Interview mit Dominik Gilbert, Regionalreferent für die Region Rheinhessen:„Gott lässt keinen Menschen allein“ – wie Kirche Einsamkeit etwas entgegensetzen kann


Herr Gilbert, warum kann gerade der Sommer Einsamkeit besonders spürbar machen?
Gerade weil man diese Gemeinschaft so deutlich wahrnimmt. Die Menschen sind wieder mehr draußen, sitzen bis spät vor Restaurants und Bars, die Stimmung ist besser – und ich bin vielleicht immer noch einsam. Alle scheinen wieder beieinander zu sein, aber ich habe niemanden. Das zu sehen und zu erleben, kann den eigenen Schmerz noch verstärken.
Welche Formen von Einsamkeit begegnen Ihnen in Ihrer Arbeit in Alzey – und erleben Sie dabei Unterschiede zwischen den Jahreszeiten?
Einsamkeit ist sehr vielschichtig – und sie betrifft alle Altersgruppen. Kinder, die in der Schule wenig Anschluss finden, junge Menschen, denen es schwerfällt, auf andere zuzugehen, oder ältere Menschen, die nicht mehr so mobil sind: Einsamkeit kann ganz unterschiedliche Gesichter haben. Ich glaube schon, dass sich die Situation verändert hat. Auch das Smartphone kann Einsamkeit verstärken, aber wir sollten das Problem nicht allein auf Geräte und Apps schieben. Wir Menschen sind auf Gemeinschaft hin geschaffen. Die Pandemie hat diese Entwicklung sicher nicht einfacher gemacht. Wir müssen deshalb einen guten Umgang mit diesem Spannungsfeld finden.
Mit dem „Café Miteinander“ schaffen Sie einen Ort der Begegnung für ältere Menschen. Was passiert dort, das über Kaffee und Gespräche hinausgeht?
Das „Café Miteinander“ ist eigentlich für Menschen unterschiedlichen Alters gedacht. Bisher fühlen sich allerdings vor allem ältere Menschen davon angesprochen. Bei jedem Treffen setzen wir einen thematischen Schwerpunkt und haben häufig auch Referenten zu Gast. Viele Besucher erzählen uns, dass sie sich auf die Termine freuen, weil sie eine Möglichkeit bieten, aus dem Haus zu kommen und andere Menschen zu treffen. Das ist manchmal schon sehr viel: zusammenzukommen, miteinander zu reden und Zeit miteinander zu verbringen.
Das Projekt „Gott im Pub“ spricht eine ganz andere Zielgruppe an. Warum sind gerade niedrigschwellige Orte wichtig, um Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen?
„Gott im Pub“ ist wirklich eine tolle Sache. Dort kommen Menschen ganz unterschiedlichen Alters zusammen – Kinder und Senioren, Gläubige und Menschen, die mit Kirche vielleicht bisher wenig zu tun hatten. Ein Pub bringt schon eine gewisse Gemütlichkeit und Unkompliziertheit mit. Gleichzeitig wollten wir dort einen Schutzraum schaffen für Menschen, die gerne Christen sind oder zumindest mit dem Christentum sympathisieren. Sie sollen offen und ohne Angst über ihren Glauben sprechen können. Das funktioniert bisher sehr gut. Interessant ist auch zu erleben, wie die anderen Gäste darauf reagieren. Manche beten beim Vaterunser am Ende sogar mit oder setzen sich zu unseren Tischen. Als Christen sind wir mitten in der Welt und haben gleichzeitig eine Hoffnung, die über diese Welt hinausweist. Dafür ist ein Pub eigentlich ein ziemlich guter Ort.
Gerade im Sommer gibt es viele Möglichkeiten, Menschen zu begegnen: Straßenfeste, Veranstaltungen, Biergärten oder gemeinsame Unternehmungen. Trotzdem fällt es vielen schwer, den ersten Schritt auf andere zuzugehen. Wie kann Kirche dabei helfen, Hemmschwellen zu überwinden?
Kirche ist eigentlich immer da. Gottesdienst ist jedes Wochenende. Ich kann kommen und mich erst einmal in die letzte Reihe setzen. Wichtig ist aber, dass Gemeinden aufmerksam sind und Menschen ansprechen, die neu sind oder Kontakt suchen. Wir laden zum Beispiel gezielt Neuzugezogene zu einem Gottesdienst ein und bleiben anschließend noch zusammen. Das ist wichtig: Wenn Menschen neu dazukommen, sollte jemand den ersten Schritt machen. Daraus können ganz unkompliziert weitere Begegnungen entstehen. Auch Wallfahrten oder andere Angebote mit Übernachtungen sind gute Möglichkeiten, gerade älteren Menschen Gemeinschaft zu ermöglichen. Wenn es in einer Gemeinde einige Menschen gibt, die offen auf andere zugehen, ist das ein großer Schatz.
Wo erleben Sie in Ihren Projekten kleine Momente, die Sie selbst als „frohe Botschaft“ empfinden?
Eigentlich ständig. Ich erlebe immer wieder, wie sinnvoll es ist, dass Menschen zusammenkommen – im Gottesdienst, bei Feiern, Themenabenden oder ganz alltäglichen Begegnungen. Und wenn daneben neue Formen gelebten Glaubens entstehen, umso besser. Für mich sind das oft ganz kleine Momente: ein gemeinsames Lachen im Trauergespräch, persönliche Worte vor oder nach einer manchmal anstrengenden Gremiensitzung, Kinder, die in unsere Bücherei stürmen und Leben ins Haus bringen. Oder wenn ich beim türkischen Bäcker mit „Papst“ begrüßt werde. Wenn im Gottesdienst jemand weint und wir anschließend noch einen Moment gemeinsam beten. Ich mag diese Begegnungen sehr. In ihnen erlebe ich ganz viel frohe Botschaft.
Oft wird Kirche vor allem mit Gottesdiensten verbunden. Wie wichtig sind heute Orte, an denen Menschen einfach dazugehören dürfen – gerade auch für diejenigen, die im Sommer vielleicht besonders spüren, dass ihnen Gemeinschaft fehlt?
Total wichtig. Denn mit dem gegenseitigen Kennenlernen beginnt alles. Jeder Christ ist irgendwann einmal Christ geworden, weil jemand von Jesus Christus erzählt hat. Wir sind kein geschlossener Kreis. Wer Interesse hat, kann dazukommen. Gerade spannend wird es doch, wenn Menschen auftauchen, die noch gar nicht „dazugehören“. In meiner Arbeit erlebe ich das zum Beispiel bei Erwachsenen, die sich für Taufe, Firmung oder den Glauben interessieren. Und es ist schön, wenn Menschen noch nicht viel Vorwissen haben. Dann kann man gemeinsam einen Weg gehen.
Was kann gemeinsames Essen, Reden oder einfaches Zusammensein gegen Einsamkeit bewirken?
Ich habe das selbst einmal sehr eindrücklich erlebt. Als junger Mann wollte ich eine Woche allein in einer Einsiedelei verbringen. Ich hatte mich lange darauf gefreut und Unmengen an Büchern eingepackt. Nach drei Tagen hielt ich es aber nicht mehr aus. Die Gedanken wurden zu laut, die Ängste zu groß. Also fuhr ich in den nächsten Supermarkt und verbrachte dort vielleicht eine halbe Stunde. Ich habe einfach die Anwesenheit anderer Menschen genossen. Danach konnte ich zufrieden in meine Einsiedelei zurückkehren. Allein die Anwesenheit anderer Menschen hat mir an diesem Tag geholfen. Zusammensein, miteinander essen und reden – das ist dem Menschen, so glaube ich, tief eingeschrieben.
Welche Rolle spielen Zuhören und echte Aufmerksamkeit in einer Zeit, in der viele Menschen zwar ständig vernetzt, aber innerlich oft allein sind?
Seelsorger müssen Menschen mögen. Das ist ein Satz aus meiner Ausbildung, der mich bis heute begleitet. Und dazu gehört echtes Interesse am Gegenüber, Zuhören und Aufmerksamkeit. Ich glaube, jeder Mensch möchte gemocht und gesehen werden. Das ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Menschen gesund bleiben können.
Wenn Sie die „frohe Botschaft“ für einsame Menschen in diesem Sommer in einem Satz formulieren müssten – wie würde dieser Satz lauten?
Für mich hat das zwei Ebenen. Ich habe einmal ein Kartäuserkloster besucht und den Pförtner gefragt, wie die Mönche mit der Einsamkeit umgehen. Er sagte zu mir: „Wenn du einmal verstanden hast, dass Gott in deiner Zelle bei dir ist, dann fühlst du dich nie mehr einsam.“ Gleichzeitig wissen wir, dass das nicht jedem Menschen so gelingt. Und da kommt unser Auftrag als Kirche hinzu: Wir müssen da sein und deutlich machen, dass Menschen uns ansprechen können. Wir sind für die Menschen da, weil Gott für uns da ist. Wenn ich es in einem Satz sagen soll: Gott lässt keinen Menschen allein – und Kirche ist dann glaubwürdig, wenn sie diese Nähe im Alltag spürbar macht.
Herr Gilbert, danke Ihnen fürs Interview!