Zum Inhalt springen

Interview mit Emilia Adamska, Leiterin der Tagespflege der Cariats Mainz:„Wir sind wie eine große Familie“

Zum Tag der Pflege am 12. Mai spricht Emilia Adamska, Leiterin der Caritas-Tagespflege „Vergissmeinnicht“ in Bodenheim, über Nähe, Vertrauen und kleine Momente, die Menschen wieder aufblühen lassen. In der Reihe „Die frohe Botschaft“ erzählt sie, warum Pflege weit mehr ist als Versorgung – und weshalb Gemeinschaft oft die beste Medizin ist.
Slider zur Tagespflege der Caritas
Datum:
12. Mai 2026
Von:
Alexander Stein | Eva Reuter

Frau Adamska, viele Menschen verbinden Pflege zunächst mit Unterstützung und Versorgung. Was bedeutet Tagespflege für Sie persönlich – und was macht sie für die Menschen oft so wertvoll?

Für mich bedeutet Tagespflege viel mehr als reine Pflege. Natürlich unterstützen wir Menschen im Alltag, aber vor allem geht es darum, dass sich unsere Gäste gesehen und angenommen fühlen. Viele werden bei uns auch seelisch gestärkt. Es geht um Dasein, Zuhören und Unterstützung – sowohl für die Gäste als auch für ihre Angehörigen.
Ich selbst lerne jeden Tag sehr viel von den Menschen, die zu uns kommen. Diese Arbeit erfüllt mich als Mensch und macht mich glücklich.

Gerade ältere Menschen leiden häufig unter Einsamkeit oder fehlender Tagesstruktur. Welche Veränderungen erleben Sie bei Gästen, wenn sie regelmäßig in die Tagespflege kommen?

Am Anfang erleben wir oft Distanz, Unsicherheit oder auch Angst. Viele Menschen wissen nicht, was sie erwartet. Doch schon nach kurzer Zeit entstehen Vertrauen, Freude und Dankbarkeit.
Dabei spielt unser kleines Team eine große Rolle. Durch die enge Begleitung und feste Bezugspersonen entsteht Nähe. Viele Gäste blühen mit der Zeit richtig auf.

Der Tag der Pflege macht jedes Jahr auf die Bedeutung von Pflegeberufen aufmerksam. Was wünschen Sie sich, dass Menschen stärker über Pflege und insbesondere über Tagespflege verstehen?

Ich wünsche mir mehr Anerkennung und Wertschätzung für Pflegeberufe in unserer Gesellschaft. Tagespflege bedeutet nicht nur Betreuung – wir begleiten Menschen, geben Struktur, Gemeinschaft und Lebensfreude. Das wird oft unterschätzt.

Welche Rolle spielen Gemeinschaft, Gespräche und gemeinsame Rituale im Alltag Ihrer Einrichtung?

Gemeinschaft ist für uns sehr wichtig. Gespräche, gemeinsames Essen oder kleine Rituale schenken vielen Menschen Halt. Oft erzählen Gäste ihre Lebensgeschichten und erleben dabei: Jemand hört mir wirklich zu.
Dieses Gefühl von Aufmerksamkeit und Begegnung auf Augenhöhe ist manchmal die beste Medizin.

Gibt es Begegnungen oder kleine Momente aus Ihrem Alltag, die Ihnen besonders zeigen, wie wichtig menschliche Nähe und Aufmerksamkeit sind?

Vor Kurzem hatten wir eine schöne Situation mit einer Dame aus Berlin, die starke Wortfindungsstörungen hat. An Fastnacht bekam sie einen Kreppel angeboten, und jemand sagte scherzhaft: „Hier sind Ihre Berliner.“
Da antwortete sie plötzlich ganz trocken: „Berliner? Icke? Das heißt Pfannkuchen!“
Solche Momente sind für uns etwas Besonderes. Sie zeigen, dass Menschen durch Nähe, Humor und Gemeinschaft wieder erreichbar werden.

Emilia Adamska

Viele Angehörige stehen unter großem Druck zwischen Beruf, Familie und Sorge um ältere Menschen. Wie erleben Sie die Entlastung, die Tagespflege auch Familien schenken kann?

Viele Angehörige sind anfangs skeptisch oder haben ein schlechtes Gewissen. Doch mit der Zeit entsteht oft großes Vertrauen und eine enge Verbundenheit.
Die Zusammenarbeit mit Angehörigen ist sehr wichtig für uns. Viele sagen irgendwann: „Es fühlt sich an wie eine große Familie.“

Pflege ist oft körperlich und emotional fordernd. Was gibt Ihnen und Ihrem Team Kraft und Motivation für diese Arbeit?

Als Teamleitung ist es mir wichtig, dass wir uns gegenseitig unterstützen und stärken. Durch regelmäßige Gespräche versuchen wir, Probleme gemeinsam zu lösen.
Ich sage oft: „Entweder wir finden einen Weg oder wir machen einen.“
Ich bin sehr stolz auf mein kleines Team.

Wo entdecken Sie in Ihrer täglichen Arbeit Spuren der „frohen Botschaft“ – also Momente von Hoffnung, Würde oder neuem Aufblühen?

Bodenheim ist ein kleiner Ort. Viele Menschen kennen inzwischen unsere Tagespflege „Vergissmeinnicht“. Wenn wir im Ort unterwegs sind, werden wir begrüßt.
Und wenn ehemalige Gäste sterben, erleben wir viel Mitgefühl und Anteilnahme. Das geschieht immer mit großem Respekt und Dankbarkeit. Für mich sind das Zeichen von echter Menschlichkeit und Verbundenheit.

Viele Menschen haben Berührungsängste mit Pflegeeinrichtungen. Was würden Sie jemandem sagen, der unsicher ist, ob Tagespflege „das Richtige“ für einen Angehörigen ist?

Wir bieten Schnuppertage an, damit Menschen uns ganz in Ruhe kennenlernen können. Außerdem hilft oft der Austausch mit anderen Angehörigen oder ein Blick auf unsere Arbeit in den sozialen Medien.
Am wichtigsten ist aber der persönliche Eindruck. Viele merken schnell, wie viel Wärme und Gemeinschaft hier entstehen.

Wenn Sie die „frohe Botschaft“ Ihrer Arbeit in einem Satz zusammenfassen müssten: Welche Botschaft möchten Sie Menschen mitgeben?

„Du magst vielleicht denjenigen vergessen, mit dem du gelacht hast – aber nicht denjenigen, mit dem du geweint hast.“