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Begegnungen mit Zeitzeug*innen in Rheinhessen: Erinnern für die Zukunft

Die Zeitzeug*innen und Teamer*innen auf dem Jakobsberg in Ockenheim
Unter dem eindringlichen Titel „Fragt uns, wir sind die letzten…“ fand im Bistum Mainz eine besondere Begegnungswoche mit Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung statt. Vom 12. bis 18. April besuchten mehrere Zeitzeuginnen und Zeitzeugen die Region Rheinhessen, um Schülerinnen und Schülern ihre Lebensgeschichten zu erzählen und so einen direkten Zugang zur Geschichte des Nationalsozialismus zu ermöglichen. Untergebracht waren die Gäste in der Bildungsstätte Kloster Jakobsberg in Ockenheim.
Datum:
30. Apr. 2026
Von:
Stephanie Roth
Mieczysław Grochowski

Die Begegnungen standen im Zeichen der Erinnerung und der Verantwortung für die Gegenwart. Angesichts aktueller gesellschaftlicher Herausforderungen wollten die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen eindringlich vermitteln, welche Folgen es haben kann, wenn Demokratie und Rechtsstaat nicht geschützt werden.

Zu den Gästen gehörte der aus Pommern stammende Mieczysław Grochowski, der 1939 geboren wurde. Als Vierjähriger wurde er gemeinsam mit seiner Familie in das Internierungs- und Arbeitslager Lebrechtsdorf-Potulitz verschleppt. Dort erlebte er Hunger, Krankheit und ständige Angst. Sein Vater überlebte die Haft nicht. Nach dem Krieg schlug Grochowski einen eigenen Weg ein, wurde Musiker und spielte viele Jahre als Trompeter in einem Marineorchester. Seit 2001 berichtet er regelmäßig als Zeitzeuge im Bistum Mainz von seinen Erfahrungen.

Henriette Kretz

Auch Henriette Kretz, geboren 1934 in einer jüdischen Familie, war zu Gast. Ihre Kindheit wurde durch die Verfolgung der Nationalsozialisten zerstört. Nach der Besetzung Polens musste ihre Familie ins Ghetto umsiedeln und war dort Hunger, Gewalt und ständiger Lebensgefahr ausgesetzt. Mehrfach entging sie nur knapp der Deportation. Nachdem ihre Eltern von der Gestapo erschossen wurden, konnte sie fliehen und überlebte versteckt in einem Waisenhaus, das von Nonnen geführt wurde. Nach dem Krieg wurde sie Lehrerin und engagiert sich bis heute in der Erinnerungsarbeit.

Józefa Posch-Kotyrba

Józefa Posch-Kotyrba, geboren 1938 in Jaworzno, erlebte als Kind die gewaltsame Zerstörung ihrer Familie. Nach der Verhaftung durch die Gestapo wurden sie und ihre Geschwister von der Mutter getrennt und durch mehrere Lager verschleppt, darunter ebenfalls Lebrechtsdorf-Potulitz. Die Mutter wurde in Auschwitz ermordet, der Vater als Widerstandskämpfer erschossen. Nach dem Krieg wurde Posch-Kotyrba Lehrerin und engagiert sich bis heute für die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus.

Ein besonders außergewöhnliches Schicksal verkörpert Mikołaj Skłodowski, der 1945 im Konzentrationslager Ravensbrück geboren wurde. Seine Mutter war während des Warschauer Aufstands verhaftet und deportiert worden. Kurz vor Kriegsende wurde sie mit ihrem Neugeborenen im Rahmen einer Rettungsaktion nach Schweden gebracht. Später kehrte die Familie nach Polen zurück. Skłodowski wurde Geistlicher und engagiert sich heute im Verband ehemaliger Häftlinge.

dorota_wiesa_jacek

Eine weitere Stimme war Dorota Nowakowska, die als sogenannte Zweitzeugin die Geschichte ihres Vaters Jacek Zieliniewicz weiterträgt. Dieser wurde 1943 als Jugendlicher nach Auschwitz deportiert und später in das Konzentrationslager Dautmergen verschleppt. Er überlebte unter extremen Bedingungen und wurde 1945 auf einem Todesmarsch befreit. Erst Jahrzehnte später begann er, über seine Erlebnisse zu sprechen, insbesondere vor jungen Menschen. Nach seinem Tod im Jahr 2018 führt seine Tochter zusammen mit ihrer Schwester Wiesława Melwińska dieses Engagement fort und berichtet von seinem Leben und seiner Botschaft von Toleranz und Menschlichkeit.

Im Laufe der Woche fanden zahlreiche Gespräche mit Schulklassen aus der Region statt, an denen 840 Schülerinnen und Schüler und 35 Lehrkräfte teilnahmen. Die folgenden Schulen kamen zu den Gesprächen in das Tagungshaus: Sebastian-Münster-Gymnasium Ingelheim, Elisabeth-Langgässer-Gymnasium Alzey, Gymnasium am Römerkastell Alzey, BMS Ingelheim, Hildegardisschule Bingen, Paul-Schneider-Gymnasium Meisenheim, Maria-Ward-Schule Mainz,  IGS Europa Mainz und Rochusrealschule Bingen. Die Begegnungen ermöglichten den Schülerinnen und Schülern, Geschichte aus erster Hand zu erleben und Fragen direkt an die Zeitzeug*innen zu richten.

Ein besonderer Höhepunkt war eine öffentliche Abendveranstaltung am 15. April in Ingelheim. Dort berichtete Mieczysław Grochowski in der mit 250 Besuchern übervoll besetzten Aula der IGS Ingelheim ausführlich über seine Kindheit im Lager und die prägenden Erfahrungen seiner frühen Jahre. Die Zuhörer*innen zeigten sich beeindruckt von Grochowskis Offenheit, seiner Herzlichkeit und nicht zuletzt seinem Trompetespiel, mit dem er die Gäste begrüßte und verabschiedete.

Organisiert wurde das Projekt von der Geschäftsstelle Weltkirche/Gerechtigkeit und Frieden im Bistum Mainz in Kooperation mit dem Maximilian-Kolbe-Werk. Begleitet wurden die Zeitzeug*innen von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden. Gefördert wurde die Begegnungswoche von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft.

Parallel zu den Zeitzeugenbegegnungen arbeitet das Bistum Mainz seit 2025 an einem Programm zur Ausbildung von Zweitzeuginnen. Ziel ist es, die Lebensgeschichten der Überlebenden auch dann weiterzugeben, wenn diese selbst nicht mehr berichten können. Die Begegnungswoche machte deutlich, wie wichtig diese Form der Erinnerungsarbeit ist – gerade in einer Zeit, in der die Stimmen der letzten Zeitzeuginnen zunehmend verstummen.

Medienberichte

Aufzeichnung des Interviews für SWR Aktuell mit Mieczysław Grochowski

Der SWR brachte in der Sendung SWR Aktuell Rheinland-Pfalz am 15.4.2026 um 19:30 Uhr ein Interview mit Mieczysław Grochowski, das am Nachmittag im Kloster Jakobsberg aufgezeichnet worden war.

https://www.ardmediathek.de/video/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzIzMTQyMzY

Die allgemeine Zeitung brachte am 17.4.2026 einen einseitigen Artikel über die Zeitzeugengespräche von Journalist Fynn Schneider, der zusammen mit einem Fotografen die Gespräche am 16.4. begleitet hatte.

https://www.allgemeine-zeitung.de/lokales/rheinhessen/kz-ueberlebende-sprechen-mit-jugendlichen-im-bistum-mainz-5588621

Förderhinweis

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Der Besuch der Zeitzeugen in Ockenheim wird von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) gefördert.