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Glaube und Leben | Blickpunkt:Pfarrgärten: Oasen in Gefahr?

Bäume und romantische Gärten rund um Kirchen, das ist der Inbegriff des Paradieses vor der Haustür. Aber wer kümmert sich um sie? Das Aufgeben von Gebäuden, immer weniger Haupt- und Ehrenamtliche und die Erderwärmung werden zur Herausforderung. Ein Blick in die Region.
Links: Rosi Lauseker und Dietmar Seib.
Datum:
20. Juli 2026
Von:
Glaube und Leben | Anja Weiffen
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„Der Garten ist ein anderer Himmel – mit Sternen aus Blumen.“ Walter Lauseker dichtete diesen Satz 2019. Mit einem Stapel Aktenordner steht seine Frau Rosi im Pfarrgarten in Wattenheim. In den Unterlagen finden sich die liebevoll gestalteten Ankündigungen und viele Zeitungsartikel zum „Projekt schöner Pfarrgarten“. Im vergangenen Jahr starb Walter Lauseker unerwartet. Mit Leidenschaft hatte er das Projekt zusammen mit seiner Frau koordiniert, das er 2009 ins Leben rief. „Mein Mann hat viele Leute angesprochen, um sie zum Mithelfen im Garten zu begeistern. Das konnte er sehr gut“, erinnert sich Rosi Lauseker.

Platz für Gottesdienste und Feste

Seit dem Tod ihres Mannes kümmert sich die 77-Jährige weiter um das Projekt. Aktuell sind sie zu dritt: Rosi Lauseker, Dietmar Seib und Armin Herrmann. Dietmar Seib aus Biblis ist vom Fach. Im Lauf seines Berufslebens hatte sich der heute 69-Jährige zum Landschaftsgärtner umschulen lassen. Von Beginn an ist er beim Projekt dabei. Beim Rundgang durch den Garten kennt er jeden Baum und jeden Strauch, viele hat er selbst gezogen und gespendet. „Diese Eibe ist besonders, sie hat gelbe Streifen“, erklärt er und zeigt die Nadeln des „Taxus baccata Dovastoniana Aurea“. Übersetzt: Gelbe Adlerschwingen-Eibe.

Bei Kaffee und Kuchen am Gartentisch unter dem Walnussbaum erzählen Rosi Lauseker, Dietmar Seib und dessen Schwester Ines von anderen Zeiten. Regelmäßig traf sich die Gruppe von ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern auf der Fläche zwischen dem Pfarrhaus und der Kirche St. Christophorus. Auch Kinder und Jugendliche halfen mit. Sie pflanzten, gruben, jäteten und säten. Jährlich gab es vier bis sechs Arbeitseinsätze mit fünf bis sieben Personen. Rund 80 Engagierte machten im Lauf der 17 Jahre mit. „Wir haben hier draußen auch Gottesdienste und Feste gefeiert“, sagt Dietmar Seib. Manches im Garten ist ein Erinnerungsstück. Etwa die alte Kirchenbank unter der geschnitzten Tafel mit dem heiligen Christophorus. Oder die Kiefer, die schon zum Baum gewachsen ist. „Wir kennen sie noch, als sie ganz klein war“, sagt Rosi Lauseker lächelnd.

Ökologisches Kleinod

Im Garten bewegt sich einiges. Schmetterlinge sitzen auf Blüten. Plötzlich surrt eine Libelle durch die Sträucher. Auf einer Kugeldistel lässt sich – beeindruckend – eine daumengroße Holzbiene nieder. „Es gibt hier auch Mauereidechsen“, erzählt Lauseker. Sie weist auf die Benjes-Hecke, eine Hecke aus Totholz, die kleinen Tieren Unterschlupf bietet.

Für seinen Pfarrgarten wurde das Wattenheimer Team beim Umweltpreis 2016 des Bistums Mainz ausgezeichnet, dokumentiert in der Kirchenzeitung „Glaube und Leben“. Darin kürte das Bistum außerdem die Wattenheimer Oase drei Jahre zuvor als einen der zehn schönsten Pfarrgärten. Im vergangenen Jahr erhielt das Projekt als „ökologisches Kleinod“ den Umweltschutzpreis der Gemeinde Biblis.

Aktuell aber schauen Rosi Lauseker und Dietmar Seib mit Ungewissheit auf die Zukunft des Pfarrgartens. Zwar soll die Kirche erhalten bleiben, „aber wir wissen immer noch nicht, was mit dem Pfarrhaus samt Garten passiert“, sagt Lauseker. Im Pfarrhaus wohnt aktuell eine syrische Familie, auch die katholische Bücherei hat dort ihren Standort. Die Zukunft der Gebäude in der 2025 neu geschaffenen Pfarrei Alfred Delp Südliches Ried sei seit Jahren Thema.

Schöpfungsverantwortung der Christen

Gärten spielen im Christentum eine besondere Rolle. Symbolisch stehen sie für den Garten Eden, für Leben und Wachstum, für die Schöpfung, für Ruhe und Besinnung. Aber die Existenz von Pfarrgärten hatte auch praktische Gründe. In früheren Jahrhunderten dienten sie den Pfarrern auch zur Selbstversorgung. Bei den protestantischen Pfarrern mit ihren Familien entwickelte sich eine eigene Pfarrhauskultur, zu der ein Garten gehörte. Die Geistlichen beider Konfessionen widmeten sich, besonders im 18. und 19. Jahrhundert, in ihren Gärten auch der Erforschung der Natur. Mit Obstanbau und Bienenzucht fanden sie ihr Anschauungsmaterial vor der Haustür. Vor allem die Landpfarrer spielten damals eine besondere Rolle, um landwirtschaftliches Wissen zu verbreiten.

Heutzutage erinnert ein baumbeschatteter Kirchhof oder eine große Wiese hinter dem Pfarrhaus an die Schöpfungsverantwortung der Christen – allerdings bei schwindenden finanziellen und personellen Ressourcen. Kirchen und Pfarrhäuser samt Gelände stehen hierzulande bei beiden Konfessionen auf dem Prüfstand. Wenn es gut läuft, wird ein Garten vom Pfarrer genutzt oder Gärten und Kirchhöfe werden zu Begegnungsstätten. Mancherorts gibt es einen Bibelgarten.

Alter Baumbestand erfordert allerdings regelmäßige Wachsamkeit. Das berichtet Bernd Müller, Vorsitzender des Kirchenvorstands in der Evangelischen Christusgemeinde Sayn-Wied Westerwald. Er lässt gerade ein Baumkataster für einzelne Gemeinden erstellen. „Als Eigentümer einer Fläche haben wir die Pflicht zur Verkehrssicherung. Ein Baumkataster zu führen, heißt, die Bäume von einer Firma prüfen und bewerten zu lassen“, erklärt er. Dabei geht es auch um Haftungsfragen, etwa im Fall eines herabfallenden Astes. Während das Prüfen eines Baums günstig sei, so Müller, würden Maßnahmen wie eine Baumkrone zu sichern viel Geld kosten. Genauso das Fällen. „Manche Bäume sind sogar geschützte Naturdenkmäler, die dürfte man gar nicht fällen.“

Im Zuge der Gemeindefusionen gerate der Umweltaspekt allerdings ins Hintertreffen, sagt Müller. Vor allem auf dem Land spiele der Erhalt von Grünflächen eher eine Nebenrolle. „Solche Flächen werden bei uns selten für Gottesdienste genutzt“, berichtet er. „Daraus könnte man mehr machen, was aber wieder mehr Aufwand bedeutet.“

Gott in jeder kleinen Blume

Im Wattenheimer Pfarrgarten bei Biblis geht es erst einmal weiter wie bisher. „Aber angesichts unseres Alters investieren wir nicht mehr in den Garten“, sagt Rosi Lauseker. Sie hat die Hoffnung, dass die Fläche von der Ortsgemeinde übernommen wird. „Vielleicht kann das Projekt dann weitergehen.“ Auf der Internetseite der Pfarrei lädt das Team nach wie vor herzlich zum Mitgärtnern ein – und Gottes Schöpfung zu entdecken, diesmal mit einem Spruch von Thomas von Aquin: „Wer mit offenen Augen durch die Welt wandert, kann Gott in jeder noch so kleinen Blume entdecken.“ 

Projekt schöner Pfarrgarten in Wattenheim