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Die Trauerbank von Gießen: Ein Ort, an dem Trauer Platz hat

Auf dem Neuen Friedhof in Gießen steht sie zwischen Mai und September, an jedem zweiten und vierten Samstag im Monat, von 10.30 bis 12.30 Uhr: eine ganz gewöhnliche Bank – kenntlich gemacht durch eine leuchtend rote Decke. Wer sich dazusetzt, findet dort Ehrenamtliche des Ambulanten Hospizdienstes (AHD), die einfach zuhören. Keine Anmeldung, keine Daten, kein Druck. Im Gespräch erzählt Michaela Augustin-Bill, wie aus einer Zeitschriften-Lektüre während der Corona-Zeit ein Angebot wurde, das mittlerweile weit über Gießen hinaus Nachahmer findet.
Trauerbank
Datum:
15. Sept. 2026
Von:
Matthias Makowski im Interview mit Michaela Augustin-Bill

Frau Augustin-Bill, wie ist die Idee zur Trauerbank entstanden, und seit wann gibt es dieses Angebot in Gießen?

Meine damalige Kollegin Birgit Kurz und ich haben in der Corona-Zeit in einer Fachzeitschrift einen Artikel über das Angebot „Trauerbank" gelesen und waren sofort begeistert. Aus unserem regionalen Netzwerk wussten wir, dass der AHD der Malteser in Marburg das Projekt bereits umgesetzt hatte. Im Februar 2023 haben wir dann einen Workshop-Tag mit unseren Ehrenamtlichen aus der Sterbebegleitung veranstaltet, um herauszufinden, ob sie offen für Angebote in der Trauerbegleitung sind. Am Ende des Tages stand fest: Wir wollen es versuchen – mit der Trauerbank auf dem Neuen Friedhof in Gießen, an jedem zweiten und vierten Samstag im Monat, 10.30 bis 12.30 Uhr, von Mai bis September.

Organisatorisch mussten wir als Koordinatorinnen einiges vorbereiten: Kontakt zur Friedhofsverwaltung und zum Gartenamt aufnehmen und deren Okay einholen, eine Trolley-Box anschaffen und mit Utensilien bestücken – Decke, Becher, Taschentücher, ein „Tagebuch", Stifte, Schere, Hinweisschilder und Flyer zu Trauerbegleitungsangeboten in Stadt und Landkreis Gießen. Dazu kam, die Dienstplanwünsche der Ehrenamtlichen zu sammeln und einen Dienstplan mit jeweils zwei Ehrenamtlichen pro Einsatz zu erstellen.

Die Idee lehnt sich an Bänke an, wie es sie früher in den Dörfern gab: Orte, die Menschen einladen, miteinander ins Gespräch zu kommen. Es geht um soziale Interaktion, darum, Einsamkeit entgegenzuwirken – eine einfache Möglichkeit zur Begegnung, zum Miteinander, zum Austausch.

An wen richtet sich die Trauerbank konkret – ausschließlich an Trauernde nach einem Todesfall oder auch an Menschen in anderen Abschieds- und Verlustsituationen?

Die Trauerbank richtet sich ausschließlich an Trauernde nach dem Verlust eines für sie wichtigen Menschen. Allerdings berichten Besucherinnen und Besucher auch vom Verlust eines Haustiers und ihrer Trauer darüber. Es ist ein niedrigschwelliges Angebot – wir erheben keine Daten.

Welche Erfahrungen haben Sie und die Ehrenamtlichen bisher gemacht: Welche Themen oder Gefühle begegnen Ihnen besonders häufig?

Trauernde fühlen sich oft von ihrem Umfeld nicht verstanden, gerade wenn der Verlust schon eine Weile zurückliegt. Sätze wie „Wird schon wieder", „Kopf hoch", „XY musste ja nicht leiden, sei froh darüber" oder „Unternimm mal wieder etwas, lass dich nicht so hängen" hören sie oft. Dazu kommt: Trauernde fühlen sich einsam – und sie sind es tatsächlich häufig auch, angesichts von immer mehr Single-Haushalten, wenigen sozialen Kontakten und des demografischen Wandels.

Wie werden die Ehrenamtlichen auf diese Gespräche vorbereitet und begleitet? Gibt es spezielle Schulungen oder Supervision?

Seit 2024 haben wir unseren Qualifizierungskurs für ehrenamtliche Sterbebegleitung um ein Wochenende erweitert, an dem wir das Thema Trauer vertiefen. Der Kurs umfasst jetzt fünf Wochenenden und zehn Abende, wobei sich das vierte Wochenende der eigenen Trauer und der Trauer in der Sterbebegleitung widmet und das fünfte dem Begleiten Trauernder.

Die Ehrenamtlichen können sich jederzeit bei uns Koordinatorinnen melden, um Erfahrungen auszutauschen oder Besucherinnen und Besucher an uns weiterzuvermitteln. Außerdem finden die Erfahrungen derzeit noch Raum in den monatlichen hospizdienstlichen Gruppentreffen und in den Supervisionen, die viermal jährlich mit einem externen Supervisor stattfinden – ein spezielles Angebot nur für die ehrenamtlich Trauerbegleitenden gibt es bislang noch nicht. Ergänzend können Ehrenamtliche auch an Schulungen anderer Anbieter teilnehmen.

Warum haben Sie die rote Decke als sichtbares Erkennungszeichen gewählt – steckt eine besondere Symbolik dahinter?

Rot steht für Caritas – und ist eine Signalfarbe. Sie leuchtet ganz wunderbar, egal zu welcher Jahreszeit und welche Stimmung gerade auf dem Friedhof herrscht.

Gab es bereits Rückmeldungen von Besucherinnen und Besuchern, wie ihnen die Gespräche geholfen haben?

Besucherinnen und Besucher schätzen die Aufmerksamkeit und das wertschätzende Zuhören durch die Ehrenamtlichen sehr – ebenso den Austausch mit anderen Trauernden, der in diesem Jahr durch regelmäßige Besucherinnen und Besucher besonders spürbar wurde.

Wie viele Ehrenamtliche engagieren sich in diesem Projekt, und wie wird der Einsatz auf dem Friedhof organisiert?

Aktuell sind es 10 bis 15 Ehrenamtliche. Vor Saisonstart gibt es ein Treffen, zu dem auch neue Ehrenamtliche dazustoßen können und bei dem ein von uns angeleiteter, aber auch freier Austausch stattfindet.

Organisatorisch läuft es so: Die Ehrenamtlichen schicken mir vor Beginn der Trauerbank-Saison ihre Dienstwünsche, ich fülle den Dienstplan mit jeweils zwei Ehrenamtlichen, die dritte Spalte bildet die Reserve. Änderungswünsche nehme ich im Nachgang mit Frist entgegen. Kann ein Dienst während der laufenden Saison doch nicht wahrgenommen werden, stimmen sich die Ehrenamtlichen eigenständig untereinander ab – auch den Transfer der Trolley-Box zum jeweils nächsten Team regeln sie selbst. Im Winter überwintert die Box dann bei uns im Büro.

Planen Sie, das Angebot über die Sommermonate hinaus zu verstetigen oder auch auf andere Friedhöfe beziehungsweise Orte in Gießen auszuweiten?

Auch 2026 werden wir wieder eine Trauerbank von Mai bis September auf dem Neuen Friedhof anbieten. In der kalten Jahreszeit gibt es bewusst keine Indoor-Trauerbank, weil dabei der Charakter des Angebots verloren ginge – und wir möchten keinem Ehrenamtlichen zumuten, zwei Stunden bei Kälte und Nässe auf dem Friedhof an der Bank auszuharren, zumal nie gewiss ist, ob überhaupt jemand kommt. In den drei Jahren ist das bisher nur einmal vorgekommen – die beiden Ehrenamtlichen haben die Zeit damals genutzt, um sich besser kennenzulernen.

Von Oktober bis März bieten wir stattdessen, am zweiten Sonntag im Monat von 14 bis 16 Uhr, einen Trauerspaziergang rund um den Schwanenteich in Gießen an, mit Start am Schwimmbad Ringallee und ebenfalls zwei Ehrenamtlichen.

Beim Saison-Abschlusstreffen kam aus der Gruppe die Idee auf, 2026 einmal im Monat – jeweils am dritten Samstag, 10.30 bis 12.30 Uhr – eine Trauerbank auf einem Friedhof in einer Kleinstadt im Landkreis Gießen anzubieten. Dazu werden wir als Koordinatorinnen das Gespräch mit den dortigen Verantwortlichen und der Verwaltung suchen. Eine zweite Ausstattungskiste mit entsprechendem Material inklusive roter Decke wird dafür angeschafft.

Was wünschen Sie sich persönlich für die Zukunft der Trauerbank – und was wäre für Sie ein Zeichen, dass das Projekt erfolgreich ist?

Rückblickend zeigt sich das über die Jahre sehr deutlich.

Schon 2023, im ersten Jahr, haben bereits beim allerersten Termin Menschen gewartet. Nur an einem einzigen Termin kam niemand – die Ehrenamtlichen nutzten die Zeit, um sich besser kennenzulernen. Uns wurde klar: Jede Begegnung, die etwas in Bewegung bringt, ist eine Bereicherung. Es entstanden gute Kontakte, zwischen Ehrenamtlichen und Trauernden ebenso wie untereinander, und wir spürten, dass der Bedarf da ist. Wenn es den Menschen etwas bringt, ist das genug – auch wenn „nur" ein Mensch kommt. Ein Satz ist uns besonders im Gedächtnis geblieben: „Ich komme extra zur Bank, weil es mir gutgetan hat." Solche Wiederholerinnen und Wiederholer bestärken uns darin, dass wir auch auf andere Trauerbegleitungsangebote aufmerksam machen können – und dass das Angebot selbst Aufmerksamkeit für den Ambulanten Hospizdienst schafft.

2024 kamen manchmal mehr als zwei Gäste gleichzeitig. War es ruhig, weil die Gespräche kurz waren oder nur ein Gast da war, blieb auch Raum für Austausch unter den Ehrenamtlichen. Die Trauerbank wurde in der Öffentlichkeit zunehmend wahrgenommen, spürbar an kurzen Vorbeigeh-Gesprächen wie „Hallo, ah, ich hab das in der Zeitung gelesen, toll, dass es so was gibt" – dazu kamen zahlreiche positive Rückmeldungen, auch aus dem eigenen Freundeskreis. Wir erkannten: ein guter Ort, ein guter Rhythmus, ein gutes Konzept, wenig Aufwand für die Ehrenamtlichen im Dienst und dabei offen, niedrigschwellig und einfach erreichbar – mit Parkplatz, zu Fuß, mit dem Rad oder mit der Bushaltestelle direkt vor der Tür. Eine Frage begleitete uns dabei: Wie lösen wir es, wenn mehrere Menschen gleichzeitig kommen?

2025 hatten wir den Eindruck, dass das Angebot noch stärker wahrgenommen und angenommen wird. Es hat eine gewisse Eigendynamik entwickelt – Menschen erfahren mittlerweile über Dritte davon, etwa bei der Kontoauflösung nach einem Sterbefall bei der Bank. Es hat sich eine Gruppe von regelmäßig Besuchenden gebildet, möglicherweise künftige Trauerspaziergänger. Die Trauernden stehen untereinander in gutem Kontakt. Zeitweise mussten wir eine zweite Bank herbeiholen, oder es wurden klappbare Campingstühle mitgebracht. Und: Eine Besucherin aus dem allerersten Jahr saß beim Abschlusstermin 2025 noch einmal auf der Trauerbank – um ihren Dank auszusprechen. Das Gespräch damals habe ihr sehr geholfen.

Wir freuen uns sehr, dass es nicht nur in Gießen eine Trauerbank gibt, sondern auch andere Initiativen – etwa in Marburg, Fulda und Darmstadt –, die Trauerbänke oder verwandte Konzepte anbieten, wie die „Plauderbank" der Johanniter-Unfall-Hilfe. Der Bedarf ist da. Trauernde dürfen mutig sein und für sich das passende Angebot finden – ein bunter Blumenstrauß an Möglichkeiten macht es ihnen leichter, sich auszuprobieren. Gleichzeitig braucht es dafür auch die nötigen Ressourcen.