Ausstellung „Deutsch machen“ (ab 22.1.)

Veranstaltungen der Ökumenischen Arbeitsgruppe zum Gedenktag 27. Januar

Termin: Mittwoch, 22.01.20 - 18:00

Mainz. Alodia Witaszek, 1938 in Polen geboren, war fünf Jahre alt, als ihr Vater von deutschen Besatzern hingerichtet und die Mutter in ein KZ gebracht wurde. Die blonde und blauäugige Alodia wurde als „rassenützlich“ angesehen und in ein „Lebensborn“-Heim gegeben. Sie war eines der Kinder, die von deutschen Nationalsozialisten in den besetzten Gebieten geraubt wurden.

Um die Schicksale dieser Kinder geht es in der Ausstellung „Deutsch machen“ der Ökumenischen Arbeitsgruppe Gedenktag 27. Januar. Die inzwischen 81-jährige Alodia Witaszek wird an der Eröffnung der Schau am Mittwoch, 22. Januar, um 18.00 Uhr in der Mainzer Christuskirche teilnehmen.

„Wo Sie ein gutes Blut finden, haben Sie es für Deutschland zu gewinnen, oder Sie haben dafür zu sorgen, dass es nicht mehr existiert. Auf keinen Fall darf es auf der Seite unserer Gegner leben.“ Das erklärte Heinrich Himmler, „Reichsführer SS“, im September 1942 vor höheren SS-Offizieren. Worum es dabei ging? „Um Kindesraub“, betont Peter-Otto Ullrich von der Ökumenischen Arbeitsgruppe Gedenktag 27. Januar. Himmler hatte schon vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs die Auffassung geäußert, dass „auch in der slawischen Rasse nordische Blutträger“ vorhanden seien. Und diese Kinder sollten geraubt werden. Die Ausstellung „Deutsch machen: Kinderraub der Nazis in besetzten Gebieten“ zeigt die ideologischen Motive der Täter auf und schildert die Schicksale der Kinder und ihrer Mütter. Die Schwerpunkte der Schau liegen auf Polen und Norwegen.

Zunächst wird beispielhaft die Geschichte von Alodia Witaszek erzählt. Sie wird am 3. Januar 1938 in Poznan (Posen) als drittes Kind von Halina und Franciszek Witaszek geboren. Es folgen ihre zwei Jahre jüngere Schwester Daria und ihr 1942 geborener Bruder Krysztof. Im April 1942 wird der Vater wegen aktiven Widerstandes verhaftet, die Mutter wird im „Fort VII“ interniert. Am 8. Januar 1943 wird der Vater hingerichtet, die Tat aber wird geheim gehalten. Ab Mitte Januar 1943 werden Alodia und ihre jüngere Schwester Daria in die Obhut von Großonkel Antoni und dessen Ehefrau Mala in Posen gegeben. Im Februar 1943 werden die beiden Mädchen einer „Gesundheitsprüfung“ in der Gestapo-Dienststelle unterzogen. Am 25. März 1943 wird die Mutter im Frauenlager des KZ Auschwitz-Birkenau registriert.

Am 9. September 1943 werden die beiden Schwestern gewaltsam von Onkel und Tante getrennt und mit positiver „Eindeutschungsperspektive“ in das „Jugendverwahrlager Litzmannstadt“ transportiert. Im November 1943 werden sie in das „Lebensborn“-Heim in Bad Polzin überstellt. Hier erfolgt der zwangsweise durchgeführte „Identitätswechsel“. Aus Alodia Witaszek wird das vermeintliche „Waisenkind“ Alice Wittke. Es wird dem kinderlosen Ehepaar Luise und Wilhelm Dahl aus Stendal als „Geschenk des Führers“ zugewiesen. Ihre Schwester Daria wird als Dora Wittke einem Ehepaar in Wien zur Adoption gegeben.

Am 16. Mai 1945 kehrt die Mutter Halina aus der KZ-Haft in Ravensbrück zurück und sucht vergeblich nach ihren Töchtern Alodia und Daria. Erst am 1. Oktober 1947 erhält sie die Nachricht vom Beauftragten der polnischen Regierung für die Rückführung der geraubten Kinder über den Verbleib von Alodia und Daria. Am 7. November 1947 kehrt Alodia Witaszek zurück zu ihrer Mutter nach Polen. Es beginnt der lange schmerzhafte Prozess der „Repatriierung“ in Polen. Es ist die Rückkehr in eine fast vergessene Familie. Alodia bleibt in Kontakt mit ihrer Adoptivmutter, mit der sie sich sehr gut verstanden hat. Auch zwischen beiden Müttern besteht ein lebenslanges gutes Verhältnis.

Vor zehn Jahren kam Alodia Witaszek-Napierala erstmals auf Einladung des Maximilian Kolbe-Werks als Zeitzeugin ins Bistum Mainz. Seither erzählt sie hier, in Köln, Freiburg und Sachsen ihre Geschichte, „die sie noch immer sehr belastet“, berichtet Peter-Otto Ullrich. „Aber Alodia sieht ihre Lebensaufgabe darin, an die geraubten Kinder und deren Schicksale zu erinnern.“ Allein aus Polen wurden mindestens 20.000 Kinder ins Reichsgebiet verschleppt. Peter-Otto Ullrich: „Der Raub der Kinder war ein Raub der Identität.“

Völlig anders war die Situation in Norwegen. Die Methoden, sich der Kinder von  „rassereinen“ Norwegerinnen und deutschen Besatzungssoldaten zu bemächtigen, unterschieden sich erheblich von den im Osten praktizierten Rauben. Insgesamt verlief die Besatzungszeit recht friedlich. Viele deutsche Soldaten verliebten sich in junge Norwegerinnen. Die Zahl der Kinder aus diesen Verbindungen wird auf 12.000 geschätzt. Als nichtehelich Geborene hatten die Kinder die gleiche Staatsbürgerschaft wie ihre Mütter. Die Deutschen behielten sich allerdings das Recht vor, alle Wehrmachtskinder, die sie „haben wollten“ aufgrund ihres „deutschen Blutes“ als „Deutsche“ zu reklamieren.

Nach dem Krieg wurden die norwegischen Mütter und ihre von deutschen Soldaten gezeugten Kinder in ihrer Heimat jahrzehntelang stigmatisiert. Ihr Schicksal war lange ein Tabu in der norwegischen Gesellschaft. Erst 1986 kam es zur Gründung der „Norsk krigsbarns forening“ (Vereinigung norwegischer Kriegskinder). Im gleichen Jahr wurde das norwegische Adoptionsrecht dahingehend novelliert, dass jeder Bürger nun das Recht hat zu erfahren, wer seine leiblichen Eltern sind. Im März 2005 wurden individuelle Entschädigungen beschlossen, die bis zu 200.000 Kronen für jedes Kriegskind vorsah, dem Leid zugefügt worden war.

Auch auf die Schicksale der „nichteindeutschungsfähigen“ Kinder geht die Ausstellung ein. Ein polnischer Zeitzeuge wird zitiert mit den Worten: „Die polnischen christlichen Kinder konnten getötet werden. Die Sinti- und Roma- und jüdischen Kinder mussten getötet werden. Das war der Unterschied.“ Ein Fazit am Ende der Ausstellung lautet: „Der Kindermord legt in aller Schärfe den Ausnahmecharakter der Ermordung der Juden Europas bloß, weil er gewissermaßen die Quintessenz dessen ist, was wir ‚Holocaust’ nennen. Niemals zuvor hatte in unserem Kulturkreis jemand sämtliche Kinder eines Volkes ermorden lassen wollen.“

Ausstellungseröffnung am 22. Januar mit Weihbischof Bentz

Die Ausstellung wird am Mittwoch, 22. Januar, ab 18.00 Uhr in der Christuskirche durch Weihbischof Dr. Udo Markus Bentz, Präses Dr. Ulrich Oelschläger und Landtagspräsident Hendrik Hering eröffnet. Alodia Witaszek-Napierala ist anschließend drei Tage lang in Mainz, um im „Haus des Erinnerns“ Gespräche mit Schulklassen zu führen. Eine Lesung mit Konzert zu Ehren von Alodia Witaszek findet am Donnerstag, 23. Januar, ab 19.00 Uhr in der Synagoge in Mainz-Weisenau statt. Ein ökumenischer Gottesdienst findet am Sonntag, 26. Januar, ab 19.00 Uhr in der ESG-Kirche statt.

Weitere Stationen der Ausstellung: Mainzer Dom vom Mittwoch, 29. Januar, bis Montag, 3. Februar; Evangelische Studierenden Gemeinde (ESG), Am Gonsenheimer Spieß, Dienstag, 4., bis Sonntag, 9. Februar; Ketteler-Kolleg, Rektor-Plum-Weg 10, von Donnerstag, 27. Februar, bis Montag, 16. März; Jugendhaus Don Bosco, Am Fort Gonsenheim 54, vom Dienstag, 17. März, bis Donnerstag, 9. April.