Impuls: Heilige Quarantäne

für die Kirchenzeitung "Glaube und Leben"

Mainzer Dom (c) Bistum Mainz
Mainzer Dom
Do 19. Mär 2020
Franz-Rudolf Weinert, Pfarrer Hermann Rudolf Münch für die Kirchenzeitung "Glaube und Leben"

Das kirchliche Leben steht still. Wie können Menschen in Zeiten von Corona trotzdem geistlich leben? Franz-Rudolf Weinert, Pfarrer am Mainzer Dom, hat sich gemeinsam mit Pfarrer Hermann Rudolf Münch Gedanken gemacht.

In dieser Woche war die Mitte der 40-tägigen Fastenzeit gekommen, die man in Italien, dem vom Coronavirus so heimgesuchten Land, „Quaresima“ nennt. Das Wort „Quarantäne“ leitet sich davon ab. Die Stadt Venedig verweigerte 1374 zum ersten Mal pestverdächtigen Schiffen die Einfahrt. Daraus entwickelte sich um 1400 eine Isolierungszeit seuchenverdächtiger Ankömmlinge auf „quaranta giorni“, vierzig Tage. Für viele Menschen sind die Tage vor Ostern 2020 ungewollt zur „Quarantäne“ geworden. Wie gehen wir, wie gehe ich als Christ damit um, wenn ich aktuell zu Hause bleiben soll/muss, es derzeit keine öffentlichen Gottesdienste gibt? Die Weisung Jesu am Aschermittwoch, wird jetzt überaus aktuell.

Kirche im Kleinen erfahrbar

So ist das Gebot der Stunde, sich fastend zu verhalten, das heißt achtsam zu sein, um andere und sich selbst zu schützen. Dazu zählt jetzt auch der Verzicht auf Gottesdienste. Das bedeutet nicht, dass mein geistliches Leben nun versiegt. Das persönliche Gebet, die zweite Weisung Jesu vom Aschermittwoch, wird auch hier konkret. Wenn ich morgens und abends bete, bin ich nicht allein: „Der Vater, der das Verborgene sieht“, ist bei mir. „Wo zwei oder drei …“, ein Ehepaar, eine Familie, sich zum gemeinsamen Gebet versammelt, wird „Hauskirche“, Kirche im Kleinen erfahrbar. Täglich können wir Gottesdienste im Fernsehen, Radio, im Internet mitfeiern, das Wort Gottes hören, in großer, weltweiter Gemeinschaft mitbeten und singen. Wenn auch kein Kommunionempfang möglich ist, kann ich mich trotzdem liebend und bewusst dem Herrn zuwenden, ihn loben und preisen und ihm alles übergeben, was mich bewegt, bedrückt, ängstigt und schlaflos umtreibt. In diesem tiefen Vertrauen darf ich mich ihm ganz öffnen und ihn „geistlich“ empfangen – „Du in mir, ich in Dir“. Wer sich so in Jesus geborgen weiß, der kann sich leichter seinen Mitmenschen in der Familie, Nachbarschaft, Freundeskreis, den Alten und Alleinstehenden zuwenden: ein Nachfragen, ein gutes Wort, ein Telefonat, ein Botengang – der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt: „Almosen geben“ hieß es an Aschermittwoch.

„In dieser Krisenzeit zu leben ist für uns alle neu“

In dieser Krisenzeit zu leben, ist für uns alle neu und für Betroffene schwer! Es ist aber auch die Chance, Gott und den Menschen ganz neu zu begegnen. Die Kirche hat in Zeiten von Pest und Epidemien immer gebetet und zugleich gefragt: Wie leben wir, wie lebe ich? – es ist das Grundanliegen der österlichen Bußzeit.

Es gibt eine heilige Corona, eine frühchristliche Märtyrerin; ihr Name heißt übersetzt: „Krone“ und der Heilige, mit dem sie gemeinsam verehrt wird: „Viktor – Sieger“. Vergessen wir nicht: Wir gehen Ostern entgegen! Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes, auch das Corona-Virus nicht.