Schmuckband Kreuzgang

Das Wort zum Sonntag

Der Glaube bleibt ein Wagnis - Text: Mt 14,22-33

Pfarrer Karl Zirmer (c) Markus Schenk, Büttelborn
Pfarrer Karl Zirmer
Datum:
Sa. 8. Aug. 2026
Von:
Pfarrer Karl Zirmer

Die Erzählung vom Gang Jesu über dem Wasser, die wir soeben im Evangelium vernommen haben, ist keine Reportage über ein sonderbares Naturwunder. Vielmehr wird in dramatischen Bildern dargestellt, was der Glaube an Jesus Christus ist und bewirkt.

Das Boot, das von Wind und Wellen in nächtlicher Stunde hin und her geworfen wird, ist ein treffendes Bild für unser Leben.. Auch wir sind im Boot unseres Lebens immer wieder unterwegs. Wir, die Glaubenden, sind aber nicht auf einem sicheren Luxusdampfer unterwegs. Wir sitzen vielmehr - wie die Jünger Jesu - in einem armseligen Fischerboot. Und uns bleiben die Zeiten nicht erspart, in denen wir den Sturm und den Gegenwind spüren.

Das heutige Evangelium zeigt uns: Der christliche Glaube ist weder ein sicherer Besitz, den wir – einmal erworben – nie wieder verlieren können, noch ist er eine Lebensversicherung, die uns vor den Wechselfällen des Lebens bewahrt. Der Glaube ist oft ein mühseliges Wanken und Schwanken auf dem Meer des Lebens.

Christlicher Glaube ist - menschlich gesprochen - immer auch ein Wagnis, ein Risiko, ein Sprung in‘ s Dunkle.

Petrus hat auf Jesu Wort hin den Sprung in‘ Dunkle gewagt. Auf Jesu Wort hin stieg er aus dem Boot und ging über das Wasser auf Jesus zu.

Glauben heißt in diesem Zusammenhang aus dem Boot unserer Gewohnheiten, unserer Selbstsicherheit, ja unserer Lebenserfahrung auszusteigen und auf den Ruf Jesu hin über die Wasser des Lebens  zu gehen. Wie immer auch diese Wasser im Leben des einzelnen heißen, der Glaube an Jesus trägt über die Wasser. Er trägt, wenn unser Blick wie der des Petrus am Anfang fest auf Jesus gerichtet ist, wenn wir ihm und seinem Wort mehr vertrauen als unserer Kraft und unserer Erfahrung.

Dass der Glaube trägt, ist eine Erfahrung, die jeder von uns machen kann. Als ich heute genau vor 35 Jahren meine Heimat verlassen habe, um in Deutschland ein neues Zuhause zu suchen, da war dieser Schritt für mich wie ein Sprung ins kalte Wasser. Ich wollte aus verschiedenen Gründen nicht mehr in der angestammten Heimat bleiben, aber der Neuanfang in Deutschland war gleichzeitig mit vielen Problemen und Schwierigkeiten verbunden. Lange Zeit war es ungewiss, ob ich überhaupt hier Fuß fassen kann. Es gab Schwierigkeiten mit meinem damaligen Bischof. Und als diese aus der Welt geschafft waren, gab es neue Sorgen und Probleme. Wie Seelsorge in Rumänien ging, wusste ich; wie dieser Dienst in Deutschland auszuüben ist, musste ich erst mühsam lernen. Es war ein riskanter Weg, den ich vor 35 Jahren eingeschlagen habe.

Heute kann ich im Rückblick auf diese spannungsreiche Zeit getrost feststellen: Die Entscheidung war richtig. Und ich habe diesen Schritt bis zum heutigen Tag nicht bereut.

Und noch eine interessante Erfahrung habe ich dabei gemacht. Das hat jetzt nichts mit meinem Glauben zu tun: In meiner Heimat bin ich nicht mehr zu Hause. Zuhause bin ich jetzt hier. Aber mein Zuhause ist nicht die eigentliche Heimat.

Man muss im Leben immer wieder auch Risiken eingehen. Denn nur wer wagt, gewinnt. Der Glaube ist wie ein Sprung ins Dunkle. Er ist aber kein blindes Risiko, kein blindes Wagnis. Unserem Wagnis gegenüber steht die Treue Gottes, auf die wir uns im Glauben einlassen dürfen. 

Die Macht des Glaubens erfährt nur, wer den Mut aufbringt, den Weg des Glaubens zu gehen. Das heutige Evangelium will uns Mut machen. Die Macht Jesu – so sagt es uns das Evangelium - ist stärker als Wind und Wogen. Der Glaube trägt uns- auch bei noch so hohem Wellengang. Wenn wir für Christus, den Auferstandenen, entscheiden, bleiben wir zwar nicht von Zweifeln und vom Versinken bewahrt, aber wir werden aufgefangen. Wir gehen nicht unter.    

Die Erzählung von Jesu Wandel über den See enthält in einem unvergesslichen Bild eine Beschreibung unseres Glaubensweges. Christlicher Glaube besteht darin, dass wir unsere Sicherheiten „verlassen und zu Jesus gehen“. Dieser Glaube ist und bleibt ein Wagnis. Er muss in immer neuen Schritten vollzogen werden. Er soll in das Bekenntnis der Jünger einmünden: „Wahrhaftig, Gottes Sohn bist du!“

Schließen möchte ich mit einer wunderschönen Geschichte: In einem Keller in Köln, wo sich während des zweiten Weltkrieges Juden verborgen hielten, wurde ein Spruch entdeckt, der Ausdruck eines tiefen Gottvertrauens ist und zeigt, wie man selbst in größter Not an Gott festhalten kann: „Ich glaube an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint. Ich glaube an die Liebe, auch wenn ich sie nicht fühle. Ich glaube an Gott, auch wenn er schweigt.“

A m e n