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Neuer Blick auf das „Haus des Lebens“

Der Jüdische Friedhof in Mainz
Für das UNESCO-Welterbe der SchUM-Stätten Speyer, Worms und Mainz ist es ein Meilenstein: Der Alte Jüdische Friedhof in Mainz hat nun ein Besuchszentrum, die Eröffnung steht kurz bevor.
Datum:
1. Sept. 2026
Von:
von Anja Weiffen

Das neue Gebäude am Alten Jüdischen Friedhof in Mainz liegt erhöht über dem Gräberfeld. Ein Meer der Vergangenheit breitet sich unter den Füßen aus. Verwittert stehen die Grabsteine da, manche schief, manche bedeckt mit einer Kappe aus Moos. Von der Terrasse des Besuchszentrums aus bietet sich ein beeindruckender Blick in ein Heiligtum – ohne es betreten zu müssen. „Im Judentum sind Friedhöfe einer der heiligsten Orte, nicht die Synagoge, nicht das Ritualbad, die Mikwe“, erklären Elke Höllein, SchUM-Koordinatorin bei der Stadt Mainz, und Birgit Kita, Welterbekoordinatorin für Speyer, Worms und Mainz sowie Geschäftsführerin des Vereins SchUM-Städte.

SchUM meint die mittelalterlichen jüdischen Gemeinden in Speyer, Worms und Mainz. Das Kurzwort wird aus den Anfangsbuchstaben der mittelalterlichen hebräischen Stadtnamen gebildet (siehe Hintergrund).

„Friedhof“, erläutert Elke Höllein, „das heißt auf Hebräisch Haus des Lebens oder Haus der Ewigkeit.“ Der Begriff bezieht sich auf die Vorstellung, dass sich die Toten aus ihren Gräbern erheben, „wenn der Messias kommt. Juden glauben wie Christen an die Auferstehung. Die Gräber sind wie Häuser, in denen die Leiber die Auferstehung erwarten. Daher gibt es im Judentum auch keine Einäscherungen.“ Und darum geht es im Besuchszentrum: um die Begräbniskultur im Judentum. Am 6. September wird das neu errichtete Gebäude eröffnet, alle Interessierten sind eingeladen. Es gibt Führungen über den Friedhof, und auf der benachbarten Mombacher Straße findet aus diesem Anlass ein Bürgerfest statt.

Erstes jüdisches Welterbe in Deutschland

Der Alte Jüdische Friedhof in Mainz gehört zum Unesco-Welterbe der SchUM-Stätten Speyer, Worms und Mainz. Der Verein SchUM-Städte kümmert sich zusammen mit den jeweiligen Städten um die baulichen Überreste und deren Vermittlung. Vor fünf Jahren wurden die SchUM-Stätten ins Welterbe aufgenommen. „Sie sind das erste jüdische Welterbe in Deutschland“, betont Birgit Kita.

Mit dem Besuchszentrum bekommt nicht nur Mainz eine neue Attraktion. Auch SchUM – als serielles Welterbe an mehreren Orten – hat nun am Mainzer Standort eine gebührende Anlaufstelle. „In Mainz hielt der Friedhof über Jahrzehnte einen Dornröschenschlaf“, erzählt Elke Höllein. „Frühere Rabbiner der jüdischen Gemeinde waren dagegen, die Besichtigung des Friedhofs zu gestatten. Mit dem jetzigen Rabbiner hatte sich eine vorsichtige Öffnung angedeutet, so dass wir erstmals Führungen anbieten konnten. Als wir die Anerkennung des Welterbes vorbereiteten, dachten wir, dass es sehr schade wäre, wenn nur wenige Menschen Zugang zu diesem Welterbe hätten.“

Ausstellung mit zehn Stationen

Der eingeschossige Bau mit einer breiten Fensterfront zum Friedhof hin beherbergt vor allem einen großen Ausstellungsraum. Auch Veranstaltungen sollen hier stattfinden können. Künftig werden Besucherinnen und Besucher hier in einer Dauerausstellung mit zehn Stationen mehr über die SchUM-Städte erfahren. Elke Höllein zählt die vielen Fragen auf, die das Zentrum beantworten soll: „Warum ist SchUM hier am Rhein entstanden? Was hat die drei Gemeinden verbunden? Was war der Bezug zwischen der christlichen Mehrheitsgesellschaft und den jüdischen Gemeinden? Warum wird das Wissen über SchUM noch heute in Israel im Schulunterricht gelehrt?“

Warum es das Besucherzentrum braucht, erläutert Birgit Kita, die früher Kuratorin und Leiterin der Museumpädagogik im Mainzer Dom- und Diözesanmuseum war. „Vermittlung ist eines der Schwerpunktthemen im Welterbe“, erläutert sie. „Wenn etwas diesen Status erreicht, dann geht es um Schutz, Erhalt und Vermittlung. Die Vermittlung übernimmt die wichtige Funktion, das Welterbe im Heute für die Zukunft zu sichern. Wenn wir heute den Menschen erklären, warum etwas Welterbe ist und sein Erhalt wichtig, sind Menschen eher bereit, es für nachfolgende Generationen zu schützen.“

Auf dem Friedhof sehe man sehr schöne Dinge, sagt die SchUM-Geschäftsführerin. „Man erlebt die Stimmung, man sieht die alten Grabsteine. Das ist per se schon ein Erlebnis, aber die Steine reden nicht selbst, sondern wir müssen sie erst zum Sprechen bringen.“

Während es am SchUM-Standort Worms um das damalige jüdische Gemeindeleben geht und in Speyer mit seiner Mikwe um das Thema Reinheit, steht in Mainz die Begräbniskultur im Mittelpunkt. „Hier lernen Besucher eine Menge über Trauerrituale im Judentum, über die Bedeutung von Friedhöfen“, sagt Höllein. „Sie lernen, die Grabsteine zu deuten. Wir entziffern, was dort eingraviert ist. Wir erfahren etwas über die Menschen, die hier bestattet wurden.“

Große Gelehrte sind hier begraben

Die Steine seien ein Spiegelbild der Geschichte, auch des mittelalterlichen Mainz. „Die Denkmäler der SchUM-Städte zeugen von der Hochzeit des Zusammenlebens, der friedlichen Koexistenz, aber auch von der Verfolgung. Insofern ist das auch ein Ort gegen Antisemitismus und gegen die Verfolgung von Andersgläubigen“, sagt die Mainzer Koordinatorin Höllein.

Besucher haben die Möglichkeit, das Hauptgelände des Alten Jüdischen Friedhofs in Mainz über einen Weg zu durchqueren und dabei die Grabsteine anzuschauen. Ein anderer Teil darf dagegen nicht betreten werden. „Der sogenannte Denkmalfriedhof ist gläubigen Jüdinnen und Juden vorbehalten“, erklärt Elke Höllein. „Dort befinden sich die Grabsteine der großen Gelehrten des Mittelalters, für die SchUM bis heute steht und die weiterhin verehrt werden. Man kann sich das vorstellen wie einen Pilgerort in der christlichen Tradition oder bei den Muslimen, die nach Mekka reisen. So gehen jüdische Menschen unter anderem nach SchUM und besuchen die beiden jüdischen Friedhöfe in Worms und Mainz.“

Es sei für die Gläubigen ein besonderes Erlebnis, die Grabsteine berühren zu können und dort Botschaften zu hinterlassen. „Ähnlich wie bei uns die Fürbitten. Es werden Zettel geschrieben, mit denen um Gesundheit und ein langes Leben gebeten oder für Familie und Freunde gebetet wird.“ Rabbiner aus aller Welt legen dort Gebetstexte nieder. „Sie besuchen diesen Ort, um sich inspirieren zu lassen und um an die Vorgänger zu erinnern.“

Für den Tag der Eröffnung erwartet das Organisationsteam mehrere Hundert Gäste. An die Männer gilt dabei ein besonderer Hinweis: „Im Judentum tragen Männer an den heiligen Orten, auf dem Friedhof, in der Synagoge und überall dort, wo sie ein Zeichen für die Verehrung Gottes setzen wollen, als Demutszeichen eine Kopfbedeckung, eine Kippa“, sagt Birgit Kita. „Es kann aber auch jede andere Kopfbedeckung sein, ein Basecap, eine Mütze oder ein Tuch. Wir möchten daher zum Zeichen des Respekts alle Männer bitten, eine Kopfbedeckung zu tragen.“ Kippot (Mehrzahl von Kippa) können aber auch im Besuchszentrum ausgeliehen oder gegen Spende erworben werden.

 

 

Bänke zum Verweilen

Elke Höllein, SchUMKoordinatorin bei der Stadt Mainz, und Birgit Kita, Welterbekoordinatorin der SchUM-Stätten.

Am Schabbat, also samstags, und an den jüdischen Feiertagen bleibt der Friedhof geschlossen. Das Besuchszentrum ist bei freiem Eintritt von Dienstag bis Sonntag geöffnet. Bis zur Eröffnung des Besuchszentrums ist der Friedhof nur mit einer Führung besuchbar. Die Terrasse am Zentrum oberhalb des Friedhofs ist zu jeder Zeit zugänglich. Dort laden Bänke zum Verweilen ein, um diesen neuen Ausblick an einem heiligen Ort in Ruhe auf sich wirken zu lassen. 

 

Eröffnung des Besuchszentrums am Alten Jüdischen Friedhof in Mainz am Sonntag,
6. September, von 13 bis 18 Uhr.
Mit Führungsangebot bis 16.30 Uhr. Bürgerfest an der Mombacher Straße.
Rahmenprogramm: mainz.de/angebote-entdecken/kultur/stadtgeschichte/magenza/besucherzentrum

Das Besuchszentrum am Alten Jüdischen Friedhof auf dem Judensand, Teil des UNESCO-Welterbes SchUM, befindet sich aktuell im Bau. Der Alte Jüdische Friedhof in Mainz ist einer der ältesten und bedeutendsten jüdischen Friedhöfe Europas.

HINTERGRUND

Mit dem Kurzwort SchUM sind die mittelalterlichen jüdischen Gemeinden in Speyer, Worms und Mainz gemeint. Die Abkürzung stammt von den Anfangsbuchstaben der alten hebräischen Namen der Städte Speyer (Schpira), Worms (Warmaisa) und Mainz (Magenza). Der Verein SchUM-Städte e. V. arbeitet daran, das jüdische Erbe der SchUM-Stätten weiter zu erschließen. Träger des Vereins sind das Land Rheinland-Pfalz, die Städte Speyer, Worms und Mainz, die Jüdische Kultusgemeinde Mainz-Rheinhessen, die Jüdische Kultusgemeinde der Rheinpfalz und der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Rheinland-Pfalz. www.schumstaedte.de