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Engel trifft Apfelbaum

Der Garten der Religionen steht in Dietzenbach für ein friedliches Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen. In der Stadt sind Menschen aus rund 120 Nationen zu Hause. Der Friedhof als Ort habe sich angeboten, denn „dort, wo es um die existenziellsten Fragen des menschlichen Lebens, nämlich um Vergänglichkeit und Tod, geht, wollen wir gemeinsam die Botschaft des Lebens laut werden lassen“, schreiben die Religionsvertreter in ihrem Statement. Passend findet es Renate Bottmann, „dass der Garten zwischen christlichen und muslimischen Gräbern liegt“.
Apfelbaum
Datum:
10. Sept. 2026
Von:
Von Anja Weiffen

In der Region ist er einmalig: der Garten der Religionen in Dietzenbach. Seit sechs Jahren wächst und gedeiht er. Vertreterinnen und Vertreter von vier Religionen haben damit eine Fläche gestaltet, die einen tieferen Sinn birgt.

Ein kleines Paradies besitzen die Dietzenbacher, mitten auf ihrem Friedhof: den Garten der Religionen. Wer durch den Torbogen tritt, steht in einem Kreis von Büschen und Gehölzen, im Frühsommer zwischen blühenden Blumen. Bänke laden zum Ausruhen ein. In der Mitte ragt eine Stele empor. Das stählerne Kunstwerk zeigt den „Engel der Kulturen“. Ein Stern, ein Kreuz und ein Halbmond sind aus dem Metall herausgearbeitet – die Symbole von Christentum, Judentum und Islam. Das dadurch entstandene Fenster hat die Form eines Engels.

Neben der Stele wächst ein junger Apfelbaum. „Dieser Baum liegt mir sehr am Herzen“, sagt Renate Bottmann aus Dietzenbach, die das Garten-Projekt initiiert hat. „Der Apfelbaum steht in den Religionen für Einheit in Vielfalt.“ Er bedeutet für sie auch: „Der Mensch soll Früchte tragen.“ Bottmann gehört der Religionsgemeinschaft der Bahá’í an. Das Bahá’ítum ist eine der Religionen, deren Vertreter sich in Dietzenbach zur Arbeitsgemeinschaft der Religionen (ARD) zusammengeschlossen haben. Auch die katholische Kirche in Dietzenbach ist dabei. Vor sechs Jahren legte die ARD gemeinsam den Garten der Religionen an.

Auch Gewürze und Obst

Mehr als 20 Gewächse mit Bezügen zu Islam, Judentum, Bahá’ítum und Christentum wurden im Dietzenbacher Garten gepflanzt. Ausführlich beschrieben sind sie in einer auf dem Friedhof erhältlichen Broschüre. Zu entdecken sind Bäume wie die Dattelpalme, die Eiche, der Maulbeerbaum oder die Zeder, genauso Blumen wie Feldmohn oder Rose. Auch Kulinarisches: Dill, Senf, Koriander und die Zwiebel. Nicht jede Pflanze spielt in allen Traditionen der vier Religionen eine Rolle. Der Apfelbaum ist eines der Gewächse, das alle vereint.

Der Baum der Erkenntnis aus dem Alten Testament wurde im Lauf der Zeit als Apfelbaum interpretiert, heißt es in der Broschüre. Der Baum, „dessen Früchte das Wissen verleihen, was für den Menschen gut und was für ihn schlecht ist“ (1. Mose 2,9). Und die dafür sorgen, dass Menschen zu „Engeln werden oder zu Wesen, die ewig leben“, so steht es in der Sure 7,20 im Koran. Der Apfelbaum im Dietzenbacher Garten ist besonders: Durch Veredelung wachsen an ihm fünf Sorten Äpfel. Der Baum erinnert „an die durch Gier und Maßlosigkeit verloren gegangenen Paradiese der Menschheit“ und symbolisiert die Einheit aller Gläubigen.

So haben es auch Wolfram und Helena Doetsch erfahren, die seit vielen Jahren von katholischer Seite die Arbeit der ARD begleiten. „Der Garten macht uns neugierig, was wächst und welche Bedeutung die einzelnen Pflanzen in den verschiedenen Religionen haben.“ Er ist für sie ein Sinnbild für das immer neue Entdecken der „Anderen“. Es ergaben sich dort Gespräche mit Muslimen, die die Gräber ihrer Verstorbenen besuchten. „Wir kamen über wesentliche Fragen des Lebens und des Umgangs mit dem Tod ins Gespräch.“ Helena Doetsch erzählt auch von den Frauen der kfd (Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands), die im vergangenen Jahr bei einer Pilgertour am Friedhof Station machten. „Wir nahmen wahr, wie gut der Garten auf diesen Friedhof mit seiner Vielfalt an Kulturen und Beerdigungsriten passt.“ Schon Jahre zuvor endete der kfd-Pilgerweg zur Schöpfungszeit dort mit Dank für die Schöpfung und der Bitte um Frieden für alles Geschaffene.

Renate Bottmann sieht den Garten der Religionen auch als Ort zum Verweilen. „So können dort zum Beispiel Früchte verzehrt werden, etwa die Maulbeeren.“ Für sie ist er ein Graswurzelprojekt, lokal und niedrigschwellig: „Einfach hingehen.“  

 

Termin: 

Friedensgebet am 26. September um 17 Uhr im Garten der Religionen

„Wir wollen nach Gemeinsamkeiten suchen“

Renate Bottmann aus Dietzenbach lernte mit 16 Jahren das Bahá’ítum kennen und entschied sich dafür.

Wie entstand die Idee vom Garten der Religionen in Dietzenbach?

Die Idee entwickelte sich durch die Kenntnis eines Gartens in Bad Lippspringe, der im Zuge einer Landesgartenschau entstanden ist und an dessen Gestaltung verschiedene Religionen beteiligt waren. Wir von der Arbeitsgemeinschaft der Räte der Religionen in Dietzenbach wollten ein ähnliches Projekt verwirklichen. Bei der Suche nach einem geeigneten Ort kamen wir auf den Friedhof, der übrigens durch die zunehmende Praxis der Einäscherung mehr Platz bietet. Die Stadt Dietzenbach war bereit, das Garten-Projekt zu unterstützen.

Was ist das Besondere am Dietzenbacher Garten-Projekt?

Der Garten in Bad Lippspringe hatte sich durch einzelne Parzellen ausgezeichnet, auf denen sich die jeweiligen Religionen präsentierten. Wir wollten im Unterschied dazu mit den Pflanzen aus den Heiligen Schriften der Religionen einen gemeinsamen Garten gestalten. Die Gewächse bilden ein Miteinander und können auch aus botanischer Sicht nebeneinander gut gedeihen. Das empfinden wir als ein schönes Zeichen. Durch Pflanzen, die zu verschiedenen Zeiten blühen, ergibt sich ein wechselndes Bild des Gartens. Und die Bäume, die auf den halbkreisförmigen Hügeln um den Garten stehen, werden Jahr für Jahr größer und imposanter. 

Wie bringt der Garten Menschen zusammen?

Einmal im Jahr findet dort ein Friedensgebet statt. In diesem Jahr ist das am 26. September um 17 Uhr. Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen Religionen tragen Gebete und Impulse vor. Zum Friedensgebet kommen regelmäßig rund 80 bis 100 Gäste, die sich auch von Regen nicht abhalten lassen, wie wir festgestellt haben. Bei der Veranstaltung halten schließlich alle Religionsvertreterinnen und -vertreter für ein gemeinsames Pressefoto ein Banner mit der Aufschrift „Um Gottes Willen keine Gewalt“. Die Beiträge der Religionen zum Friedensgebet können auf unserer Internetseite nachgelesen werden. Außer für das Friedensgebet wird der Garten für den Besuch von hiesigen Schulklassen etwa im Rahmen des Religionsunterrichts oder auch von Konfirmanden genutzt. Darüber hinaus kommen Gruppen von weiter her, um den Garten kennenzulernen.

Wofür steht der Garten der Religionen?

Uns ist wichtig, dass wir innerhalb der Arbeitsgemeinschaft der Räte der Religionen nicht missionieren und uns nicht gegenseitig von der eigenen Version der Wahrheit überzeugen wollen. Wir wollen uns nicht profilieren, sondern nach Gemeinsamkeiten suchen. Das drückt auch der Dietzenbacher Garten der Religionen aus. Er ist für uns der Garten Gottes.

Homepage: ardietzenbach.de