicht zur Schöpfung predigen, ohne diese Enzyklika zu erwähnen, sie ist wirklich ein unglaublich starker Text – wer ihn noch nicht kennen sollte: unbedingte Leseempfehlung! Es ist wohl die erste Enzyklika, die konkrete Tipps enthält zu Müllvermeidung, Fahrgemeinschaften, Konsumverzicht. Aber sie startet eben nicht mit den Handlungsempfehlungen, sondern: mit dem Lob! „Laudato si“ ist ja auch der Titel: nach dem berühmten Lobgesang des heiligen Franz von Assisi, dieses Jahr begehen wir seinen 800. Todestag und Papst Franziskus hat sich nach ihm benannt. Der Papst zitiert den Lobgesang des heiligen Franz gleich im ersten Absatz seiner Enzyklika: „Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, Mutter Erde, die uns erhält und lenkt und vielfältige Früchte hervorbringt und bunte Blumen und Kräuter!“ (LS 1)

Schwester, Mutter! nennt Franziskus unsere Erde. Enge Verbundenheit drückt das aus – ähnlich wie ja auch das Wort „GAIA“, das in der griechischen Mythologie eine Art göttliche „Urmutter“ bezeichnet. Wir Menschen sind eng verbunden mit dieser

Erde – und untereinander. Es ist „unser gemeinsames Haus“, wie es im Untertitel der Enzyklika heißt. Griechisch heißt es „Oikos“, das Wort steckt auch in „Ökologie“. Papst Franziskus wollte sich mit seiner Enzyklika ausdrücklich, „an jeden Menschen wenden, der auf diesem Planeten wohnt“ (LS 3). Und für ihn sind wir Menschen nicht nur Gegenüber dieser Erde, wir sind Teil von ihr: „Wir vergessen“, schreibt er, „dass wir selber Erde sind (vgl. Gen 2,7). Unser eigener Körper ist aus den Elementen des Planeten gebildet; seine Luft ist es, die uns den Atem gibt, und sein Wasser belebt und erquickt uns.“ (LS 2) An anderer Stelle schreibt Papst Franziskus: „Gott hat uns mit allen seinen Geschöpfen verbunden“ (LD 66)

„Alles ist miteinander verbunden“, das ist auch einer der häufigsten Sätze in „Laudato si“. „Verbunden“, in dem Wort steckt auch das Wort „Bund“. Gott hat mit uns einen Bund geschlossen, mit allen, die auf der Erde wohnen. Davon erzählt die Bibelstelle, die wir für den Gottesdienst heute ausgesucht haben. Es ist die Geschichte von Noah und dem Bundesschluss nach der Sintflut, mit dem Bundeszeichen des Regenbogens. Eigentlich eine ziemlich bekannte Geschichte. Aber vielleicht haben Sie das auch schon mal erlebt: Manchmal entdecke ich in einer Geschichte, die ich schon seit Kindertagen kenne, etwas Neues. So ging mir das auch mit Noah und seinem Bund mit Gott. Wir hören jetzt diese Geschichte. Und danach möcht ich noch weiter davon erzählen, was für mich in dieser Erzählung aus der Genesis steckt – und was aus ihr folgen könnte.


Lesung (Gen 8,13–19; 9,1.9–17)


Gott schließt seinen Bund mit den Menschen. So wird diese Geschichte immer mal wieder zusammengefasst. Aber das stimmt gar nicht. Gott schließt seinen Bund nicht nur mit uns Menschen. Sondern: mit allen Lebewesen auf dieser Erde. Gleich mehrmals wird das gesagt. Da heißt es: „Siehe, ich richte meinen Bund auf mit euch und mit euren Nachkommen nach euch und mit allen Lebewesen bei euch, mit den Vögeln, dem Vieh und allen Wildtieren der Erde bei euch“. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass ich das lange Zeit überhört habe, Sie vielleicht auch. Es hat etwas damit zu tun, dass wir auch Genesis 1, die Schöpfungsgeschichte, lange Zeit so erklärt bekommen haben: Gott schafft die Welt – und als krönenden Abschluss: den Menschen. Die Krone, den Herrscher. „Macht euch die Erde untertan“. Was hat diese Vorstellung nicht alles an Unheil und Schaden auf dieser Welt angerichtet. Und wie stark ist sie noch immer in den Köpfen.


Ich kann mir eine kleine Nebenbemerkung nicht verkneifen: Noch immer darf man in der Osternacht als erste Lesung eine Kurzfassung dieser Schöpfungsgeschichte aus Genesis 1 vortragen. Ich hab das dieses Jahr zum ersten Mal so erlebt. Sie beginnt mit „Am Anfang erschuf Gott Himmel und Erde“. Und dann geht es weiter mit „Dann sprach Gott: lasst uns den Menschen machen.“ Die ganzen sechseinhalb Tage dazwischen, die Erschaffung der ganzen Lebewesen, die im Übrigen auch gesegnet werden: kann man weglassen. Das finde ich schon sehr merkwürdig. Anthropozentrisch und im Grunde gefährlich. Denn wer nur den Menschen sieht, wer nicht die Verbundenheit und den Bund sieht, der riskiert, dass der Mensch diese Erde ausnutzt und ausbeutet. Papst Franziskus hat es so formuliert: „Machen wir also Schluss mit der Vorstellung eines autonomen, allmächtigen, unbegrenzten Menschen und überdenken wir uns selbst, um uns auf eine demütigere und umfassendere Weise zu verstehen“ (LD Nr. 68).

Der Mensch als Teil der Schöpfung, mit allem verbunden. Und betraut mit der Aufgabe, die Erde zu bewahren. Das steckt ja schon in Genesis 1, wenn man es vollständig liest. Der Auftrag Gottes ließe sich auch so übersetzen: Behütet und beschützt diese Erde! Ihr seid meine Statthalter, meine Vertreter auf diesem Erdenrund. Oder, wie es in der Vertonung von Psalm 8 vorhin hieß: „Du gibst ihm in Obhut das Werk deiner Hände!“ Genauso lässt sich auch Genesis 8 und die Noah-Geschichte verstehen: Der Mensch ist zu allererst Geschöpf unter Geschöpfen. Mit allen verbündet und verbunden.

Was kann das jetzt bedeuten für mein Leben? Wie verhalte ich mich, wenn ich mich verbunden fühle mit der GAIA, der Mutter Erde, und allen Lebewesen auf ihr? Für mich folgt daraus zum Beispiel: Ich kaufe auf dem Mainzer Markt möglichst Obst und Gemüse, das regional und saisonal gewachsen ist. Jetzt gibt es noch Tomaten – bald schon legen sie eine Pause ein in meinem Kühlschrank. Das ist für mich ok, auch, weil ich sie dann nächstes Jahr im Sommer wieder besonders genießen kann. Ich esse kein Fleisch, aus Tierschutz- und vor allem aus Klima-Gründen. Und ich versuche, möglichst wenig Lebensmittel wegzuwerfen. In der päpstlichen Enzyklika finde ich den Ratschlag: „nur so viel zu kochen, wie man vernünftigerweise essen kann.“ (LS 211) Morgen, am Samstag, ist übrigens der „Tag der Lebensmittelrettung“. Da kann man am Mainzer Leichhof gerettetes Brot und Obst mitnehmen.

Es gibt so viele Möglichkeiten, sich einzusetzen für Mutter Erde und all ihre Lebewesen. Jede und jeder von Ihnen und euch hat ganz sicher eigene Ideen und Initiativen. Es können nicht alle alles machen. Aber es gibt so viele kleine Schritte, die zusammen Großes bewirken können. Meistens tun sie uns sogar selber gut. Und sie sind ganz im Sinne dieses Bundes, den Gott vor langer Zeit geschlossen hat, mit uns und mit allen Lebewesen auf dieser Erde.