Das Lied vom Heile Gänsje

Do 20. Feb 2020
Stepanie Rieth,hr1 Sonntagsgedanken

Pastoralreferentin Stephanie Rieth in hr1 Sonntagsgedanken, meint:"Es wird offensichtlich, dass dieser kleine Vers eine ganz tiefe Sehnsucht der Menschen nach Heil und Unschuld berührt."

Heile, heile Gänsje

Es is bald widder gut

Es Kätzje hat e Schwänzje

Es is bald widder gut

Heile, heile Mausespeck

In hunnerd Jahr is alles weg.

Dieses Lied erinnert mich an meine frühesten Kindertage. Wenn ich hingefallen bin und mir das Knie aufgeschlagen habe oder wenn ich wegen meiner ständigen Ohrenentzündungen wieder einmal ins Krankenhaus musste, dann haben mich meine Eltern in den Arm genommen und das Lied vom Heile Gänsje gesungen. Dabei haben sie mir über den Kopf gestreichelt und mich beim Wort Mausespeck am Bauch gekitzelt. 
Die Erinnerungen an diesen Kinderreim mit der einfachen Melodie sind sehr tröstlich. Aber natürlich ist es ein sehr altes Lied mit einer Sprache, die ich heute so nicht mehr gebrauche. Ich habe den Vers für meine Kinder nur ganz selten noch gesungen. Ob sie sich später mal daran erinnern werden? Der Text gibt ja eigentlich nicht viel her. Ein paar Tierbilder werden aneinandergereiht, liebevoll verkleinert ist die Rede vom Gänschen, vom Kätzchen und vom Mausespeck. Und zwischendrin die Versicherung: Es ist bald wieder gut.

Wenn meine Eltern mir früher dieses Liedchen vorgesungen haben und mich dabei gestreichelt oder gekitzelt haben, dann hatte das vor allem eine Aufgabe: Es sollte mich ablenken. Ablenken vom Blick auf die Wunde, ablenken von meinem Schmerz und von meinem Kummer in dem Moment. Und es sollte mir sagen: Lass deinen Kummer nicht so groß werden, das ist es nicht wert! Es steckt darin auch die Botschaft: Dein Kummer geht vorbei, es wird wieder besser. Es bleibt nicht so schlimm.
Heile, heile Mausespeck, in hundert Jahr ist alles weg. Natürlich ist in hundert Jahren von dem aufgeschlagenen Knie nichts mehr zu sehen und auch mancher Kummer vergessen. Aber die Rede von den hundert Jahren ist natürlich auch nicht so wirklich ernst gemeint. Wer lebt denn schon hundert Jahre? Zumindest damals die wenigsten. Der Vers geht in leicht veränderten regionalen Varianten bis weit ins 19. Jahrhundert zurück. Aber immer geht es um die tröstende Zuwendung meist der Mütter zu den kleinen Kindern.
Was ich dann erst viel später entdeckt habe, als ich nach Mainz gezogen bin: Das Verschen hat hier noch eine ganz andere Geschichte, und die bekomme ich auch auf der rechtsrheinischen, auf der hessischen Seite von Mainz zu hören – Jahr für Jahr in der Fastnachtszeit.
Heile, heile Gänsje – das höre ich in diesen Tagen immer wieder im fastnachtlichen Mainz. Ernst Neger, einer der großen Mainzer Fastnachter, hat das Lied in den 50er Jahren auf die Bühnen der großen Fastnachtssitzungen gebracht und damit Jahr für Jahr die Menschen in den Sälen zu Tränen gerührt. Martin Mundo hat schon 1929 zu dem kleinen Vers drei Strophen gedichtet – Strophen, die etwas von der heiter-melancholischen Stimmung wiedergeben, die auch zur Mainzer Fassenacht gehört. Fastnacht ist hier auch eine Art Lebensbewältigung. Da heißt es in der ersten Strophe:

Bei all den kleinen Kinderlein

Gibt´s manchen großen Schmerz,

Hat´s Püppchen was am Fingerlein

Bricht Mutti fast das Herz;

Dann kommt die Mama schnell herbei.

Nimmt´s Kindchen auf den Schoß

und sagt bedauernd: Ei, ei, ei,

Was hat mein Kindchen bloß?

Bewegt sie es ans Herze zieht

Und singet ihm zum Trost das Lied.

 

Heile, heile Gänsje

Es is bald widder gut

Es Kätzje hat e Schwänzje

Es is bald widder gut

Heile, heile Mausespeck

In hunnerd Jahr is alles weg.

Wenn Ernst Neger das damals in den 50er Jahren im Fastnachtssaal gesungen hat, dann wurde es im Saal plötzlich ganz still und andächtig. Das Fastnachtspublikum in den 50ern hat dann bestimmt nicht nur an Kinderwunden gedacht, sondern auch an die großen Wunden, die der Krieg in ihrer Stadt geschlagen hat, auch in Mainz. Jetzt in diesen Wochen wird ja vielerorts an diese Wunden und Zerstörungen erinnert, 75 Jahren nach den großen Fliegerangriffen im Februar 1945.
Ernst Neger, der singende Dachdeckermeister aus Mainz, hatte auch noch andere und vor allem richtige Stimmungslieder im Programm, aber er durfte die Bühne nie verlassen, bevor er nicht das „Heile Gänsje“ gesungen hatte. Von einigen seiner Auftritte bei der Fernsehfastnacht „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“ gibt es Aufnahmen, die man sich heute auf youtube anschauen kann. Man sieht gerührte Menschen, die plötzlich ganz ernst und nachdenklich werden, und manche Träne, die schnell verstohlen mit einem Taschentuch weggewischt wird. Die Menschen wirken für einen Moment ganz nach innen gekehrt.
Mich hat besonders eine Aufnahme beeindruckt, die sich in einer kleinen Dokumentation wiederfindet. Es ist eine Aufnahme vom kriegszerstörten Mainz Ende der 40er/ Anfang der 50er Jahre – unterlegt vom „Heile Gänsje“. 1947 hat das mittlerweile populäre Lied noch eine vierte Strophe bekommen. Eine Strophe, die diese große Katastrophe, den Zweiten Weltkrieg und seine Zerstörung besingt:

Wär‘ ich einmal der Herrgott heut,

Dann wüsste ich nur eins:

Ich nähm in meine Arme weit

Mein arm´, zertrümmert Mainz

Und streichelte es sanft und lind

Und sagt: „Hab nur Geduld.

Ich bau dich wieder auf geschwind,

Du warst ja gar nicht schuld.

Ich mach´ Dich wieder wunderschön,

Du kannst, Du darfst nicht untergeh´n.

Mainz hat es im Krieg sehr schlimm erwischt: Furchtbare Zerstörungen, gerade in den letzten Wochen des Krieges. Am 27. Februar 1945 ein letzter großer Angriff, ein Feuersturm mit über 1200 Toten, der entsetzliches Elend über die Stadt gebracht hat. Nächste Woche sind es 75 Jahre her. Als diese vierte Strophe von „Heile Gänsje“ entstanden ist, haben unter den Trümmern der Stadt noch Tote gelegen. Nach fröhlich ausgelassener Fastnacht war den Menschen erst einmal lange Zeit nicht. Und doch war es den Mainzern ein Bedürfnis, sich wieder zusammen zu tun und schon bald nach dem Kriegsende die ersten Fastnachtskampagnen zu planen. Lebensbewältigung eben, gemeinsam den Schmerz und die Trauer teilen, aber auch die Freude und das sogar über den Rhein hinweg bis auf die andere Seite zu den drei Mainzer Stadtteilen, die von den Besatzungsmächten abgetrennt wurden. Nach dem Krieg brauchten die Menschen vor allem Trost, sie brauchten Halt, neue Perspektiven und dass jemand ihnen sagt: Es is bald widder gut.
Du warst ja gar nicht schuld, heißt es in der vierten Strophe. Aus heutiger Sicht stolpere ich schon sehr darüber, denn natürlich hat es auch in Mainz Nazis und Kriegstreiber gegeben, auch hier wurden Juden deportiert und Synagogen zerstört. Aber für die eigene Schuld war in der unmittelbaren Trauersituation kein Platz. Vielleicht ist das auch erst einmal normal so. Umso wichtiger ist es heute, an diese Zusammenhänge zu erinnern. 
Heile, heile Gänsje, es is bald widder gut. Es ist schon beeindruckend, dass dieser alte Kinderreim es geschafft hat, erwachsene Menschen zu trösten, ihnen Halt zu geben und neue Perspektiven. Menschen, die mit ihren Händen die Trümmer des Krieges weggeschafft haben, die Toten ihrer Stadt begraben und ihre Häuser wiederaufgebaut haben. 
Es wird offensichtlich, dass dieser kleine Vers eine ganz tiefe Sehnsucht der Menschen nach Heil und Unschuld berührt. In uns Menschen gibt es diese Sehnsucht, heil zu sein, ganz zu sein und wo das nicht möglich ist, Heil zu erfahren. 

Eine der ganz ursprünglichen Fassungen vom Heile Gänsje lautet Heile, heile Segen. Ich weiß nicht, wie aus dem Segen ein Gänsje wurde.Aber etwas von dem Segen steckt für mich auch in der fastnachtlichen Version vom Heile Gänsje drin. 
Das Lied erzählt von Zuwendung, von Trost und von der Zuversicht: Alles wird wieder gut. Es ist ein Segen, wenn so etwas spürbar wird. Für mich zeigt sich darin die Zuwendung Gottes durch die Menschen, die hier nicht nur, aber besonders an den Fastnachtstagen spürbar wird.
Ich liebe die fünfte Jahreszeit hier in Mainz und fühle mich auch als Bewohnerin eines hessischen Mainzer Stadtteils liebevoll von Mainz adoptiert. Heute gehe ich nach drüben und schau mir die Wagen an, die morgen am Rosenmontag durch die Straßen fahren, und ich werde ganz bestimmt mitsingen, wenn sie es irgendwo spielen, das Lied vom Heile Gänsje und dabei eine Gänsehaut kriegen.