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Interview mit Andreas Schmitt über Fastnacht, Haltung und Hoffnung:„Narrenfreiheit ist kein Klamauk“

Die Reihe „Die Frohe Botschaft“ sucht Hoffnung nicht nur in stillen Momenten, sondern auch dort, wo es laut wird – in Debatten, in klaren Worten, im öffentlichen Widerspruch. In Mainz gehört dazu die Fastnacht. Andreas Schmitt, vielen bekannt als der „Obermessdiener“ in „Mainz bleibt Mainz“, steht wie kaum ein anderer für eine Fastnacht, die Haltung zeigt. Zwischen Satire und gesellschaftlicher Kritik sieht er eine klare Aufgabe – und eine Botschaft, die aktueller kaum sein könnte: Freiheit, Respekt und gegenseitige Achtung.
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Datum:
13. Feb. 2026
Von:
Interview: Alexander Stein & Andreas Schmitt

Herr Schmitt, der „Obermessdiener“ hält der Gesellschaft und auch der Kirche regelmäßig den Spiegel vor. Was ist für Sie die tiefere Aufgabe der Mainzer Fastnacht – gerade in politisch angespannten Zeiten?

Die tiefere Aufgabe der Mainzer Fastnacht war und ist es, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten – politisch wie gesellschaftlich. Dieser kritische Anspruch gehört von Anfang an zu ihr und unterscheidet sie von bloßer Comedy, die keinen Bezug zur Realität hat. Fastnacht darf und muss Stellung beziehen.

Wo endet für Sie der Spaß – und wo beginnt die Verantwortung der Fastnacht?

Eine unbequeme Rede, die sachlich und kompetent den Finger in die Wunde legt, ist jederzeit legitim – sie muss sogar gehalten werden. Die Grenze ist dort erreicht, wo es persönlich beleidigend oder diffamierend wird. Das ist fehl am Platz und nicht zu entschuldigen.

Warum erreichen Wahrheiten in der Bütt oft mehr Menschen als nüchterne politische Reden?

Das liegt an der Präsentation. Das bunte, helle, strahlende Umfeld der Fastnacht erzeugt Aufmerksamkeit. Die Figur, das Auftreten, die Inszenierung – all das verstärkt die Aussage. Eine Rede in der Bütt erreicht Menschen oft stärker als ein nüchterner Vortrag am Rednerpult.

Der „Obermessdiener“ ist eine Kunstfigur mit kirchlichem Anklang. Was ermöglicht Ihnen diese Rolle?

Die Figur erzeugt Humor und wirkt als Sympathieträger. Ein verschmitzter Unterton kommt besser an als trockene Kritik. Die Fantasie-Uniform – bewusst ohne kirchliche Insignien – ist in Mainz inzwischen ein Markenzeichen. Sie erlaubt Zuspitzung, ohne verletzend zu sein.

Sie greifen auch kirchliche Themen kritisch auf. Welche Rolle sollte Kirche im öffentlichen Diskurs spielen?

Kirche muss mit der Zeit gehen – und manchmal tut sie sich damit schwer. Für mich gehört dazu, dass Frauen selbstverständlich Zugang zu allen kirchlichen Ämtern haben sollten, auch zu höchsten Leitungsfunktionen. Viele Frauen haben über Jahrhunderte kirchlich gedient. Gleichberechtigung ist überfällig – das ist eines meiner zentralen Themen.

Fastnacht gilt als Zeit der Narrenfreiheit. Ist diese Freiheit heute gefährdet?

Narrenfreiheit ist das höchste Gut der Fastnacht. Sie ist heute vielleicht nicht mehr so bedroht wie früher – aber Entwicklungen am politischen Rand zeigen, dass Wachsamkeit nötig bleibt. Wenn Redner verbal attackiert werden oder sogar juristisch eingeschüchtert werden sollen, ist das ein Warnsignal. Freiheit muss verteidigt werden.

Haben Sie erlebt, dass Fastnacht tatsächlich etwas bewegt?

Ja. 2020 habe ich mich klar gegen Rechtsextremismus und für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung positioniert. Das brachte viel Zuspruch – aber leider auch massive Anfeindungen und sogar einen Anschlag auf mich und meine Frau. Unser Auto wurde manipuliert, es wurde ermittelt wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr. Das Verfahren verlief im Sande. Diese Erfahrung zeigt, wie wichtig klare Haltung ist – und wie ernst Worte genommen werden.

Fastnacht endet mit dem Aschermittwoch. Welche Bedeutung hat dieser Übergang für Sie?

Der Aschermittwoch ist ein ebenso schöner Tag. Er bedeutet: wieder herunterkommen, durchatmen, im Alltag ankommen. Die Fastenzeit lädt ein zur Besinnung und zur Vorbereitung auf Ostern. Früher gab es in Mainz sogar die Tradition der „Fastnachtsbeichte“ – ein Zeichen dafür, wie eng Kirche und Fastnacht historisch verbunden sind.

Welche Hoffnung kann Fastnacht heute vermitteln?

Fastnacht kann Hoffnung schenken, indem sie Missstände benennt und zur Verbesserung anregt. Ihre Leitwerte sind klar: Freiheit, Gleichheit, Vielfalt, gegenseitiger Respekt. Man kann sich gegenseitig auf den Arm nehmen – aber man lässt einander nicht fallen.

Wenn Sie an die „Frohe Botschaft“ denken – was ist für Sie ihr Kern?
Die frohe Botschaft heißt für mich: Wir akzeptieren einander. Es gibt viele Wege zu Gott. Eine offene Kirche, die alle willkommen heißt – unabhängig von Geschlecht oder Lebensform –, ist mein Wunsch. Und vielleicht kann auch die Fastnacht dazu beitragen.

 

Alle Beiträge der Reihe „Die Frohe Botschaft“ finden Sie unter https://bistummainz.de/glaube/frohe-botschaft/

Themenvorschläge und Anregungen senden Sie gerne an: DieFroheBotschaft@bistum-mainz.de