Zum Inhalt springen

Reden oder Klare Kante?

Demo gegen Rechtsextremismus
Schock nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt: Rund 44 Prozent der dortigen Wähler haben für die AfD gestimmt. Aber Rechtspopulisten und -extremisten gibt es auch bei uns in der Region. Wie gehen Katholiken damit um? Verschiedene Perspektiven.
Datum:
29. Sept. 2026
Von:
Von Theresa Breinlich und Anja Weiffen | Kirchenzeitung Glaube und Leben

Worms

Die rechtsextreme „Kameradschaft Rheinhessen“ hatte sich im August zu einem ihrer Aufmärsche angekündigt. Die rund 30 Mitglieder wollten durch die Wormser Straßen ziehen und dem NS-Kriegsverbrecher Rudolf Heß huldigen, zu dessen Todestag. Den Reichsflaggen-Schwenkern in Neonazi-Dress stellten sich rund 200 Gegendemonstranten entgegen.

Unter ihnen waren auch 15 junge Leute aus dem Umfeld der katholischen Jugendarbeit in Rheinhessen. Sebastian Besier, Leiter des Katholischen Jugendbüros Rheinhessen im Bistum Mainz, ist einer von ihnen. Er engagiert sich seit vielen Jahren gegen solche Nazi-Aufmärsche. Wenige Tage nach der Veranstaltung in Worms sagte er am Telefon: „Gut, dass wir da waren. Wir haben ein klares Zeichen gesetzt, dass wir es unerträglich finden, wenn solche Kräfte ihre Symbole auffahren.“ Klare Kante zu zeigen – für ihn unerlässlich.

Lautstarker Widerspruch legitim

„Ich halte es nicht für richtig, dass Menschen mit derartigem Gedankengut ihre Botschaften verbreiten“, betont Besier. Kritik, dass Gegendemos Rechts-extremen viel zu viel Aufmerksamkeit bescherten, hält er für falsch: „Was wäre, wenn wir nicht widersprächen? Dann würde ihre Bühne wohl noch größer werden.“ Als politischer Mensch sei es ihm wichtig, sich zu engagieren. „Zudem habe ich als Hauptamtlicher in der katholischen Jugendarbeit eine Verantwortung jungen Menschen gegenüber und eine Vorbildfunktion, dass ich mich menschenverachtenden Ideologien widersetze.“ Wenn Neonazis ihre Symbole in der Öffentlichkeit zeigen, sei lautstarker Widerspruch legitim, ist der Kirchenmitarbeiter überzeugt.

Tilman (27) aus dem Landkreis Alzey-Worms sieht das genauso. Auch er hat zusammen mit Sebastian Besier an der Demonstration gegen den Aufmarsch der „Kameradschaft Rheinhessen“ teilgenommen. Tilman ist ehrenamtlich im BDKJ und in der Katholischen Landjugendbewegung (KLJB) aktiv. „Ich bin schon früh mit solchen Themen konfrontiert worden, denn Mitglieder meiner Familie engagieren sich in der Kommunalpolitik.“ Seinen vollen Namen möchte er aus Sicherheitsgründen nicht nennen.

„Mir ist es wichtig, die Demokratie zu schützen und ihre Strukturen zu verteidigen“, betont er und ergänzt, dass auch in den katholischen Jugendverbänden Demokratie gelebt wird. „Dort können Menschen ihre politischen Meinungen vertreten.“ Und das auf einem christlichen Fundament: So basiert die Präambel der Satzung des BDKJ auf dem Evangelium, auf christlichen Werten. Sie stehe gegen Diskriminierung und für Weltoffenheit, erläutert der 27-Jährige.

Verantwortung der Stadt gegenüber

Tilman und Sebastian Besier finden: Eigentlich hätte der Aufmarsch der rechtsextremen Kameradschaft in Worms verboten werden müssen. „Es gibt auch eine Verantwortung Worms gegenüber seinem jüdischen Erbe“, sagt Tilman. Rechtsextreme, die deutschlandweit anreisten, missbrauchten diesen Ort für ihre Zwecke.

Alzey

Neonazis nutzen bestimmte Orte und spezielle Jahrestage, um ihre Hassparolen zu verbreiten. „Ob das die Wiedervereinigung am 3. Oktober, die Reichsgründung von 1871 im Januar oder Hitlers Geburtstag ist“, erläutert Guntram König, Regionalreferent Rheinhessen im Bistum Mainz. Er macht mit beim Bündnis „Alzey zeigt Gesicht“, das seit 2023 existiert und gegen die regelmäßigen Nazi-Kundgebungen in der Stadt protestiert.

König erzählt, dass das Bündnis sein Konzept geändert hat. „Wir versuchen nun, eigene Akzente zu setzen.“ Dafür will man andere Daten im Jahr betonen und eigene inhaltliche Akzente setzen. Als Beispiel nennt er den 20. Juli, den Tag des Attentats auf Adolf Hitler. „Da haben wir zum Beispiel Widerstandskämpfer aus der Region vorgestellt“, sagt er. Wie etwa Ludwig Schwamb aus Undenheim von der Widerstandsgruppe „Kreisauer Kreis“. König: „Wir wollen nicht mehr nur gegen etwas sein, sondern für etwas stehen.“ Bewusst habe sich „Alzey zeigt Gesicht“ den Zusatz „für Demokratie und Vielfalt“ gegeben, berichtet der Kirchenmitarbeiter. „Wir wollen uns nicht von rechtsextremen Kameradschaften oder von der AfD durch deren Veranstaltungen treiben lassen.“ Das Alzeyer Bündnis ordnet die AfD als rechtsextrem ein.

Partei will Räume besetzen

König kennt zwar selbst kaum Menschen mit rechtsextremen Ansichten oder solche, die der AfD zugeneigt sind. Doch die AfD habe auch hier in der Region ihre Wählerschaft. Ihr gehe es darum, Räume zu besetzen. Das bestätigt die „Dorfkneipen-Strategie“ der rheinland-pfälzischen AfD, die an die Öffentlichkeit gelangte: Bis 2029 will sie im ländlichen Raum in ehemaligen Gaststätten oder Weingütern „patriotische Treffpunkte“ aufbauen. König berichtet von Konflikten etwa in Biebelnheim oder in Gauersheim zwischen Bürgern und der AfD. In Gauersheim richtete die Partei 2025 in einer ehemaligen Gaststätte den „Treffpunkt Nordpfalz“ als regionale Anlaufstelle ein. „Unser Bündnis hat die AfD-Gegner in beiden Orten unterstützt. Wenn wir der AfD keinen Widerstand entgegensetzen, breitet sich die Partei hier aus. Vielen mag das egal sein, aber irgendwann ist es zu spät.“ Beide Treffpunkte existieren weiterhin.

Frankfurt

In Frankfurt ist Daniela Kalscheuer noch immer überzeugt von der Gesprächsreihe „Jenseits der Political Correctness“, die sie vor zwei Jahren im Haus am Dom durchführte. „Auch wenn es anstrengend war, hat es viel Spaß gemacht“, sagt die Studienleiterin. Sie wollte Menschen mit unterschiedlichen Meinungen zu einer Diskussion einladen, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Dabei war es ihr wichtig, Menschen mit eher rechtspopulistischen Ansichten nicht auszuschließen. Ein Anliegen, das auch auf Unverständnis stieß, etwa in überregionalen Medien.

Die Themenabende hatten für ein katholisches Bildungshaus eher ungewöhnliche Titel, wie „Wohlstandsverlust – Deutschlands Abstieg“, „Von Nazikeulen und Cancel Culture“ oder „Migration – der große Austausch?“. „Wir haben bewusst Triggerwörter gewählt, die Menschen mit einer bestimmten Haltung ansprechen, denn ich wollte ja auch, dass sie kommen“, erklärt Kalscheuer.

Die 20 Plätze waren jeweils schnell ausgebucht. Ein Drittel der Teilnehmenden bezeichnet sie als eher rechtskonservativ, ein Drittel als strikte Gegner rechtspopulistischen Gedankenguts und ein Drittel als unentschieden. Ein Moderator leitete das Gespräch, ein anderer sorgte für die Gegenrede. Zu jedem Thema war auch ein Experte anwesend, etwa ein Imam oder ein Schulsozialarbeiter, die stets aufgerufen werden durften. „Wir wollten am Ende immer eine Perspektive aufzeigen und einen Konsens finden. Das hat erstaunlich gut funktioniert“, sagt Kalscheuer. So stimmten am Ende der Veranstaltung „Gehört der Islam zu Deutschland“ nahezu alle der Aussage zu, dass der Islam selbstverständlich zu Deutschland gehört und es noch viel Unkenntnis zu der Religion gibt.

„Viele Menschen sind verunsichert. Im direkten Kontakt mit anderen Menschen haben sie ihre Positionen überdacht. Die meisten möchten niemanden verletzen. Nur die wenigsten wollten agitieren“, sagt Kalscheuer. Wenn Grenzen überschritten wurden, haben die Moderatoren gleich widersprochen, unaufgeregt und höflich. Zum Beispiel: „Wie meinen Sie das? Man kann Menschen, die auf der Flucht sind, doch keine kriegerische Absicht unterstellen.“ „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass der Widerspruch am besten gelingt, wenn wir persönliche Geschichten erzählen und fragen: Warum trifft es dich? Wovor hast du Angst? Ängste sind irrational, daher reichen Fakten nicht“, sagt sie.

Kalscheuer wünscht sich, dass es in Kirchengemeinden häufiger solche kontroversen Diskussionen gibt. „Ich sehe die Kirchen in der Pflicht, solche Räume für offene Diskussionen anzubieten. Sie haben die Strukturen, Menschen zusammenzubringen, und Christen die Fähigkeit, Spannungen auszuhalten.“ Darüber hinaus hat die Kirche eine weitere Kompetenz, die sie verunsicherten Menschen anbieten kann: Hoffnung. „Gegen Angst hilft eine Utopie. Bei uns Christen hat eine Utopie seit 2000 Jahren überlebt – die Hoffnung auf das Reich Gottes“, sagt Kalscheuer.