Impuls: Jetzt-Zeit: ein bewegender Weg durch die Wüste…

Wüste (c) Pezibear auf Pixabay
Wüste
Di 24. Mär 2020
Norbert Nichell

Mitten in der weltweiten Coronakrise zeigen sich Begleiterscheinungen, die sich mit „Wüstenerfahrungen“ umschreiben lassen, wie sie einst (auch) das Volk Israel bei seinem ebenso langen wie mühsamen Weg durch die Wüste in ein Neues, Gelobtes Land machen musste – ohne zu ahnen, wann die Wüsten-Zeit vorbei sein würde und was sie danach erwartet. Allein in der (für-) Wahr-Nehmung, dass sie auf das Alte nicht mehr zurückgreifen können und das Neue noch nicht erkennbar ist.

„Wüste“ wird von denen, die sie durchschreiten als lebensfeindlicher wie auch magischer Ort wahrgenommen: ich kann sie als fremden Ort bis hin zum Gefühl der Verlorenheit angesichts der Endlosigkeit erleben; endlos groß und furchteinflößend sorgt sie für ein Gefühl der Kleinheit und Schwäche; andererseits fasziniert ihre schier unendliche Weite und Schönheit der Formen und Muster in Sand und Gesteinsformationen; sie ist mehr als einfach nur schrecklich oder schön.

„Wüste“ bedeutet „Abwesenheit des Alltäglichen“: das, was mich bisher getragen hat, ist jetzt nicht mehr vorhanden. Jetzt bin ich auf mich selbst zurückgeworfen, ohne die Möglichkeit, mich geschäftig abzulenken und vor mir selbst davon zu laufen: ich bin mit mir und meinen eigenen Gefühlen und körperlichen Grenzen konfrontiert, an die mich dieser „Durchgang“ führt. Kann ich mich ihnen stellen? Wer bin ich jetzt (noch)? Werde ich „durchkommen“?

„Wüste“ erfordert Gemeinschaft: jetzt muss ich mich auf meine Begleitung verlassen können, die des Weges kundig ist, sonst wird die Wüste zur tödlichen Falle für mich. Es ist die Erfahrung des Aufeinander-angewiesen-Seins: (auch) in dieser Zeit kommt es darauf an, miteinander alle „Durststrecken“ zu durchstehen und solidarisch zu handeln, Vorräte zu teilen, Aufmerksamkeit zu haben für die, die jetzt hilfsbedürftig sind und mit anpacken, Lasten teilen, erfinderisch sein mit dem, was möglich ist. Wir erleben dabei, dass wir verletzliche Wesen sind – mehr, als wir es bisher für möglich gehalten haben…

Chaim Noll, der seit über zwanzig Jahren in der Thora-Wüste lebt und dessen Buch „Die Wüste. Literaturgeschichte einer Urlandschaft des Menschen“ gerade in der Evangelischen Verlagsanstalt erschienen ist, beschreibt es mit folgenden Worten: „Ja, wir verstehen hier, dass unser Leben ein ‚Trotzdem‘ ist, also, dass wir trotz der Gefahren, denen wir ausgesetzt sind, es irgendwie schaffen, am Leben zu bleiben. Das spürt man in der Wüste sehr stark. Das sieht man eben auch in der Landschaft, weil die Art, wie beispielsweise das Wasser den Boden behandelt und zerstört, die Strukturen zerstört, einem zeigt, wie einander gegenüberstehende Kräfte miteinander umgehen, dass sie sogenannten Schaden anrichten, dass sie eben den anderen verformen und möglicherweise auch zerstören. Und das spüren sie sehr stark in der Wüste. Sie sind ein zerstörbares, verletzliches Wesen, das jeden Augenblick sterben kann, einfach aufgrund der Umwelteinwirkungen, die wir hier haben … Hier in der Wüste ist es … so, dass man plötzlich genug Muße hat und genug freien Raum, um sich bewusst zu machen, wie gefährdet man ist.“

In seinem Buch schreibt er: „(Der Mensch) … füllte die Leere mit Bildern. Das ging wahnsinnig schnell. Ein Zauber. Man konnte nicht hinaus starren in diese Hügelketten, alle aus dem gleichen blassen Sand, ohne etwas zu sehen. Zunächst waren es Metaphern des Endes, des Abschieds. Der westliche Mensch fühlt sich dem Ende nahe, dabei ist jedes Ende Anfang. Ihm war, als verstünde er zum ersten Mal den inneren Zusammenhang zwischen Vergehen und Beginnen, Tod und Leben. Das zyklische Prinzip unseres Daseins.“

Die Wüste zeigt uns, dass ohne Regeln Wildnis und Faustrecht dominieren würden. Die Wüste(nzeit) hat das klügste und menschlichste Gesetz hervorgebracht, das in seinem Grundsatz Inhalt aller Weltreligionen ist und auf dem unsere demokratische Grundordnung basiert mit einem Ziel: Leben in Freiheit.

Und der „Durchgang“ durch die aktuelle „weltweite Wüste“ zeigt uns, dass auch wir darauf vertrauen dürfen, dass etwas Neues auf uns wartet, wie es schon der Prophet Jesaja verheißen hat: „Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr's denn nicht? Ich mache einen Weg in der Wüste und Wasserströme in der Einöde. Das Wild des Feldes preist mich, die Schakale und Strauße; denn ich will in der Wüste Wasser und in der Einöde Ströme geben, zu tränken mein Volk, meine Auserwählten.“

Deshalb bin ich zuversichtlich, dass wir mit Chaim Noll nach dem aktuellen Durchgang sagen können: „Diese Landschaft (der Welt), so still und selbstversunken sie ist, hat viel Schrecken gesehen und Sterben ... Und viel Durchhalten, Überleben. Beginnen. Wunderbares Auferstehen. Allein das Wissen um dieses Auf und Ab gibt Hoffnung. Der Anblick der verbrannten, verödeten Landschaft, die schwanger ist mit neuem Leben.“

 

(Norbert Nichell, kath. Klinikseelsorger an der Universitätsmedizin Mainz, 19.03.2020)