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Interview mit Nadine Hillabrand und Alexander Albert vom Sozialpastoralen Zentrum (SpaZ) Gravenbruch:„Hier wird Nachbarschaft neu buchstabiert“

Im Sozialpastoralen Zentrum (SpaZ) Gravenbruch treffen Menschen aufeinander, die sich sonst vielleicht nie begegnen würden. Das Zentrum verbindet pastorale Arbeit und soziale Arbeit und versteht sich als offener Ort mitten im Stadtteil. Nadine Hillabrand und Alexander Albert erzählen, warum das SpaZ mehr sein will als ein Treffpunkt – und wie aus kleinen Begegnungen Hoffnung, Gemeinschaft und gelebte Nächstenliebe entstehen können.
Slider SpaZ Gravenbruch
Datum:
1. Sept. 2026
Von:
Alexander Stein
Geselligerunde im SpaZ

Frau Hillabrand, Herr Albert, was war der Ausgangspunkt für die Idee des SpaZ in Gravenbruch – und welches Bedürfnis der Menschen vor Ort wollten Sie damit aufgreifen?

Nadine Hillabrand und Alexander Albert: Ausgangspunkt war eine Familienumfrage im Jahr 2021 und die damit verbundene sozialräumliche Arbeit in Gravenbruch. Uns war wichtig, zunächst zuzuhören: Was wünschen sich die Menschen vor Ort eigentlich selbst?
Dabei wurde sehr deutlich, dass es einen Wunsch nach Begegnung, Gemeinschaft und offenen Orten gibt – nach einem Platz, an dem man einfach hingehen, andere Menschen treffen und eigene Ideen einbringen kann. Aus der Arbeit auf dem Dreieichsteinplatz und den dort entstandenen Angeboten entwickelte sich schließlich die Idee für das Sozialpastorale Zentrum.
Mit der katholischen Bücherei haben wir dafür einen passenden Ort gefunden. Gemeinsam mit der Kirchengemeinde konnte ein offener und einladender Raum gestaltet werden. Das Zentrum soll kein Ort sein, für den man erst etwas organisieren oder einen Raum anmieten muss. Es soll ein Ort sein, an den man einfach kommen kann: offen, unkompliziert und mit der Möglichkeit, eigene Ideen einzubringen.

Was macht das Zentrum zu einem besonderen Ort der Begegnung – und wer soll sich dort angesprochen und willkommen fühlen?

Uns ist die Vielfalt der Menschen und Angebote wichtig. Das Zentrum soll möglichst vielen Menschen offenstehen – unabhängig von Alter, Herkunft oder Lebenssituation.
Das zeigt sich ganz konkret: Mütter mit kleinen Kindern kommen ebenso wie Menschen, die Deutsch lernen und das Sprachcafé besuchen. Es gibt Angebote für Seniorinnen und Senioren, einen Strick- und Häkeltreff, Kinderangebote und Kinderkino. Mit dem Repair-Café und der Fahrradwerkstatt ist außerdem ein Ort entstanden, an dem Menschen ihr Wissen und ihre Fähigkeiten einbringen und voneinander lernen können.
Wir möchten auch neue Angebote entwickeln, etwa eine Gruppe für Alleinerziehende. So verstehen wir das SpaZ: als offenen Ort mitten im Stadtteil, an dem Begegnung entsteht, Ideen wachsen und Menschen aus unterschiedlichen Lebenssituationen und Kulturen zusammenfinden.

Kirche und soziale Arbeit kommen hier zusammen. Was kann entstehen, wenn Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und Anliegen an einem solchen Ort zusammenkommen?

Bei uns beginnt diese Verbindung schon in der Zusammenarbeit von Kirche und sozialer Arbeit. Wir arbeiten bewusst als Tandem: ein pastoraler Mitarbeiter und eine Sozialarbeiterin der Caritas bringen unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen mit. Wir lernen voneinander und entdecken immer wieder, dass der jeweils andere Blick Dinge sichtbar macht, die einem selbst vielleicht fehlen.
Diese Erfahrung setzt sich im SpaZ fort. Menschen mit unterschiedlichen Lebensgeschichten, Kulturen und Anliegen kommen zusammen und begegnen sich, obwohl sie sich sonst wahrscheinlich nie getroffen hätten. Aus einem Repair-Café kann plötzlich ein Gespräch am Kaffeetisch entstehen.
Das ist für uns ein wesentlicher Teil des Gedankens hinter dem Zentrum: Es soll ein Stück weit das „Wohnzimmer von Gravenbruch“ sein. Ein Ort, an dem Menschen einfach sein können und selbst etwas einbringen dürfen.
Besonders schön ist es, wenn Menschen irgendwann fragen: „Kann ich hier auch einmal etwas anbieten?“ Dann merken wir, dass der Raum wirklich als eigener Ort angenommen wird.

Gerade in einer Zeit, in der viele Menschen Einsamkeit, Unsicherheit oder gesellschaftliche Spaltung erleben: Welche Rolle kann ein solcher Ort für das Miteinander im Stadtteil spielen?

Wir erleben Menschen, die sich nach Begegnung sehnen, aber nirgendwo so richtig andocken. Sie möchten vielleicht keinem Verein beitreten, gehören keiner festen Gruppe an oder haben keine Familie vor Ort. Für diese Menschen kann ein offener Ort wie das SpaZ wichtig sein: Man muss nirgendwo Mitglied sein, muss nicht regelmäßig kommen und sich auch nicht festlegen. Man kann einfach vorbeischauen.
Gerade beim Thema Einsamkeit versuchen wir deshalb, den Ort noch stärker als Schnittstelle zu nutzen. Gemeinsam mit der Stadt Neu-Isenburg engagieren wir uns beispielsweise im Projekt „Gemeinsam gegen Einsam“. Mit Unterstützung des Bistums Mainz haben wir außerdem eine Schulung für Besuchsdienste angeboten. Daraus ist eine engagierte Gruppe entstanden, die Menschen unter anderem in Pflegeeinrichtungen und im Stadtteil besucht.
Das SpaZ kann dabei ein zusätzlicher Begegnungsort sein. Jemand, der besucht wird, kann beispielsweise gemeinsam mit dem Besuchsdienst ins Zentrum kommen. So kann aus einem persönlichen Besuch wieder ein Stück Teilhabe am öffentlichen Leben werden.
Dabei ist für uns nicht entscheidend, wie viele Menschen zu einer Veranstaltung kommen. Manchmal findet zwischen zwei Menschen ein sehr intensives und wichtiges Gespräch statt. Die Frage ist deshalb nicht nur: „Wie viele waren da?“, sondern auch: „Was ist dort passiert? Wem hat es geholfen? Wo sind Menschen miteinander in Kontakt gekommen?“

 

Repair Cafe Fahrradwerkstatt

Was erleben Sie im Alltag des Zentrums als besonders gelungen oder berührend? Gibt es eine Begegnung, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Besonders berührend sind oft die kleinen Begegnungen, die ganz nebenbei entstehen. Beim Repair-Café kam beispielsweise eine ältere Dame, um ihr Fahrrad reparieren zu lassen. Gleichzeitig war ein neu zugezogener Mensch mit einem anderen Reparaturanliegen da. Beide mussten warten und kamen am Kaffeetisch miteinander ins Gespräch. Eigentlich wären sie sich vermutlich nie begegnet.
Ein anderer Moment hat uns sehr gefreut: Eine ehrenamtlich engagierte Frau baut Rampen aus Lego und hatte uns nach den Maßen für den Zugang zum SpaZ gefragt. Einige Zeit später stand plötzlich eine bunte Lego-Rampe vor unserer Tür. Sie wurde sofort genutzt – unter anderem von Frauen mit Kinderwagen und einer Frau im Rollstuhl.
In solchen Momenten wird ganz konkret sichtbar, was Teilhabe bedeutet: Menschen können leichter und selbstverständlicher an einem Ort teilnehmen.
Und vielleicht ist genau das das Schönste an unserer Arbeit: Wenn Menschen merken: Dieser Ort ist auch für mich da – und ich kann selbst etwas dazu beitragen.

Das Zentrum ist ein Beispiel für neue Wege von Kirche. Was bedeutet es für Sie persönlich, Kirche nicht nur als Ort für Gottesdienste, sondern als offenen Raum mitten im Quartier zu denken?

Für uns bedeutet das zunächst, ehrlich anzuerkennen, dass Kirche sich verändert. Die klassische Form, wie wir Kirche über Jahrzehnte erlebt und gestaltet haben, trägt nicht mehr in gleicher Weise. Die Menschen im Quartier leben heute anders und haben andere Bedürfnisse.
Wenn Kirche sich als Teil der Gesellschaft versteht und nicht als etwas, das über der Gesellschaft steht, entsteht auch eine große Freiheit: die Freiheit, Neues auszuprobieren und hinzuschauen, was die Menschen vor Ort brauchen.
Kirche muss dabei ihr Profil nicht aufgeben. Wenn Menschen fragen, was uns trägt und warum wir uns engagieren, können und wollen wir darauf antworten. Aber wir müssen diese Antwort nicht jedem Angebot voranstellen.
Gleichzeitig erleben wir noch Skepsis. Obwohl das SpaZ auf dem Gelände der Kirche liegt, fragen Menschen: „Ist das überhaupt etwas für mich? Ist das nicht nur für Katholiken?“ Gerade deshalb ist uns wichtig zu sagen: Das SpaZ ist ein Ort für alle.
Es spielt keine Rolle, welcher Konfession oder Religion jemand angehört oder ob jemand überhaupt religiös ist. Wer Schach spielen, basteln, eine Gruppe gründen oder einfach bei einem Kaffee mit anderen Menschen ins Gespräch kommen möchte, ist willkommen.

Welche Rolle spielen dabei Kooperationen – etwa mit der Kommune, anderen kirchlichen Akteuren oder sozialen Einrichtungen?

Kooperation ist für uns eine Grundvoraussetzung für gute Arbeit im Quartier. Kirche ist dabei ein Akteur unter vielen. Gemeinsam mit der Kommune, anderen Kirchengemeinden und sozialen Einrichtungen können wir wesentlich mehr für die Menschen vor Ort erreichen, als wenn jeder für sich arbeitet.
Dabei geht es nicht darum, dass Kirche überall im Mittelpunkt stehen muss. Kooperation bedeutet für uns, miteinander ins Gespräch zu kommen, Erfahrungen zu teilen und gemeinsam zu überlegen: Was brauchen die Menschen im Stadtteil, und was können wir dazu beitragen?
Auch die Verbindung von pastoraler Arbeit und Sozialarbeit im SpaZ ist dafür ein gutes Beispiel. Wir bringen unterschiedliche Perspektiven zusammen und lernen voneinander.
Für uns steckt dahinter eine wichtige Haltung: Kirche genügt sich nicht mehr selbst. Sie ist Teil des Stadtteils und sollte mit den Menschen und mit denjenigen zusammenarbeiten, die dort Verantwortung übernehmen oder sich für andere engagieren.

Wo erleben Sie im Sozialpastoralen Zentrum eine „frohe Botschaft“ ganz konkret – also einen Moment, in dem Menschen Hoffnung, Gemeinschaft oder neue Zuversicht erfahren?

Für uns wird die „frohe Botschaft“ vor allem in den kleinen Dingen des Alltags konkret – in Begegnungen und Gesprächen, die manchmal unspektakulär wirken und für einen Menschen doch sehr viel bedeuten.
Eine Mutter mit einem kleinen Baby erzählte uns beispielsweise, dass sie viel zu Hause gewesen sei und irgendwann nicht mehr gewusst habe, wohin mit sich. Im SpaZ habe sie schließlich einen Ort gefunden, an den sie kommen könne. Sie sagte sinngemäß: „Jetzt geht es mir gut. Hier kann ich Menschen treffen und mit ihnen sprechen.“
Ein anderes Mal kam ein Mann zu uns, der sich für einen Aushilfsjob bewerben wollte. Er hatte seinen Lebenslauf dabei, wusste aber nicht, wie er die Bewerbung allein bewältigen sollte. Wir haben uns zusammengesetzt, gemeinsam auf die Unterlagen geschaut und ihm geholfen. Es war keine große Sache – aber vielleicht genau die Unterstützung, die in diesem Moment gefehlt hat.
Wir glauben, dass gerade dieses Dasein und Ansprechbarsein heute nicht mehr selbstverständlich ist. Zeit zu haben, einem Menschen wirklich zuzuhören, sich hinzusetzen und gemeinsam nach einer Lösung zu suchen – darin wird für uns Kirche ganz konkret sichtbar.
Wo Menschen merken: Da ist jemand, der mich sieht. Da ist ein Ort, an dem ich willkommen bin. Ich muss mit meinem Anliegen nicht alleine bleiben.
Für uns passiert darin auch Seelsorge. Die „frohe Botschaft“ muss nicht immer in großen Worten daherkommen. Manchmal besteht sie einfach darin, dass jemand da ist und sagt: „Komm, wir schauen gemeinsam. Du musst das nicht alleine schaffen.“

Was wünschen Sie sich für die weitere Entwicklung des Zentrums und für Gravenbruch?

Unser größter Wunsch ist, dass das SpaZ nachhaltig weiterbestehen kann und nicht nur ein zeitlich begrenztes Projekt bleibt. Die Finanzierung der Personalstellen ist momentan noch bis September 2027 gesichert. Was danach kommt, ist offen.
Deshalb beschäftigen wir uns schon jetzt mit der Frage, was geschehen muss, damit das SpaZ langfristig eine Zukunft hat. Dafür brauchen wir Partner, die sagen: „Wir wollen, dass es das SpaZ gibt, und wir setzen uns gemeinsam dafür ein.“
Die tägliche Arbeit und die Angebote funktionieren gut. Wir sehen, dass die Menschen den Ort brauchen und annehmen. Jetzt geht es darum, die notwendigen Rahmenbedingungen für die Zukunft zu schaffen.
Für Gravenbruch wünschen wir uns, dass das SpaZ immer mehr „unser SpaZ“ wird. Wir haben vor dem Start einmal gesagt: Wenn wir irgendwann hören, dass Menschen sagen „unser SpaZ“, dann haben wir etwas erreicht.
Noch schöner wäre es, wenn der Ort selbstverständlich zum Stadtteil dazugehört, von den Menschen mitgetragen und mitgestaltet wird und jeder weiß: Dort bin ich willkommen, dort kann ich etwas einbringen, dort kann ich anderen begegnen.

Wenn Sie die Idee des Sozialpastoralen Zentrums in einem Satz als „frohe Botschaft“ für die Menschen beschreiben müssten: Wie würde dieser Satz lauten?

Nadine Hillabrand: Für mich ist das SpaZ das Wohnzimmer von Gravenbruch: ein offener, warmer Ort, an dem Menschen zusammenkommen, Nachbarschaft erleben und bei einem guten Kaffee miteinander ins Gespräch kommen.
Alexander Albert: Und wenn ich es noch kürzer und poetischer sagen müsste: Hier wird Nachbarschaft neu buchstabiert – gerade weil draußen so vieles gefriert.

Das ist unser Wunsch für das SpaZ: ein Ort zu sein, an dem Menschen Gemeinschaft finden, sich willkommen fühlen und merken, dass sie mit ihren Anliegen und Ideen nicht allein sind.

Frau Hillabrand, Herr Albert, herzlichen Dank für Ihre Zeit!