Interview mit Erika Ochs, Referentin Seniorenpastoral im Bistum Mainz:„In der Hitze zählt vor allem, dass niemand allein bleibt“


Frau Ochs, viele Menschen denken bei großer Hitze zuerst an Sonnencreme und ausreichend Trinken. Sie erleben in der Altenheimseelsorge aber auch die seelischen Folgen. Was verändert große Hitze bei den Menschen, die Sie begleiten?
Für alte und kranke Menschen ist anhaltende Hitze eine enorme Belastung. Der Körper muss viel mehr leisten, um seine Temperatur zu regulieren – und das gelingt gerade im hohen Alter oft nicht mehr ausreichend. Die Sterblichkeit steigt in solchen Phasen nachweislich an. Deshalb brauchen viele Menschen zunächst ganz praktische Hilfe: Kühlung, ausreichend Flüssigkeit und gute medizinische Versorgung. Manche Einrichtungen verfügen über klimatisierte Gemeinschaftsräume, doch längst nicht alle Bewohner können diese nutzen. Wer bettlägerig ist, bleibt oft im aufgeheizten Zimmer. Auch für die Pflegekräfte bedeutet das eine große Herausforderung. Seelsorge kann begleiten und zuhören – doch manchmal ist Hitze tatsächlich ein medizinischer Notfall.
Gerade ältere Menschen leiden häufig besonders unter heißen Tagen. Was brauchen sie in dieser Zeit oft mehr als alles andere?
Viele ältere Menschen verlassen bei großer Hitze ihre Wohnung kaum noch. Dadurch wächst das Risiko von Isolation. Vor allem aber brauchen sie einen wirksamen Hitzeschutz. Unsere Gesellschaft ist auf solche Temperaturen noch nicht ausreichend vorbereitet. Es braucht Konzepte und deren konsequente Umsetzung – denn der Klimawandel ist längst Realität.
Hitze kann dazu führen, dass Menschen sich zurückziehen, Termine absagen oder sich noch einsamer fühlen. Welche Erfahrungen machen Sie dabei in Ihrer seelsorglichen Arbeit?
Gerade dann muss auch Seelsorge neue Wege finden, um mit den Menschen in Kontakt zu bleiben. Telefonketten oder regelmäßige Anrufe können eine große Hilfe sein. Eine Frau aus einer Kirchengemeinde erzählte mir, dass sie sich den Schlüssel zur Kirche besorgt und Nachbarn eingeladen hat, sich dort abzukühlen. Solche offenen Kirchen können zu echten Schutzräumen werden. Gleichzeitig sollten Kirchengemeinden gemeinsam mit Kommunen überlegen, wie ein gutes Hitzeschutzkonzept aussehen kann.
Sie begegnen Menschen oft in einer Lebensphase, in der Verletzlichkeit ohnehin zum Alltag gehört. Kann gerade eine Zeit extremer Hitze den Wunsch nach Nähe, Gespräch und Zuwendung noch verstärken?
Ja, denn große Hitze löst bei vielen Menschen Ängste aus. Solche lang anhaltenden Temperaturen sind für viele ungewohnt. Die körperliche Belastung verstärkt die Sorge um die eigene Gesundheit. Diese Ängste ernst zu nehmen und ihnen Raum zu geben, gehört zur Seelsorge dazu. Gleichzeitig braucht es Wissen darüber, welche Warnzeichen auf einen medizinischen Notfall hindeuten.
Oft reichen schon kleine Gesten – ein Besuch, ein Anruf oder gemeinsames Dasein. Wann wird aus einer kleinen Aufmerksamkeit eine große Ermutigung?
Gerade in Hitzezeiten können kleine Gesten Großes bewirken. Ein Anruf, ein kurzer Besuch oder die Nachfrage, ob alles in Ordnung ist, zeigen einem Menschen: Du bist nicht allein. Diese Erfahrung kann entlasten und neue Kraft schenken.
Die Kirchen gelten vielerorts als kühle Orte der Ruhe. Welche Bedeutung haben solche geschützten Räume für Menschen, die körperlich und seelisch unter der Hitze leiden?
Kirchen können in diesen Tagen weit mehr sein als Gottesdiensträume. Sie bieten Ruhe, Schatten und oft spürbare Abkühlung. Wer dort einen Moment verweilen kann, findet nicht nur körperliche Erleichterung, sondern oft auch einen Ort zum Durchatmen und Kraftschöpfen.
Die christliche Botschaft spricht immer wieder davon, Lasten gemeinsam zu tragen. Wie kann diese Haltung gerade an heißen Sommertagen ganz konkret gelebt werden?
Indem wir aufmerksam füreinander sind. Gemeinsam zu überlegen, was ältere und kranke Menschen jetzt brauchen, Netzwerke aufzubauen, regelmäßig nach ihnen zu sehen und Kontakt zu halten – all das ist gelebte Nächstenliebe. So können Notlagen früh erkannt und Ängste aufgefangen werden.
Wo erleben Sie in Ihrer Arbeit trotz aller Belastungen kleine Hoffnungszeichen, die Ihnen selbst Mut machen?
Mich beeindruckt immer wieder der liebevolle und achtsame Umgang der Pflegekräfte mit den Bewohnerinnen und Bewohnern. Gerade an besonders heißen Tagen leisten sie Außergewöhnliches. Dieses Mehr an Fürsorge macht Mut und zeigt, wie viel Menschlichkeit im Alltag gelebt wird.
Wenn Sie die „frohe Botschaft“ dieser heißen Sommertage in einem Satz formulieren müssten – wie würde sie lauten?
Die Pfingstsequenz beschreibt den Heiligen Geist mit den Worten: „In Unrast schenkst du Ruh, hauchst in Hitze Kühlung zu.“ Diese Zusage wird dort erfahrbar, wo Menschen füreinander da sind und einander Schutz, Nähe und Hoffnung schenken.
Frau Ochs, herzlichen Dank für das Interview!