Interview mit Pfarrer Daniel Kretsch, Diözesanjugendseelsorger im Bistum Mainz:„Feiert das Leben!“ – Warum Fastnacht mehr ist als Klamauk

Viele Menschen verbinden Fastnacht vor allem mit Lautstärke, Trubel und Ausgelassenheit. Was entdecken Sie persönlich in der Fastnacht, das auch für ruhigere, vielleicht skeptische Menschen eine Bedeutung haben kann?
Ich entdecke in der Fastnacht, dass sie Fragen anstößt und Menschen ins Nachdenken bringt. Ein guter politischer Vortrag, ein Motivwagen oder auch ein scheinbar leichter Kokolores-Vortrag können mich ins Grübeln bringen. Man setzt sich innerlich mit Themen auseinander, wird gefragt: Wie stehst du eigentlich dazu?
Das Großartige an der Fastnacht ist, dass diese Fragen humorvoll, pointiert und mit einem Schmunzeln gestellt werden – und genau dadurch oft besonders wirken.
Fastnacht wird oft als „fünfte Jahreszeit“ bezeichnet. Gibt es für Sie eine innere oder spirituelle Dimension dieser Zeit – etwas, das über Spaß und Verkleidung hinausgeht?
Auf jeden Fall. Freude gehört zum Christsein dazu – wie das Amen in der Kirche. Die frohe Botschaft zeigt uns: Wir dürfen uns freuen, weil wir einen Gott haben, der das Leben bejaht.
Natürlich ist nicht immer alles leicht oder fröhlich. Aber die Fastnacht erinnert uns jedes Jahr daran, dass es im Leben auch Grund zur Freude gibt. Menschen unterschiedlichster Herkunft, Berufe und Lebensrealitäten kommen zusammen und feiern miteinander. Man lacht gemeinsam gegen die Dunkelheiten unserer Zeit an – und das hat für mich durchaus etwas vom Reich Gottes.
Sie stehen als Pfarrer in der Bütt und sprechen dabei auch ernste gesellschaftliche Themen an. Warum passt Humor aus Ihrer Sicht so gut zu Glauben und Verkündigung?
Humor ist für mich essenziell für Verkündigung. Er eröffnet andere Zugänge zu Themen, die uns im Glauben wichtig sind. Humor zeigt auch, dass man mit sich selbst im Reinen ist – wer lachen kann, nimmt sich selbst nicht zu wichtig.
Das erleichtert Begegnung und schafft Nähe. Außerdem bleiben humorvolle Erfahrungen viel stärker im Gedächtnis. Ich erinnere mich jedenfalls besonders gern an die witzigen Momente meines Lebens.
Fastnacht erlaubt es, Dinge auszusprechen, die im Alltag oft untergehen oder nicht gesagt werden dürfen. Sehen Sie darin Parallelen zur biblischen Tradition von Wahrheitssuche?
Fastnacht ist vor allem ein Ventil. Sie hilft, mit Enttäuschungen oder Missständen umzugehen. In meinen Vorträgen greife ich Ereignisse aus der Vergangenheit auf und bewerte sie – bewusst subjektiv – mit einem humorvollen Blick.
Mir ist klar: Das ist meine Sicht. Wenn Applaus kommt, freut mich, dass andere sich darin wiederfinden. Prophetisch würde ich das nicht nennen, aber Fastnacht ermöglicht, Dinge neu zu betrachten und zu bewerten.
Viele Menschen fühlen sich von Kirche angesprochen, wenn sie lebensnah auftritt. Was kann Kirche aus der Fastnacht lernen – auch jenseits des Feierns?
Kirche muss an der Lebenswelt der Menschen andocken und sie ernst nehmen. Deshalb ist es wichtig, dass es in der Kirche Menschen gibt, die für ganz unterschiedliche Dinge brennen: für Fußball, Film, Natur – oder eben für die Fastnacht.
Dort entstehen Begegnungen, Gespräche, Fragen wie: Du bist doch von der Kirche – erzähl mal! Genau da beginnt Beziehung.
Fastnacht lebt vom Rollenwechsel und vom Hinterfragen von Autoritäten.
Welche befreiende Kraft steckt für Sie in diesem Perspektivwechsel?
In der Fastnachtszeit reflektiere ich viel – auch, weil ich meinen Vortrag ständig überarbeite, neue Reime suche und überlege, wie Inhalte ankommen. Das zwingt zum Perspektivwechsel.
Fastnacht bietet Raum, Dinge aus anderen Blickwinkeln zu betrachten – und dadurch auch sich selbst neu zu sehen.
Sie verzichten bei Ihren Auftritten häufig auf eine Gage zugunsten der Jugendarbeit. Was sagt dieses Teilen über den Kern der frohen Botschaft aus?
Ehrlich gesagt habe ich mir dabei keine großen theologischen Gedanken gemacht. Ich habe überlegt, was mit den Gagen geschehen soll, und fand: In unserer Jugendstiftung sind sie gut aufgehoben.
Es fühlt sich für mich richtig an. Und es freut mich, dass aus einem fröhlichen Moment im Saal auch konkrete Unterstützung für junge Menschen wird.
Fastnacht endet bewusst vor der Fastenzeit. Welche Verbindung sehen Sie zwischen Ausgelassenheit und anschließender Besinnung?
Das passt gut zusammen. Freude und Leid gehören beide zum Leben. Historisch liegt das nah beieinander – und auf einer tieferen Ebene zeigt es: Das eine ist nie weit vom anderen entfernt. Beides sind Realitäten unseres Lebens.
Gerade in politisch und gesellschaftlich angespannten Zeiten suchen viele Menschen nach Hoffnung.
Welche frohe Botschaft kann Fastnacht heute vermitteln?
Eine frohe Botschaft der Fastnacht lautet: Feiert das Leben! Freut euch daran, dass es euch gibt.
Mich berühren besonders hoffnungsvolle Momente – etwa wenn angesichts von Zerstörung gesungen wird: „Es wird bald wieder gut.“ Fastnacht schenkt Hoffnung und zeigt, wie ein gutes Miteinander aussehen kann.
Was möchten Sie Menschen mitgeben, die mit Fastnacht wenig anfangen können?
Man muss kein Fastnachter sein, um humorvoll und fröhlich durchs Leben zu gehen. Wichtig ist, offen zu sein und Freude weiterzugeben – unabhängig von der Jahreszeit.
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