Wir alle wollen leben, wir wollen glücklich leben. Diesen Hunger nach Leben und Glück suchen die Menschen freilich auf verschiedene Weise zu stillen: Viele unserer Zeitgenossen erwarten die Erfüllung ihrer Sehnsucht von Geld und Besitz. Andere wollen das Leben in vollen Zügen genießen. Manche suchen das Glück im beruflichen Erfolg. Jeder von uns ist mehr oder weniger in irgendeiner Weise ein Glück-Sucher.
Gleichzeitig erfahren wir immer wieder auch das andere: wie brüchig unser Glück ist. Wie es immer wieder „durchkreuzt“ wird durch Leid und Misserfolg, durch berufliche Rückschläge und Einsamkeit, durch Schuld und Sünde, durch Krankheit und Tod. Jeder hat irgendwann und irgendwie sein Kreuz zu tragen.
Auf den tieferen Sinn der Kreuze an unserem Lebensweg macht uns Jesus im heutigen Evangelium aufmerksam.
Das Kreuz passt nicht in unser Glückskonzept. Jeder normale Mensch ist darauf aus, sein Kreuz so schnell wie möglich abzuschütteln. Alles, was weh tut, wollen wir loswerden. Wir gehen dem Kreuz aus dem Weg, ja wir fliehen panikartig vor ihm. Wir wollen doch leben!
Wir denken nicht anders als Petrus im Evangelium. Als Jesus davon spricht, er müsse nach Jerusalem hinaufgehen, dort werde er vieles erleiden, ja er werde getötet werden, protestiert Petrus heftig: „Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen!“(16,22). So denkt Petrus. Und so denken wir.
Und was antwortet Jesus? Mit ungewöhnlicher Schroffheit weist er Petrus zurecht: “Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall bringen; denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen“(16,23). Und er wendet sich an die Jünger mit Worten wie: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.“ (Mt 16,24-27).
Ist das alles nicht gegen unseren gesunden Menschenverstand“ Wir wollen doch uns selbst verwirklichen, nicht uns selbst verleugnen; das Leben gewinnen, nicht verlieren. Es sind in der Tat nicht unsere Gedanken. Und doch bleibt Jesus dabei: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach!“(16,24). Wer Christ sein will, muss lernen, die Gedanken Gottes zu denken und den Willen des Vaters zu erfüllen wie Jesus.
Die Erklärung zu diesen nicht ganz einfachen Worten hat Jesus selbst gegeben und zwar mit seinem Leben. Er hat sein Leben eingesetzt für Gott und die Menschen. Und Jesus ist davon überzeugt: Dieses Lebensgesetz - Leben verlieren, um es zu gewinnen - gilt auch für uns.
Wer etwas vom Leben haben will, koste es was es wolle, wer nur ja nichts versäumen, auf nichts verzichten will, der wird sein Leben letzten Endes verlieren. Wer aber wie Jesus bereit ist, sein Leben einzusetzen für eine gute Sache, wer seine Kraft und seine Zeit in den Dienst Gottes und seiner Mitmenschen stellt, der wird das Leben gewinnen. D.h. er wird die Erfahrung machen, dass ein solches Leben sinnvoll ist, bereichert und Erfüllung schenkt.
Wer also im Sinne Jesu sein Leben erhalten will, muss bereit sein, anderen davon etwas zu geben. Das kann unter Umständen auch bedeuten, dass ich bereit bin, eigene Lebensziele und Wünsche zurückzustellen, um Gerechtigkeit und Wohlergehen anderer zu fördern. Wer sich vor lauter Angst, im Leben zu kurz zu kommen, schonen will und deshalb nicht bereit ist, für andere Verzicht und Einschränkung auf sich zu nehmen, geht letzten Endes am wahren Leben vorbei.
Jesus will uns nicht um unser Leben und unser Glück bringen. Er möchte zu einem erfüllten Leben einladen. Aber ein solches Leben ist nicht zum Nulltarif zu haben. Ganz ohne Anstrengung und Selbstüberwindung, ohne Verzicht und Opfer, ohne die Erfahrung von scheinbarem „Lebensverlust“ geht es nicht.
Ein Professor für Neues Testament sagte einst seinen Theologiestudenten: „Mit Jesus unterwegs sein heißt auf dem Kreuzweg sein, es ist ein Leidensweg, und die Konflikte sind solche, die sich im Alltag ergeben.“ Ja, wir müssen das Kreuz nicht erst suchen. Es ist einfach da mitten im Alltag oder anders ausgedrückt: Die tägliche Last und Plage ist das Kreuz, welches der Alltag mit sich bringt und von dem Jesus sagt, wir sollen es auf uns nehmen und tragen.
Das Kreuz auf sich nehmen und es Jesus nachtragen. Aber warum gerade ich? Und ist dieses Kreuz nicht zu schwer?
Eine Legende erzählt:
Ein Mann war mit seinem Kreuz unzufrieden und beschwerte sich bei seinem Schutzengel. Da nahm dieser ihn mit in den Himmel und führte ihn in einen großen Raum, der angefüllt war mit vielen Kreuzen. Er durfte sich ein passenderes aussuchen. Der Mann nahm dieses und jenes Kreuz zur Hand. Das eine war zu kantig, das andere zu schwer, das nächste zu groß. Da griff er nach einem in der Ecke: Das schien ihm das Beste. Er drehte es um. Da stand sein Name drauf. Er war sein Kreuz, das gleiche, das er auch bisher schon getragen hatte. Gott lässt uns kein Kreuz tragen, das wir nicht mit seiner Hilfe tragen könnten.
Der hl. Franz von Sales schreibt passend dazu: „Gottes ewige Weisheit hat dir dein Kreuz gegeben als Sein kostbarstes Geschenk. Bevor er dir dieses Kreuz schicke, hat Er es gemustert mit Seinem allwissenden Auge. Er hat es durchdacht mit seinem göttlichen Verstand. Er hat es geprüft mit Seiner weisen Gerechtigkeit. Durchwärmt mit liebendem Erbarmen. Er hat Dein Kreuz gewogen mit seinem beiden Händen, ob es nicht einen Millimeter zu groß, ein Milligramm zu schwer sei. Dann ha er es noch gesegnet mit Seinem heiligen Namen, gesalbt mit Seiner Gnade, durchhaucht mit Seinem Trost. So kommt dein Kreuz aus dem Himmel als ein Gruß des gütigen Vaters.“
Jesus will mit seinem Wort von der Kreuzesnachfolge das Leben nicht miesmachen oder uns die Freude am Leben verderben. Das eigene Kreuz auf sich nehmen, ein schweres Schicksal annehmen und es tragen erfordert Mut. Wir müssen es ein Leben lang lernen. Aber es hilft und wachsen und reifen.
Schließlich fragt Jesus noch: „Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt?“ Jesus will nichts anderes, als dass unser Leben gelingt. Das aber bedeutet, sein Herz nicht an das Haben, an Besitz und Reichtum zu hängen – nach dem Motto „Wer wird Millionär?“
Die entscheidende Frage wird immer wieder sein: Woran hängt mein Herz? Martin Luther hat es so formuliert: „Woran dein Herz hängt, das ist dein Gott.“ Das Herz an Jesus zu hängen eröffnet neue Perspektiven, eröffnet die schönsten Aussichten: „Der Menschensohn wird mit seinen Engeln in der Hoheit seines Vaters kommen und jedem Menschen vergelten, wie es seine Taten verdien.“
Wer den Mut hat, sich auf Jesus und seine Botschaft einzulassen, und das bedeutet auch Anstrengung, Opfer, Verzicht um einer guten Sache willen – der wird die Erfahrung machen, wie wahr seine Worte sind: „Wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.“
A m e n