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Interview mit Sirin Bernshausen über Digitales Fasten als Chance:Offline gehen, um wieder bei sich anzukommen

Jugendliche schauen auf ihr Smartphone
Datum:
5. März 2026
Von:
Alexander Stein | Sirin Bernshausen

Digitale Medien prägen unseren Alltag – und immer stärker auch den von Kindern und Jugendlichen. Während in Deutschland aktuell über ein mögliches Social-Media-Verbot bzw. Einschränkungen für junge Menschen diskutiert wird, lädt die Fastenzeit dazu ein, den eigenen Umgang mit digitalen Angeboten bewusst zu hinterfragen. Sirin Bernshausen, leitende Bildungsreferentin der Katholischen Erwachsenenbildung im Bistum Mainz, sieht im digitalen Fasten eine echte frohe Botschaft: Wer lernt, online Pausen einzulegen, gewinnt Zeit für Begegnung, Achtsamkeit und innere Stärke – Fähigkeiten, die gerade junge Menschen heute dringender brauchen denn je.

Frau Bernshausen, was bedeutet „digitales Fasten“ für Sie – und worin unterscheidet es sich von einem bloßen Verzicht auf Bildschirmzeit?

Für mich geht „digitalem Fasten“ über eine Reduzierung von Bildschirmzeit hinaus. Weniger Bildschirmzeit kann dabei ein wichtiger Baustein sein. Digitales Fasten ist jedoch weitaus umfassender. Am Anfang stehen der Vorsatz und die Auseinandersetzung damit, wovon ich eigentlich fasten möchte: Sind es bestimmte Apps – zum Beispiel für soziale Medien, oder Spiele – oder möchte ich die Zeit meiner Handynutzung reduzieren? Vielleicht gibt es bestimmte Zeiten, beispielsweise vor dem Schlafengehen, in denen ich stets zum Smartphone greife und genau das möchte ich in der Fastenzeit anders machen. Wichtig ist auch die Frage danach, was ich stattdessen mache – das Gestalten alternative Routinen kann entscheidend dafür sein, dass ich das Fasten auch durchhalte. „Digitales Fasten“ bedeutet zum einen ein ehrliches Hinspüren und Hinschauen und die Bewusstmachung von digitalen Gewohnheiten. Und natürlich geht es dann darum, auf einige dieser Gewohnheiten bewusst zu verzichten. Was genau ich dabei faste, ist letztendlich sehr individuell.

In der Fastenzeit geht es traditionell um Umkehr, Bewusstwerdung und neue Freiheit. Welche spirituelle oder persönliche Freiheit kann entstehen, wenn Menschen bewusst offline gehen?

Zum einen entsteht freie Zeit, die ich nicht am Smartphone verbringe. Die neu gewonnene zeitliche Freiheit gibt mir die Möglichkeit, Dinge zu tun, die mir wichtig sind. Idealerweise entscheide ich mich dabei bewusst für eine alternative Tätigkeit. Vielleicht gibt es ein Buch, das ich schon lange lesen wollte, vielleicht ist es ein Gespräch mit Freunden oder der Spaziergang durch den (Vor)Frühling. Vielleicht liegt die besondere Erfahrung aber auch darin, diese neu gewonnene Zeit nicht sofort mit Aktivität zu füllen. Sondern zu sein. Zu spüren. Zu beobachten. Und darin besteht die zweite Form der Freiheit, die eine innere Freiheit ist: die Freiheit, eigene Muster zu durchbrechen, innezuhalten und wahrzunehmen, bevor man automatisch handelt. Dies beschreibt auch die vielzitierte Aussage von Viktor Frankl über den Raum zwischen Reiz und Reaktion, aus dem heraus immense Freiheit entstehen kann.

Aktuell wird in Deutschland und in anderen Ländern über Einschränkungen oder Verbote von Social Media für Kinder und Jugendliche diskutiert. Was sagt diese Debatte über unseren Umgang mit digitalen Räumen – und wo sehen Sie Chancen statt nur Risiken?

Das ist eine sehr spannende und vielschichtige Frage. Mein Eindruck ist, dass wir als Individuen und als Gesellschaft noch dabei sind, einen „guten“ und „gesunden“ Umgang mit sozialen Medien zu definieren. Vermutlich wird man vieles erst mit zeitlichem Abstand bewerten können. Insgesamt zeigt die derzeitige Debatte die große Verunsicherung vieler Menschen, was nachhaltige Mediennutzung angeht. Ich persönlich denke, dass ein eingeschränkter Zugang zu sozialen Medien für Kinder und Jugendliche insgesamt eine Entlastung bedeuten würde – für die Betroffenen und auch für Lehrkräfte, Familien und alle, die bislang die Regeln für eine Mediennutzung permanent miteinander aushandeln mussten, was oft zu Konflikten führt. Viele Studien zeigen ja, dass Regeln, Strukturen und Reflexion für den Umgang mit (sozialen) Medien enorm wichtig sind. Ein eingeschränkterer Zugang zu bestimmten Medien kann dabei helfen, dass Kinder und Jugendliche schrittweise den guten Umgang mit den jeweiligen Medien üben, anstatt freien und ungefilterten Zugang zu allen Medien zu haben und mit den seelischen und verhaltensbedingten Folgen allein umgehen zu müssen.

Wie erleben Sie junge Menschen in Ihrer Arbeit: Sehnen sie sich nach digitalen Pausen – oder müssen sie erst wieder lernen, Stille und Nicht-Erreichbarkeit auszuhalten?

Sowohl als auch – und das gilt nicht nur für junge Menschen. In unserer beschleunigten Gesellschaft sind wir es gewohnt, ständig online und erreichbar zu sein und jederzeit auf das Smartphone zurückgreifen zu können. Das erzeugt bei vielen Menschen zumindest zeitweise auch ein Gefühl von Überforderung, Überreizung und den Wunsch, buchstäblich „abschalten“ zu können. Andererseits kann unser Nervensystem eine plötzliche und radikale Abweichung von dem gewohnten digitalen Konsumieren auch als Bedrohung wahrnehmen und gestresst und abwehrend reagieren. Daher ist ein realistischer Blick darauf, wieviel (und welches) digitale Fasten mir gut tut auch ein zentraler Aspekt eines jeden Fastenvorhabens.

Digitales Dauerrauschen kann Stress, Vergleichsdruck und Überforderung verstärken. Welche Rolle spielen Achtsamkeit und Resilienz dabei, einen gesunden Umgang mit Medien zu entwickeln?

Aus meiner Sicht sind Achtsamkeit und Resilienz wichtige Grundlagen für einen gesunden Umgang mit digitalen und insbesondere sozialen Medien. Achtsamkeit bedeutet, dass ich mir bewusst werde, wie ich mit Medien umgehe und was das mit mir macht. Ich beobachte und reflektiere meine Mediennutzung und nehme wahr, was mir guttut und was nicht. Das ist eine wichtige Basis, um mein Nutzungsverhalten gegebenenfalls verändern zu können. Resilienz beschriebt meine emotionale, seelische und körperliche Widerstandskraft. Resiliente Menschen können mit Krisen, Konflikten und Verletzungen umgehen ohne nachhaltig Schaden zu nehmen. Bezogen auf digitale Medien, ist Resilienz eine entscheidende Voraussetzung, um mit dem damit einhergehenden Stress, dem Wettbewerb, dem Vergleichen, dem Erfolgsdruck und vielem anderen möglichst souverän umgehen zu können. Je vulnerabler und unsicherer ich bin, desto mehr können digitale Medien mein Unzulänglichkeitsempfinden verstärken. Gerade für Jugendlich kann die Suche nach Beziehung und Anerkennung auf digitalen Plattformen zu einem Teufelskreis werden. Daher ist es so wichtig, zu bemerken, wie es mit beim Umgang mit digitalen Medien geht – und einen möglichst freundlichen und bestärkenden Umgang mit mir selbst einzuüben.

Viele Menschen greifen automatisch zum Smartphone, sobald ein Moment der Leere entsteht. Was kann passieren, wenn wir diese „Zwischenräume“ wieder bewusst wahrnehmen?

Eine ganze Menge könnte passieren. Wenn Menschen ohne Smartphones in Straßenbahnen und Wartezimmern sitzen würden, gäbe es vermutlich mehr Gespräche, häufiger Blickkontakte, und jede Menge Möglichkeiten, einander wahrzunehmen – von einem direkten Lächeln bis zum heimlichen Beobachten. Vermutlich müssten wir wieder üben Langeweile und Leere, eigene Irritationen und das Genervtsein von anderen ungefiltert auszuhalten. Wir würden aber auch neue Erfahrungen machen. Hätten mehr Chancen auf Begegnung und Resonanz. Vielleicht würden sich manche Menschen weniger einsam fühlen oder neue Hobbies ausprobieren.

Welche Impulse kann die Fastenzeit geben, um digitale Gewohnheiten nachhaltig zu verändern – über die 40 Tage hinaus?

Die Fastenzeit bietet die Möglichkeit, neue digitale Gewohnheiten auszuprobieren und positive Erfahrungen zu sammeln. Oft ist ja die erste Zeit des Verzichts am schwierigsten Eine positive Fastenerfahrung kann in jedem Fall ein wichtiger Impuls für einen langfristig veränderten Umgang mit digitalen Medien und Geräten sein. Wenn es einem mit den neuen Gewohnheiten gut geht und diese im Alltag praktikabel sind, kann man diese über die Fastenzeit hinaus fortsetzen. Oder man wiederholt das digitale Fasten in bestimmten Abständen. Das ist auch unter dem Begriff „digital detox“ gerade sehr beliebt.

Wo sehen Sie im digitalen Fasten eine „frohe Botschaft“ für unsere Zeit – gerade in einer Welt, die von Beschleunigung und ständiger Erreichbarkeit geprägt ist?

Die Fastenzeit bietet uns die Möglichkeit, gemeinsam mit vielen anderen Menschen und spirituell eingebettet in die christliche Fastenzeit zu fasten. Die Fastenzeit bietet die Gelegenheit, bewusst Handlungsmuster zu unterbrechen, von denen ich weiß, dass sie nicht nur gut für mich sind. Mit Gottes Hilfe kann ich aber jederzeit neu anfangen und Dinge anders machen. Veränderung ist möglich und befreiend. Beim digitalen Fasten kann ich bewusst einen Gegenakzent setzen zur alltäglichen Informationsflut, zu Beschleunigung und dem Gefühl, stets erreichbar sein zu müssen. Der Soziologe Hartmut Rosa, der auch den Beschleunigungsbegriff geprägt hat, beschreibt ein Leben in Resonanz als Gegenentwurf. Dabei ist Beziehung ein zentrales Element. Digitales Fasten setzt Ressourcen frei, die ich in Beziehungen investieren kann – zu Gott, zu mir selbst, zu anderen Menschen und meiner Umwelt.

Was würden Sie Familien, Gemeinden oder Bildungseinrichtungen raten, die digitale Achtsamkeit fördern möchten, ohne Technik grundsätzlich zu verteufeln?

Ich glaube, es gibt bei solchen Themen kein Patentrezept. Das bedeutet auch, dass jede Person und jede Organisation ihren eigenen Umgang finden muss und dass nicht immer gleich der erste Versuch funktioniert, sondern auf der Basis von ersten Erfahrungen nachjustiert werden muss. Grundsätzlich stehen ein umfassendes Informieren und sich Austauschen am Anfang – gefolgt von einer gemeinsam getroffenen Entscheidung für bestimmte Konzepte oder Tools, die stimmig erscheinen. Es gibt ja inzwischen spannende Beispiele für einen achtsamen Umgang mit digitalen Medien. Daran könnte man sich orientieren. Was die praktische Umsetzung angeht, so gilt auch hier: Veränderung funktioniert am besten, wenn sowohl Strategien zur Bewusstmachung und Reflexion des eigenen Umgangs zum Einsatz kommen als auch technische Lösungen, die einen Rahmen setzen und bestimmte „Versuchungen“ unterbinden. Wenn ich nur auf technische Lösungen setze, lernen Menschen nicht, aus eigener Kraft ihr eigenes Verhalten zu reflektieren und zu verändern. Setze ich allein auf Achtsamkeit und Selbstkontrolle, mache ich Menschen dafür verantwortlich aus sich selbst heraus einer Technik zu widerstehen, die dafür designt wurde um jeden Preis ihre Aufmerksamkeit fesseln.

Frau Bernshausen, herzlichen Dank für das Interview und Ihre Zeit!