„Nicht die geringste Erinnerung an diese Leute“ (ab 22.1.)

Zahlreiche Veranstaltungen zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus

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Di 22. Jan 2019
ath (MBN)

Mainz. Sie wurden nicht aus rassistischen, gesundheitlichen oder anderen „objektiven“ Gründen Opfer des deutschen NS-Regimes, sondern weil sie sich aufgrund eigener Entscheidungen zum Widerstand entschlossen hatten.

Die ökumenische Arbeitsgruppe „Gedenktag 27. Januar“ erinnert in ihrer aktuellen Ausstellung an jenen Teil des deutschen Widerstands, der sich innerhalb der politischen und/oder militärischen Elite bildete, um eine Beseitigung des Regimes herbeizuführen. Die Ausstellung mit dem Titel „Nicht die geringste Erinnerung an diese Leute“ wird am Dienstag, 22. Januar, ab 18.00 Uhr von Domdekan Prälat Heinz Heckwolf, Präses Dr. Ulrich Oelschläger und Landtagspräsident Hendrik Hering in der Mainzer Christuskirche eröffnet.

Die gewählte Formulierung stammt aus einer Rede, die Heinrich Himmler am 3. August 1944 in Posen vor den dort versammelten Gauleitern hielt, zwei Wochen nach dem Attentat vom 20. Juli. Über die noch in der Nacht Hingerichteten, Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Friedrich Olbricht, Albrecht Mertz von Quirnheim und Werner von Haeften sowie Ludwig Beck, sagte er: „Sie wurden so schnell beseitigt, dass die Herren mitsamt dem Ritterkreuz eingegraben wurden. Sie wurden dann am anderen Tage wieder ausgegraben, und es wurde noch einmal richtig festgestellt, wer es war. Ich habe dann den Befehl gegeben, dass die Leichen verbrannt und die Asche in die Felder gestreut wurde. Wir wollen von diesen Leuten, auch von denen, die jetzt hingerichtet werden, nicht die geringste Erinnerung in irgendeinem Grabe oder einer sonstigen Stätte haben.“

Die Mainzer Arbeitsgruppe will das Gegenteil. Sie will die Erinnerung an die Opfer wach halten. Sie richtet ihre Aufmerksamkeit – wie in den vergangenen Jahren – insbesondere auf Opfer, die sonst eher nicht im Fokus des öffentlichen Interesses stehen. Im Mittelpunkt der aus 16 Tafeln bestehenden Mainzer Schau steht daher nicht der deutsche Widerstand im Sinne einer komplexen Darstellung. „Es geht um den organisierten Widerstand, der spätestens mit dem Münchner Abkommen 1938 aus dem NS-System heraus mit dem Ziel entstanden war, es zu stürzen und die Errichtung eines anderen Deutschlands vorzubereiten“, erläutert Dr. Peter-Otto Ullrich von der ökumenischen Arbeitsgruppe.

Opposition gegen das Regime war in Deutschland – anders als in den besetzten Gebieten des Auslands – ein Widerstand ohne Volk, teilweise sogar gegen das Volk. Aussicht auf Erfolg hatte der Widerstand nur, wenn er von oppositionellen Eliten vorangetrieben wurde, betont Ullrich. „Man musste Teil des Systems sein, um es stürzen zu können.“ Gehorsam galt in Deutschland jedoch als eine Gott gefällige Tugend und Ruhe als erste Bürgerpflicht. „Gesetz ist Gesetz, und Befehl ist Befehl“ hieß das Leitbild und diente vielen Deutschen in der Bundesrepublik auch lange nach 1945 noch als Rechtfertigung ihrer willfährigen Unterordnung unter das NS-Regime und dafür, die Frauen und Männer im deutschen Widerstand als Verräter zu schmähen.

Sechs Tafeln der Schau sind unter der Überschrift „Lebensbilder“ beispielhaft sechs Frauen und Männern des Widerstands gewidmet. Die „Lebensbilder“ von Libertas Schulze-Boysen, Harald Poelchau, Annedore Leber, Max Josef Metzger, Hans Oster und Fritz Bauer veranschaulichen biografisch, „was es hieß, sich für einen derartigen Weg zu entscheiden und ihn bis zum Ende zu gehen“, erläutert Ullrich.

Eine von ihnen ist Libertas Schulze-Boysen, geboren am 20. November 1913 in Paris als Libertas Haas-Heye. Die Familie siedelt 1914 nach Liebenberg/Mark Brandenburg über. Hier wächst das Mädchen auf. Von 1926 bis 1932 besucht sie das Mädchen-Lyzeum in Zürich, verbringt anschließend neun Monate in Irland und England. 1933 kehrt sie nach Liebenberg zurück und tritt in die NSDAP ein. Sie arbeitet als Pressereferentin der Berliner Niederlassung der Filmgesellschaft Metro-Goldwyn-Mayer. Am 26. Juli 1936 heiratet sie  Harro Schulze-Boysen, der im Reichsluftfahrtministerium angestellt ist und zugleich viele Verbindungen zu Regimegegnern hat. 1937 tritt sie aus der NSDAP aus. 1939 arbeitet sie als Übersetzerin. 1941/42 ist sie Mitarbeiterin in der zum Reichspropagandaministerium gehörenden Kulturfilmzentrale. Im Juli 1942 wird sie Mitglied der Reichsfilmkammer. Ebenso wie ihr Mann nutzt sie ihre beruflichen Verbindungen, um den gemeinsamen Kreis von Regimegegnern zu erweitern.

Im Zuge ihrer Tätigkeit in der Reichsfilmkammer beginnt Libertas Schulze-Boysen nach Gesprächen mit Heimaturlaubern von der Ostfront mit der Dokumentation von Gewaltverbrechen unter der Zivilbevölkerung in den besetzten sowjetischen Gebieten. Teile des Materials finden Eingang in die Schrift „Offene Briefe an die Front, 8. Folge“ von 1942. Sie sollen an das Gewissen der dort operierenden Chefs der Sicherheitspolizei und ihrer Einsatztruppen appellieren. Die Dechiffrierung eines Funkspruchs des sowjetischen Nachrichtendienstes von Berlin nach Moskau durch die deutsche Abwehr im Spätsommer 1942 besiegelt das Schicksal des Ehepaars. Am 8. September 1942 wird Libertas Schulze-Boysen verhaftet und in Berlin inhaftiert. Am 19. Dezember 1942 wird sie wegen „Verrats“ und „Hochverrats“ zum Tode verurteilt. Libertas Schulze-Boysen wird am 22. Dezember 1942 um 20.30 Uhr im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee hingerichtet. Ihr Mann Harro Schulze-Boysen ist dort um 19.00 Uhr erhängt worden.

Der Erinnerung an die Opfer des NS-Regimes in der jungen Bundesrepublik und in der damaligen DDR widmet die Arbeitsgruppe jeweils eine Schautafel. Fritz Bauer, ab 1956 Generalstaatsanwalt beim Oberlandesgericht Frankfurt, wurde in der BRD lange Jahre angefeindet, weil er die Verbrechen des NS-Regimes als solche benannte und strafrechtlich verfolgte. Die Erinnerung war nicht willkommen. Die DDR hingegen betrachtete sich als „antifaschistischen Musterstaat“. Der kommunistische Widerstand wurde zur Grundlage des Staatsaufbaus deklariert. Eine differenzierte Aufarbeitung erfolgte nicht.

 

Hinweise:

 

  • Die Ausstellung ist von Mittwoch, 23., bis Mittwoch, 30. Januar, in der Christuskirche zu sehen, von Donnerstag, 31. Januar, bis Montag, 4. Februar, im Mainzer Dom, von Dienstag, 5., bis Montag, 11. Februar, in der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) Mainz und von Freitag, 8. März, bis Samstag, 6. April, im Jugendhaus Don Bosco. Ein ökumenischer Gottesdienst findet am Sonntag, 27. Januar, um 19.00 Uhr in der Kirche der Evangelischen Studierendengemeinde, Am Gonsenheimer Spieß 1, statt.
  • Professor Dr. Michael Kißener vom Institut für Zeitgeschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz spricht am Dienstag, 29. Januar, um 19.00 Uhr in der KHG Mainz, Saarstraße 20, über „Widerstand im Dritten Reich – Einsamkeit des Verschwörers in totalitären Systemen“.

 

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