Eine bewegende Woche mit Zeitzeugengesprächen im Kloster Höchst


Die vier Zeitzeuginnen könnten unterschiedlicher kaum sein – und doch verbindet sie das Schicksal der Verfolgung durch das NS-Regime. Henriette Kretz überlebte als Kind das Ghetto Sambor und verlor ihre Eltern, die vor ihren Augen erschossen wurden. Józefa Posch-Kotyrba wurde im Alter von fünf Jahren gemeinsam mit ihren Geschwistern von ihrer Mutter getrennt und in mehrere Lager verschleppt; ihre Mutter wurde in Auschwitz ermordet, ihr Vater als Widerstandskämpfer erschossen. Mikołaj Skłodowski kam im März 1945 im Konzentrationslager Ravensbrück zur Welt, nachdem seine schwangere Mutter dorthin deportiert worden war. Szymon Krupa verbrachte seine ersten Lebensjahre mit seiner Familie in sogenannten „Polenlagern“ und in der Zwangsarbeit. Ihre Biografien zeigen auf unterschiedliche Weise, welche Folgen nationalsozialistische Verfolgung für Kinder und Familien hatte.
Während der Woche kamen sechs Schulen aus der Region ins Tagungshaus. Den Auftakt bildete die Ernst-Göbel-Schule Höchst mit rund 150 Schülerinnen und Schülern des Jahrgangs 11. Es folgten Gespräche mit der Theodor-Frey-Schule Eberbach, der Theodor-Litt-Schule Michelstadt, der Georg-Ackermann-Schule Breuberg, der Peter-Behrens-Schule Darmstadt sowie dem Starkenburg-Gymnasium Heppenheim. Insgesamt erreichten die Zeitzeugengespräche mehrere hundert Jugendliche unterschiedlicher Schulformen.
Bei den intensiven Gesprächen hörten die Jugendlichen nicht nur historische Berichte, sondern begegneten Menschen, deren Kindheit und Jugend von Krieg, Verfolgung und Gewalt geprägt wurden. Viele nutzten die Gelegenheit, persönliche Fragen zu stellen – über Angst, Hoffnung, Versöhnung und darüber, welche Verantwortung heutige Generationen für Demokratie und Menschenrechte tragen. Gerade diese unmittelbare Begegnung macht die Zeitzeugengespräche seit vielen Jahren zu einem besonderen Baustein der historisch-politischen Bildungsarbeit im Bistum Mainz.
Auch außerhalb der Schulbesuche bot die Woche Raum für Begegnung. Ausflüge nach Seligenstadt und Erbach sowie die gemeinsamen Abende im Kloster stärkten den persönlichen Austausch zwischen den Zeitzeug*innen und dem Begleitteam.
Ein Höhepunkt der Woche war die öffentliche Abendveranstaltung am Mittwoch im Kloster Höchst, die gemeinsam mit dem Evangelischen Dekanat Odenwald, der katholischen Pfarrei Guter Hirte im Odenwaldkreis, der Gemeinde Höchst im Odenwald, Odenwald gegen Rechts, dem Deutschen Gewerkschaftsbund DGB, dem Deutschen Jugendherbergsverband DJH, dem pax christi Rhein-Main Regionalverband Limburg-Mainz und dem DGB Bildungswerk Hessen e.V. veranstaltet wurde. Józefa Posch-Kotyrba berichtete eindrucksvoll über ihre Verschleppung als Kind und den Verlust ihrer Eltern. Ihr bewegendes Zeugnis machte deutlich, weshalb Erinnern weit mehr ist als der Blick zurück: Es ist eine Mahnung, Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit gegen jede Form von Menschenfeindlichkeit zu verteidigen.
Begleitet wurden die Zeitzeug*innen während der gesamten Woche von Ehren- und Hauptamtlichen des Bistums Mainz sowie des Maximilian-Kolbe-Werkes. Sie sorgten dafür, dass die Begegnungen in einer vertrauensvollen Atmosphäre stattfinden konnten und unterstützten die Überlebenden bei den zahlreichen Gesprächen und Terminen.
Mit ihrer Offenheit und ihrem Engagement haben Henriette Kretz, Józefa Posch-Kotyrba, Mikołaj Skłodowski und Szymon Krupa einmal mehr dazu beigetragen, Geschichte lebendig werden zu lassen. Ihre Botschaft an die junge Generation war eindeutig: Demokratie, Freiheit und Menschenwürde sind nicht selbstverständlich. Sie müssen bewahrt und verteidigt werden – jeden Tag aufs Neue.