Kirchenmagazin Glaube und Leben Nummer 22 | 25. Okt. 2026:„Wir sind im Aufwind“

Es ist 11 Uhr. Mitten in der Woche. Im Weltladen St. Georg in Bensheim herrscht ein Kommen und Gehen. Draußen schlendern die Menschen durch die Gassen, genießen einen der letzten Spätsommertage. Good vibes – gute Stimmung im Weltladen, nicht nur wegen des Wetters: Ursula Götz und Ursula Hille sind begeistert von ihrem neuen Standort in der Hauptstraße 58. Im Juli sind sie mit dem Weltladen-Team dorthin gezogen. Götz und Hille gehören zur Leitung des Geschäfts, das von der katholischen Pfarrei Heilig Geist an der Bergstraße getragen wird. Erkennbar ist die Trägerschaft durch den Heiligen im Namen – eher eine Ausnahme bei Weltläden, die bundesweit unterschiedlich organisiert sind, ob als Verein oder Genossenschaft.
Die Eine-Weltladen-Initiative entsprang den evangelischen und katholischen Kirchengemeinden. In den 1970er Jahren gründeten sich erste Geschäfte. Ursula Hille berichtet von den Anfängen in Bensheim in den 1980er Jahren: „Mein Mann hat in der Pfarrei St. Georg die katholisch-öffentliche Bücherei geleitet. Ein Kaplan schlug vor: Ihr könnt doch sonntags während der Buchausleihe auch ein bisschen Honig, Kaffee und Körbe verkaufen.“ Auch Jugendliche haben mitgeholfen. Später gab es die städtische Bücherei. Die Ausleihe in der katholisch-öffentlichen Bücherei wurde weniger, der Verkauf mehr.
Gegründet wurde der Weltladen in der Gemeinde St. Georg 1992, erinnert sich Hille. Untergebracht war er im Keller des Schulhauses. Wegen Sanierung musste der Laden umziehen. Der Sprung ins Stadtzentrum 2019 brachte ihnen viele Ehrenamtliche für ihr Team – bis heute. Hille und Götz freuen sich über die gute Zusammenarbeit. Rund 20 bis 25 Personen arbeiten mit, alle ehrenamtlich, fast alles Frauen im Rentenalter. „Wir haben zwei 80-Jährige. Die Jüngste ist 59 “, sagen sie. „Jetzt haben wir durchgehend auf, an unserem neuen Platz seit Juli mitten in der Fußgängerzone. Damit sind wir sehr happy.“
Sehnsucht nach Gerechtigkeit
Die Idee des fairen Handels fußt auf dem Ziel, zu einer gerechten und nachhaltigen Weltwirtschaftsordnung beizutragen und die Lebenssituation von ökonomisch benachteiligten Handelspartnern zu verbessern. Der Weltladen-Dachverband, zu dem auch das Bensheimer Geschäft gehört, hat festgelegte Standards, die Lieferketten, Arbeitsbedingungen oder den Umweltschutz betreffen. „Das, was hinter den Produkten steht, wissen unsere Kunden zu schätzen“, sind sich Götz und Hille sicher. Auch ihre eigenen religiösen Überzeugungen drücken sich in ihrem Engagement aus. „Es ist diese Sehnsucht nach Gerechtigkeit weltweit. Frieden und Bewahrung der Schöpfung gehören für mich dazu“, sagt Ursula Hille und spricht damit auch ihrer Kollegin aus der Seele.
Inzwischen hat sich ihr Sortiment verändert: mehr Kunsthandwerk, weniger Lebensmittel. Fair gehandelter Kaffee oder Schokolade seien nun auch in Supermärkten zu haben. Hille und Götz haben gar nicht viel dagegen. „Das war das Ziel der Bewegung, dass fair gehandelte Produkte in der Breite ankommen und Weltläden irgendwann überflüssig werden. Das sind sie heute aber nicht“, sagt Hille. Auf die Frage, inwieweit sie den Rechtsruck in der Gesellschaft spüren, dass Menschen etwa nicht mehr so offen der Unterstützung des Globalen Südens gegenüberstehen, sagt Götz: „Bei uns in Bensheim bemerken wir das nicht.“ Bei der letzten Kommunalwahl sei auch keine AfD angetreten.
Auch durch eine andere Entwicklung, den Strukturprozess in der Kirche, sehen Hille und Götz kaum Änderungen. Der Weltladen sei in der Pfarrei verankert. Ursula Götz aus der Gemeinde St. Laurentius erzählt davon, dass sie vom Weltladen dort einmal im Monat nach einem Gottesdienst Kaffee ausschenken. Auch bei Pfarreifesten sind sie präsent. Das Bensheimer Geschäft läuft nicht nur organisatorisch gut, sondern auch wirtschaftlich in dem Sinn, dass es sich selbst trägt und einen kleinen Gewinn abwirft. Der Überschuss wird für kirchliche Projekte gespendet. Für Weltläden hat Ursula Götz folgenden Tipp: „Die Lage, das ist das A und O – und die Öffnungszeiten.“ Mit der Situation sind die Leiterinnen sehr zufrieden. „Wir sind im Aufwind.“
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